Bauchgefühl zur Spargelzeit

Spargel

Da ich ein Knabe war, am Tisch saß und schmollte, stur blieb, bis die Tränen kamen; ich wollte nicht, mochte keinen Spargel, keine Zwiebeln, keinen Lauch und keinen Fisch. Mein Bauchgefühl sagte bäh zu Pilzen, sogar zu Erbsen noch. Mein Bauchgefühl wollte Pommes, wollte Tomatensoße und Schokoladenpudding. Nur schon immer auch wollte mein Bauchgefühl Spinat, wie der von Oma im kleinen roten Topf zubereitet. Und dazu ein kreisrundes Spiegelei. Salzkartoffeln waren OK, Püree mir lieber.
Seit wann ich Spargel gerne aß, weiß ich nicht mehr. Ich liebe ihn nun. Fisch ebenso. Und Zwiebeln auch. Lauch ist naja. Pilze allerdings immer noch nicht. Rhabarber bleibt mir unverständlich. Leber und andere Innereien kommen mir für den Moment nicht auf den Teller. Doch etwa Meeresfrüchte, das laß ich mir gefallen. Sushi, als Knabe hätte ich es ausgespuckt, jetzt, Oh Mann!
Hätte mein Bauchgefühl sich nicht geändert, was würde mir entgehen. Die Speisekarte ist um Einiges reicher geworden. Meine Oma ist nicht mehr, der Spinat bleibt ganz oben, doch gleich danach kommt nun wahrscheinlich Spargel schon. Das bleibt.
In dem Fall habe ich ein gutes Bauchgefühl, Das schlechte hat sich zum Glück nicht durchsetzen können.

Einmal sich überwunden.

Da ich ein Knabe war, wollte ich nicht lesen. Dann irgendwann doch. Wenn ich es so sagen darf, Pommes- und Tomatensoßenliteratur, Bücher wie Schokoladenpudding. Wahrscheinlich wäre ich ohne Bücher nicht verhungert, aber dünn wäre ich geblieben, furchtbar dünn.
Es gibt Bücher, die sind wie Spargel oder Lauch, wie schöne Pilze von eigenartiger Konsistenz. Die liest man erstmal nicht, da sagt das Bauchgefühl, lieber ein Teller mit Spaghetti als so ein Zeug. Ist dann ein wenig einseitig auf die Dauer, aber OK. Das Kind schmollt, möchte man es zwingen.

Ich wusste nicht, warum ich Spargel nicht mochte. Doch mein Bauchgefühl dachte, es läge am Spargel. Zwiebeln und Fisch können furchtbar gemein sein zu einem kleinen Jungen. Pommes lieben Kinder. Pilze sind böse.

Mittlerweile glaube ich zu wissen, dass es auch an mir liegen könnte, ist ein Buch ungenießbar. Dass ich den Magen dafür nicht habe. Es ist eine Option. Mein Bauchgefühl sagt, das könnte stimmen. Es kommt die Zeit. Jedem Leser wünsche ich Geduld über den sehr reich gedeckten Mittagstisch hinaus.

Selbst Fast Food mag mir schmecken. Ich liebe einen guten Burger. Allerdings nur? Immer wieder nur die geliebten Ravioli, wie ich es einmal tat einen halben Sommer lang, es war schrecklich eintönig zum Schluß und hätte mir fast die Freude auf immer genommen.
Ganz ablegen konnte ich nicht, ein Vielfraß zu sein, mir keine Zeit zu lassen und in mich hineinzustopfen, wofür ein Anderer bei der Zubereitung sich Zeit ließ, lassen musste.

Geschmack hat viel mit Timing und Maß zu tun.

Neu auf meiner Speisekarte bis heute, bereichernd meinen Appetit, bekömmlich und so verschieden, nichts davon Fast-Food, mein Bauchgefühl meint lecker:

Orts/Schachinger/Stavaric – Requiem (Septime Verlag)

Anna Kim/Kristian Evju – Fingerpflanzen (Topalian & Milani)

Osamu Dazai – Alte Freunde (Cass Verlag)

Reso Tscheischwili – Die himmelblauen Berge (Edition Monhardt)

Schütz/Kernmayer – Die Eleganz des Feuilletons (Transit Verlag)

Gerdt Fehrle – Wie Großvater den Krieg verlor (Louisoder Verlag)

Hermann Fürst Pückler-Muskau – Acht Frühlings- und Sommertage aus dem Leben Mischlings (Nimbus)

Bekommt gut. Schmeckt sogar. Und sind auch neue Lieblingsspeisen dabei.

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Lektüre zur Unzeit – „Das Norman-Areal“ von Jan Kjaerstad, übersetzt von Bernhard Strobel (Septime Verlag)

so ist es immer: sobald man versucht, dem Wertvollsten an einem Buch gerecht zu werden, fehlen einem die Worte.

Zuhauf und in großer Menge fehlen sie. Dabei hatten die ersten Monate in diesem Jahr zahlreiche Bücher, die alle bewegten. Dieses besonders. Auch weil es in der Frage erschüttert, warum überhaupt lesen? Wie und was davon anderen mitteilen?

John Richard weiß, wann ein Buch ein Segel ist, wann Schokolade. John Richard ist Lektor, der Kapitän im Verlagsschiff und plötzlich wird ihm übel, wenn er nur anfängt, ein Manuskript zu lesen. Er flüchtet auf eine Insel und verliebt sich in Ingrid. („Ich habe keine Zeit zu lesen“, sagte ich stattdessen. „Ich bin verliebt.“) 

Doch Literatur ist wichtiger als das Leben und John Richard empfindet die sich einstellenden Streitereien um Kleinigkeiten als banal und beengend. Sobald er wieder anfängt, zu lesen. Ingrid ist klug, erfolgreich, perfekt, aber es passt nicht.

(„Ab und an lese ich auch Bücher, die nicht aus dem aktuellen Programm stammen.“, habe ich gerade im Internet gelesen. Dass diese Leistung extra betont wird. Dass Bücherstapel ins Bild mit rechtem Licht geschoben werden, man könnte/müsste darüber die Lust verlieren.)

Da ist noch mehr

Lesen, wie John Richard es im Roman praktiziert, ist ein Mehr an Wirklichkeit, ist nicht ein Fliehen von der Welt, ist vielmehr ein Hineintreten in die Welt, ist darum für das Leben nicht ungefährlich, weil es nicht so viel zu bieten hat. Entweder – Oder.

Nach John Richard gewinnen die Buchpreise immer die ‚Inzestromane‘. Deswegen ist es aber noch nicht große Literatur. Das ist natürlich überzeichnet. Natürlich ist es nicht ganz so schlimm.

(Als ich vorschlug, ein Buch mehrere Male zu lesen –Da ist noch mehr-, hielt man es für Zeitverschwendung. Nicht so sehr die 100.000 Titel pro Jahr sind das Problem. Es macht eher den Eindruck, es fehle beim Lesen Konsequenz und Ausdauer. Nicht die Ausdauer für Tausendseiter ist gemeint. Die Ausdauer, allein zu sein und am Ende mit mehr Fragen als Antworten und vielleicht unverstanden. Lesen ist ein einsames Geschäft, nicht ohne Risiko. Da kann einem keiner helfen, kein Lesekreis. Eine Challenge ist nett gemeint, aber gewinnen kann nur der Leser allein.)

So hart es einen trifft, das Buch ist nicht ohne Ironie zum Schluss. Lesen ist nichts Eindeutiges. Was man gewinnt, bleibt am Ende immer zweifelhaft. Dennoch freue ich mich und für mich selber, dieses Buch gelesen zu haben. Meine Segel haben wieder Wind bekommen. Wo auch immer sie mich hinbringen. Wie stürmisch es wird.

‚Alle Seemänner haben ein Segel auf der Stirn‘, sagte er. ‚Die Herausforderung besteht darin, einen Wind zu finden, der es füllen kann.‘

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Jan Kjaerstad – Das Norman-Areal, Septime Verlag

 

 

 

 

Spocks Gehirn und meins (ein Alpträumchen)

Böse Menschen sind’s gewesen, die mein Gehirn geklaut hatten; der Vorgang, als hätte ich es nur geträumt, sehr unklar, und dass ich davon erzählen kann, bewiese, ich hätt’s nun wieder. Oder ist tatsächlich sicher, dass ohne Gehirn kein Schreiben und kein Mitteilen mit Worten? Warum aber der Diebstahl? Und warum wurde später die Beute wieder zurückgebracht? Mangelware? Mindesthaltbarkeit abgelaufen? Wie man’s kennt von der Kasse beim Discounter , der Zettel „wird zurückgerufen…Metallsplitter im Babymus“?

Mir zur Erläuterung, wie ich’s mir denke, da ich’s noch kann, mir Dinge denken, ein ähnlicher Fall: Sternzeit 5413.4, kurz vor Beginn der Mittagsschicht. Sie müssen durch den Lieferanteneingang gekommen sein. Die Diebe, weiblich, ließen das Gehirn des ersten Offiziers Spock mitgehen. Wegen der Not. Auf Ihrem Heimatplaneten war die computergesteuerte Heizungsanlage ausgefallen. Sie mussten irgendwie herausgefunden haben, dass das Gehirn des Vulkaniers gewisse Hausmeistertalente und altes Wissen verarbeiten konnte und dem Planeten folglich von Nutzen wäre, würde man nur in der Lage sein, dieses anzuschließen. Frauen und Technik, sie hatten es tatsächlich geschafft. In der Zukunft wird man sich nicht wundern darüber. Und so versorgte Spocks Gehirn den Planeten mit Wärme. Und Duschen war auch wieder möglich.
Allerdings, auch Kirk konnte nicht ohne Spocks Gehirn funktionieren. Kirk konnte ohne Spocks Gehirn sich tagelang nur immer wieder selbst sein Shirt zerreißen und den freien Oberkörper über die Schulter rollen. Das war Kirk zu wenig. Das war Egoismus, aber auch Männerfreundschaft, dass Kirk Spocks Gehirn wiederholen wollte. Und da es ein Planet voller Frauen war, ein Lächeln, ein Augenzwinkern, Mission erfolgreich. Manche Dinge, glaubt man(n), ändern sich nie.

 

Ganz so war es bei mir nicht. Für ganze Planeten, und wäre es nur die Heizungsanlage, wäre mein Gehirn nicht zu verwenden, nicht einmal, um auch nur einen Toaster zu betreiben. Und kein Kirk, Zuneigung für mich empfindend, würde meinem Gehirn nachstürzen, in unendliche Weiten, mit achthundert Mann Besatzung, die Frauen gar nicht mitgerechnet, und brächte mir wieder, was nach Taufschein und Copyright allein mir gehörte. (Tischer ist völlig egal, ob ich mein Gehirn habe oder nicht. Hauptsache, die Füße sind, wo sie hingehören und bringen ihn hin, wo er hingehört, in die nächste Aventiure)

Sie haben es einfach wieder eingesetzt, was schon sehr freundlich war. Schließlich hätten sie es auch auf irgendeiner Autobahnraststätte einfach aussetzen oder am nächsten Baum angebunden zurücklassen können. Und verarbeitet zu Ravioli haben sie, wofür sie keine Verwendung fanden, auch nicht. Mein Gehirn war wieder zuhause und landete nicht als Konserve im Supermarktregal.

Wer aber waren die, die es erst entwendeten und dann wieder zurückbrachten? Meine Eitelkeit meint, es wäre ein geheimes Konsortium von Buchverlegern gewesen, das feststellen musste, dass die ehemals konstruierte und bis hierhin einwandfrei laufende Buchbesprechungsmaschine das eben nicht mehr tat. Dass sie anfing, zu stottern und in den ungünstigsten Momenten aussetzte, wenn gerade ein Buch besonders hätte besprochen werden müssen. Und keiner kam darauf, woran es liegen könnte. Die ultimative Bedienungsanleitung war irgendwohin verschwunden -wie man es selber kennt-. So, bevor sie komplett den Dienst aufgab, musste schnellstens ein Gehirn gefunden werden, das sich darauf verstand und die Maschine wieder in Gang brächte, denn schließlich war bald Messe, die Vorschauen bereits gedruckt und es hätte unleugbar in einem Desaster geendet, würde man nicht rechtzeitig ein solches gefunden haben.

Lassen wir meine Eitelkeit kurz schmollen darüber, dass es wohl mit diesem besonderen Gehirn nicht so funktionieren wollte, dass tatsächlich die Maschine nun erst recht aussetzte und ihren eigentlichen Dienst, für die sie entwickelt worden war, nicht wieder aufnahm, es also wieder entfernt werden musste und man lieber das Stottern in Kauf nahm, bis ein taugliches Gehirn gefunden oder eben ein Algorithmus entworfen worden wäre, der Besprechungen berechnen und auf etwas so Unsicheres wie die menschliche Eigenwilligkeit verzichtet werden könnte, so wird sie sich schnell wieder fangen und sich einreden, dieses Gehirn ist etwas ganz Besonderes und soll es sein.

Mein Gehirn ist nicht vulkanisch und also nicht geeignet, eine Maschine am Laufen zu halten. Wie dankbar ich doch dafür bin, nicht Teil einer Maschine zu sein. (so so!!!?)

Wenn sie nur beim Wiedereinsetzen des Gehirns keine Fehler gemacht haben und ich weiterhin so funktioniere, wie zuvor…………………………………………………………………….

Nur, dass ich die Vermutung habe, es mag sich ein Bloggerhirn finden, das besser geeignet wäre für solch eine Maschine.

Joseph Andras / Die Wunden unserer Brüder / übers. von Claudia Hamm / Hanser Verlag

Andras

Schnell, bevor es verraucht ist, kalt geworden ist, bevor ich beim nächsten Buch schon bin. Auch auf die Gefahr hin, zu unreflektiert zu sein in meinem Urteil, unsinnig und distanzlos. Ich drücke meine Begeisterung aus: es war wie eine Andacht. Es ist nicht weniger als eine Heiligenlegende, zumindest aber die Geschichte eines aufrechten Menschen. Da steht, es wäre eine Lektion in Mut. Ich würde gerne glauben, ich habe sie gelernt. Ich würde gerne glauben, Literatur kann das.

Ich knie nieder vor Fernand Iveton in seiner Gefängniszelle, weine mit ihm, um ihn, weine um mich selbst. Wirken sie lange nach, die Tränen. Iveton, der im Algerienkrieg als einziger Franzose unter die Guillotine kam, weil er sich gegen Frankreich stellte, für eine Bombe, die kein Menschenleben forderte. Nackte Ungerechtigkeit. Fernand Iveton, ein Kommunist, der liebt. Warum sollte er nicht lieben können? Héléne, die wunderschöne Héléne, ebenso aufrecht und standhaft, bleibt, da das Beil fällt, zurück.

Die Grausamkeiten eines Landes, das zehn Jahre zuvor noch die Befreiung feierte, von Unmenschlichkeit und Barbarei; wie wenig gehört dazu. Wie sehr acht muss man geben.

Ein Knüppel von einem Buch auf gerade 160 Seiten, es prügelt einem ein die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Liebe. Schlag, schlag, ich möchte es nicht vergessen. Chapeau Herr Autor, Sie verstehen es, ganz kunstfertig und voller Poesie einen mit solchen Schlägen niederzustrecken.

Ich reiche nach, mein Buch 2018, ein Buch aus 2017: Joseph Andras – Die Wunden unserer Brüder, erschienen im Hanser Verlag.

Nüsse, Eier, Literatur

F5BD3BE4-99CF-4BD3-B7C5-89C955CF777CEin lieber Mensch, er konnte es nicht wissen, da ich es ihm nie gesagt habe, schenkte mir kurz vor Weihnachten Erdnüsse. Er hat sie eigenhändig geschält, jede einzelne. Ich liebe Erdnüsse, Nüsse überhaupt. Was hinzukommt und mir gefällt, ist, selbst den Kern von seiner Schale zu befreien, bevor ich ihn mir genüsslich in den Mund schiebe. Der Kern ist schön, groß und heil geblieben, ich war geduldig und mit ruhiger Hand, das freut. Und auch beim gekochten Ei, dieses ordentlich abgeschreckt, ist es beinahe religiös, zumindest aber ein Ritual, wenn ich es, zur Hälfte des Frühstücks, langsam und vorsichtig pelle, es dabei immer wieder von allen Seiten betrachtend. Ein ordentlich gepelltes Ei ohne Schrammen ist ein vollkommener Anblick. Und dann verschling ich es mit doppeltem Genuss.

Das Lesen nun ist eben solch ein Schälen und Pellen. Und natürlich ist der Kern, der Inhalt eines Buchs nicht ohne Belang. Es gibt gute wie schlechte Bücher, natürlich, wie es Nüsse aus guter wie schlechter Ernte gibt. Doch der Mehrgewinn erzielt sich aus dem geduldigen und aufmerksamen Schälen und Pellen. Das gilt für Bücher ebenso. Nicht allein der Inhalt zählt dabei, sondern, wie man es anfasst, behutsam, langsam die Seiten löst, um dann, wenn man nicht überhastet, sie alle hat lösen können, und einen Kern zutage förderte, der, so wie er ist, außerordentlich schön ist.

Doch wie auch immer das Ergebnis ausfällt, es wird -für mich gesprochen- nicht das sein, was zu erreichen ist, schält man nur richtig. Und selbst, wenn sich herausstellte, dass es eine hohle Nuss ist, ein Windei, so sollte wenigstens das Pellen und Schälen, das Seitenlösen und -lesen ein Wert für sich gewesen sein und nicht ohne Gewinn.

(Und so will ich nun lesen wie ich Nüsse und Eier schäle und pelle, ohne Eile, einigermaßen fingerfertig und nicht zu sehr fixiert auf ein mögliches Ergebnis, das dann mitzuteilen wäre.)