XXXIV. Das Geburtstagsgeschenk

Und was geschenkt wurde, wird nicht mehr zurückgenommen werden können, um es den rechtmäßigen Besitzern zu übergeben. Es ist passiert. Für die Folgen übernehme ich die allervollste Verantwortung. Nur einen Moment war ich unaufmerksam, war ich, weil ich kein passenderes Geschenk gefunden hatte, kopflos vor Panik. Vielleicht hatte ich am Abend zuvor zu viele Gläser Vollmilch getrunken. In jedem Fall, als ich dann an Tischers Geburtstag ihn fragte, was er sich wünsche, sagte er

„Die ganze Welt.“

Sagte ich

„OK.“

Da war’s passiert. Die Welt gehörte ab dem Moment Tischer.

Tischer

Merkt man es schon? Irgendeine Veränderung? Bitte gleich sagen, ich schau, es irgendwie wieder einzurenken. Ich stehe ja in direktem Kontakt zum Weltenbesitzer. Und bitte alle Beschwerden besser über mich oder an einen anderen seines Stabes. Ich weiß, was ich da angerichtet habe. Ich selbst bin jetzt sehr eingespannt in Weltregierungsarbeit.

Da wäre jetzt erstmal die Besichtigung der Ländereien, die Inventur: wieviele Bäume sind’s, Straßen, Spatzen usw.. Dann müssen in all den Ländereien die Präsidenten und Parlamente, die Könige und Kaiser entweder auf Tischer eingeschworen oder sanft vor die Tür gesetzt werden, also in eine Rakete und ab hinter irgendeinen Mond, weil die nicht mehr gebraucht werden; Tischer ist die ultimative Herrschaftsform (meint Tischer). Nun, dennoch verzichtet er nicht auf Minister, auf manche schon; für Verteidigung oder Finanzen ist noch ein Plätzchen frei in der Rakete. Weil für Verteidigung wird ein Minister nicht mehr benötigt, das macht Tischer selbst durch bloße Existenz. Und Finanzen, das ist eh zu langweilig und kompliziert und hält einen von Wichtigerem ab. Wer das bloß erfunden hat, meint Tischer.

Aber es gibt neue Minister, z.B. einen für Aventiure, ein Knochenjob, denn im Grunde ist das ja von Tischer alles längst schon abgearbeitet. Dieser Minister muss nun jeden Morgen zum Frühstück eine wohl ausgearbeitete Aventiure präsentieren, sonst wird er der Rakete hinterher geschickt. (Gerade heute Morgen ist eine Stelle freigeworden, wer will.)

Ein anderer Minister kümmert sich ausschließlich um Anbau und Aufzucht von Spatzenkolonien, sowie die Legalisierung ihres Verzehrs, was mit Tischers Herrschaftsantritt bereits geschehen ist, das steht also nur in der Stellenbeschreibung, kommt aber nicht mehr zur Ausführung, der Minister kann die freie Zeit nutzen, um sich ein Brötchen zu holen.

Überhaupt Minister: wichtig ist und war Tischer bei der Auswahl, sie sollen nicht viel reden, da sie nichts zu sagen haben. Allein zur ersten Runde, da dürfen sie ein wenig schmeicheln und Tischer preisen. Und ein Auserwählter darf Tischer eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.

Oberster Chefdiplomat ist selbstredend Marcel, doch da es nichts zu diplomieren gibt, auch weil es kein Ausland gibt, in das in Krisenzeiten zu reisen ist, weil alles zu Tischers Reich gehört, verbringt Marcel die Zeit weiterhin mit Lesen  zumeist und in der Regel Tolstoi.

Ich bin Tischers Chauffeur und damit ausgefüllt.

Aktuell sucht Tischer für die Ausübung seiner Herrschaft einen geeigneten Regierungssitz, lässt suchen, gerne so zwei bis drei Zimmer, ovale Räume, mit West- oder Ostflügel, gerne auch in weiß. Wer etwas weiß und sich beim Weltenherrscher beliebt machen möchte, nur zu. Die Höhe der Miete ist letztrangig, da ein Weltherrscher es mit der Miete eh nicht so genau nimmt, wie man sich wird denken können.

Verhaltenskodex für alle Bürger und Untertanen: viel Text vermeiden, immer lieb sein und es ja nicht wagen, zu behaupten bzw. bloß zu denken, mehr Streifen zu haben als der Hochwürdigste selbst.

Was mich rührt und wofür ich Tischer in seiner Herrschaftlichkeit ewig dankbar sein werde, ist die Umrüstung aller Panzer und Panzerähnlichen in Fiat 500. Bis auf einen, mit dem er gelegentlich durch den Garten fährt.

Rhetorische Frage: gibt es eine bessere Herrschaftsform als Demokratie? Ihr werdet euch daran gewöhnen, wenn es auch etwas schnell ging.

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Liebe am Nachmittag …

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…war aber nicht. Viele Nachmittage nicht, alle nicht. Wieviel Staub erträgt so ein wartendes Herz, und ganz tief eingegraben die Liebe. Nicht einmal storniert, noch rechtzeitig zur Hauptsaison. Gebühren wären da fällig. Es hätte das Herz für einen anderen zur Verfügung stehen können. Jetzt ist die Saison vorbei. Herz geht leer aus. Das All-Inclusive, ein Versprechen, Herz bleibt darauf sitzen.

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Bitte, kein Bedarf mehr, Herz, ein Versprechen, reserviert für einen Thomas, kann nun haben, wer will.

Der Platz wird für anderes gebraucht. Es wird Abend. Warum nicht eine Serie schauen? Allein?

 

 

Sonntagsfrage: Ist Franz Kafka ein Staubsauger?

(Ist James Joyce ein Stabmixer, Marcel Proust ein Toaster, Max Frisch ein Schweizer Taschenmesser oder Pawel Salzmann eine Waschmaschine russischer Bauart?)

Ich saß letzte Reihe, die Frage wurde in der ersten gestellt: braucht es noch ein Buch zu Kafka? Jedem, der noch alle Sinne beieinander hat, drängt sich dabei die Frage auf, ob Kafka ein Haushaltsgerät ist und war, wobei mit Kafka verkürzt Kafkas Werke gemeint sind. In dem Moment, in dieser Runde, versagte mir die Stimme. Es ist schwer, von der letzten Reihe aus, berechtigte Fragen wohlfeil zu stellen. Doch der Gedanke beschäftigte mich weiter…

Kafka

Ich habe einen Staubsauger. Gekauft habe ich ihn im Elektrodiscounter. Das war vor 10 Jahren oder so. Ich brachte ihn nach Hause. Ich machte den Karton auf, sortierte die Bauteile, las die Bedienungsanleitung. Sie war verständlich.  Den Sauger schloss ich an die Steckdose an. Er saugte. Das tut er heute noch. Selbst das Auswechseln des Beutels war nie ein Problem. Ich könnte keinen Staubsauger bauen, aber ich kann ihn zusammensetzen und bedienen. Wie das geht, steht in der Bedienungsanleitung. Ich gebe zu, oft steht der Staubsauger nur in der Ecke, obwohl es wieder Zeit wäre. Doch auch wenn ich ihn erst wieder nach Wochen hervorhole, weiß ich gleich, was zu tun ist. Ich muss dann nicht einmal mehr in die Bedienungsanleitung schauen.

Ich habe einen Kafka. Gekauft habe ich ihn in einem Buchladen. Das war vor 30 Jahren oder so. Ich brachte ihn nach Hause. Er war in keinem Karton. Er musste nicht zusammengesetzt werden. Er hatte keine Bedienungsanleitung. Doch ich las. Das tue ich heute noch. Ich gebe zu, er stand oft für Wochen und Monate im Regal. Und wusste doch selten, warum es wieder an der Zeit gewesen ist, ihn doch einmal wieder hervorzuholen und ihn zu lesen.

Es gibt Ecken, da ist schwer zu saugen. Es gibt Aufsätze, die sind genau dafür gemacht. Wie anzubringen, stand in der Bedienungsanleitung. Dann ist wieder sauber in diesen Ecken. Oder auch in diesem Spalt der Couchgarnitur. Da ist so ein schmaler Aufsatz sehr praktisch. Krümel, Staubflusen, eben Schmutz, weg.

Kafka les ich einfach so. Buch auf, diese oder jene Erzählung, Buch zu. Ich musste nie irgendwelche Ecken berücksichtigen. Ich könnte, aber ich muss es nicht. Ich könnte für eine bestimmte Ecke Kafka auf bestimmte Weise lesen, aber ohne Bedienungsanleitung und Zubehör, da les ich ihn einfach so. Ist das falsch? Bleibt in einem Spalt, an den ich nicht denke, zwangsläufig etwas zurück? Es gibt für einen Kafka -vielleicht- viel mehr Ecken und Stellen, an die schwer hinzukommen ist, als dass man jemals, so viele Aufsätze es auch noch werden, damit an ein Ende kommen könnte. Es mag für Momente reichen.

Dann stellt man den Kafka zurück, den Staubsauger in die Abstellkammer, und wendet sich anderen Dingen zu, liest mal wieder Proust oder macht sich einen Toast Hawaii.

Um es zu sagen: Kafka ist kein Staubsauger. Literatur ist überhaupt kein Haushaltsgerät. Sie hat keine Bedienungsanleitung und sollte nicht so behandelt werden, als hätte sie eine. Literatur kümmert sich nicht um die eine Sache, als wäre es das rituelle Samstag-Vormittag-Saubermachen, bevor der Besuch kommt.

Es ist nie genug mit Kafka, Literatur oder Kunst im Allgemeinen – und irgendwie die Wohnung oder das Leben im Allgemeinen endgültig aufgeräumt.

Warum dann aber lesen und darüber vergessen, wie staubig es um einen herum langsam wird?

Aus dem Schlimmsten das Beste machen

Natürlich können wir weiterjammern. ‚Öööh, warum isses so warm…ich verdurste…ich ertrinke…Menno, früher waren die Jahreszeiten auch besser….“. Wir können es so halten. Oder, Gegenbeispiel, wir leugnen, stellen uns blind und taub und in die Ecke und machen einfach so weiter.

Wir könnten aber auch einfach neue Wege beschreiten. So wie Bernd W. aus Berlin Moabit. Der ist keiner von den jungen Innovativen. Der war früher Reservetorwart in der zweiten Mannschaft von Blau-Weiß Berlin, aber nach einem Knieschaden, noch keine Dreißig… Jetzt ist er Besitzer eines Spätkaufs. Und seine Tochter hat letzten Monat Zwillinge bekommen. Da hat Bernd W. an die nächsten Generationen gedacht. Was kann er tun, hat er sich überlegt. Also ER, nicht die Politiker, nicht die Industrie, die Wissenschaft. Seinen Teil beitragen. Für die Enkel. Dass sie nicht ertrinken müssen, nicht verdursten und wenigstens die theoretische Möglichkeit hätten, von einem Eisbären gefressen zu werden. Das stünde ihnen genauso zu wie seiner Generation.

Und er kam drauf. Ganz simpel: neben Presseartikeln, Flaschenbier und Tabak bietet Bernd W. seit dieser Woche auch Gletschereis an, in den Sorten Nord- & Südpol, sowie Alpen und Himalaya, zunächst in kleinen Bechern. Doch Bernd W. denkt schon daran, in größere Räume umzuziehen, da er ausgerechnet hat, wieviel Gletschereis er an den Mann bringen muss, um Enkel und Eisbären zu retten: schon….

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Noch zwar ein Geheimtipp in Berlin, aber solche Vorhaben, wie das von Bernd W. könnten Schule machen. Und dann dürfte die Welt so ziemlich gerettet sein. Zumindest, was globale Erwärmung angeht.

Phantasie und Mähdrescher

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Morgens beim Gehen zumeist, Dämmerung, wenig Menschen, ich nehme sie zumindest kaum wahr, erste Vögel, die aber doch, hüpft meine Phantasie wie durch Gefilde, übermütig und tänzelnd, hier hin, da hin, große und kleine Sprünge.

Ich habe kein Diktiergerät dabei, keinen spitzen Bleistift. Auf Instragram oder als Selfie wird es nicht festgehalten. Es passiert dennoch. Dann bin ich in diesem Momenten Montaigne, Proust und Ringelnatz, je nach Fall. Oder bin der Autor vom Vorabend, idealisiert und quergedacht. Oder es ist nur ein Bild, eine Sentenz, ein Wort, das ausbricht. Vieles kann dienen.

Und sie springt, leichtfüßig, gazellenhaft. Glaubt’s. Oder glaubt’s nicht.

Denn später, da bleibt so wenig davon. Was, das erscheint einbeinig, prothesenhaft, zum Sprunge kaum fähig. Was, am Tage besehen, nimmt einem den Sprung? Das hier ist nur Abglanz. Es hält den Lauf vom Morgen nicht fest Oder hat er gar nicht stattgefunden? Ist das bloße Meinung? Ich beginne da, selbst zu zweifeln.

Das Wild, das springt im Morgengrauen am weitesten, am höchsten.  Und später ist es Braten. Zerlegte Filetstückchen vielleicht noch höchstens, serviert, dargereicht, verschlungen, ein kleines Rülpschen, dann Mittagsschlaf.

Ich möchte so gerne den Urzustand der Phantasie erhalten. Träum weiter, spricht der Mähdrescher, und lässt nur Glieder davon zurück.