Tomer Gardi – Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück

Im Grunde ertrage ich nur noch Geschichten; es gibt zum Glück genug davon.

Am wohlsten ist uns doch wenn wir Arenen um uns herum bauen und uns ein Schauspiel bieten können. Mit ein wenig Abstand dem ganzen Spektakel beiwohnen, von einem besseren Platz aus und an den richtigen Stellen Beifall spendend.

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Erste Ebene in Tomer Gardis Roman das Arbeitsamt, durch die Sicherheitskontrollen, zum Schalter und sich den Stempel holen. „Schriftsteller ist kein Beruf“. Es ist ein Beruf, sagt die Frau. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, schlägt sie vor. Wenn sie Ihnen gefällt, bekomme ich den Stempel. Und sie erzählt. Ein bekanntes Motiv.

Wenn dem „König“ die Geschichten nicht mehr gefallen, ist das Leben vorbei – gibt es keinen Stempel. Eine nicht ganz so märchenhafte, doch ebenso wahre Sheherazade-Variante.

Speziell dem Schriftsteller sind nur Geschichten wichtig und er schaut, was ihm dafür taugt.

Beim Schreiben ein neues Kapitel anfangen? Nichts leichter als das! Mach einen Punkt hinter dem letzten Satz, drück die Enter-Taste auf dem Laptop, bis du das Seitenende erreichst, und siehe, da hast du es: ein neues Kapitel. So einfach ist das. Nichts Besonderes. Nur, so funktioniert es im Leben eben nicht. Hier täuscht uns das Geschriebene. Und ich war doch ein Künstler eben dieser Täuschung. Aber im Leben?

Zweite Ebene, dafür nimmt man eine der Erzählungen, etwa die vom Stierkampf. Da werden in Israel mittlerweile auch die dafür extra gezüchteten Stiere in Arena gebracht, einzig, um zu Tode gebracht zu werden. Es gibt drei Kapitel wie in einer klassischen Tragödie und das Ende ist unausweichlich. Allein die Matadores haben keine spanisch klingenden Namen.

Das ist das Spektakel, an jedem Schabbat. Jedem in der Menge ist der Ausgang des Schauspiels bekannt. Die Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Vorgangs, seine Spuren, werden in den Pausen von Dienstleistern weggeharkt, der Kadaver zum Schluss beseitigt. Der Stier, das wilde Tier, hat keine Chance und wird so hergerichtet, dass er keine haben kann und wenn er es könnte, zum Schluss selbst dem Schauspiel ein Ende bereiten würde – nur Tieren ist es im Gegensatz zum Menschen nicht vergönnt, ihr Leid selbst zu beenden.

Ich würde aber an dieser Stelle meinen, es ginge nicht in erster Linie um das leidende Tier, so wie es nicht, wie an anderer Stelle erzählt, um soziale Mißstände oder um das Verhältnis von Israelis und Arabern geht.

Es geht um die täuschende Kunst, um ihre besondere Eigenschaft, das Unvermeidliche aufzuschieben und den Eindruck zu vermitteln, das Ganze hätte so etwas wie eine schicksalshafte Bedeutung – und dabei haben doch nur manche Motive einen gewissen Schauwert. Wir schlagen damit die Zeit tot, während sie es langsam mit uns tut.

Ich wollte, ich hätte einen längeren Waldspaziergang vor mir, um die Gedanken besser zu sortieren und in Gedanken auszuformulieren zu können – keine Zeit.

Doch Tomer Gardi hat in bester Hodscha-Nasreddin-Manier, in einer sehr frischen Sprache, mir den Gefallen getan, es auf sehr unterhaltsame Weise einmal anzusprechen.

Die Nacht ist noch lang. Für’s Erste ist zu wünschen, sie mit solch gelungenen Geschichten verbringen zu können. Dass wir einmal ohne solche es uns werden erträglicher machen können, ist nicht anzunehmen.

Tomer Gardi, Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück (Droschl Verlag)

 

 

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