Ich darf so bleiben wie ich bin…(und Tischer auch)

Ganz Frau, ganz Mann, ganz Kind, Hauptsache ganz. Nur die Gans wird geteilt. Was mich traurig macht an Weihnachten. Aber lecker ist’s immer gewesen.

„Skandal. Älterer Herr liest Kinderbücher.“ Sommerloch, oder? Das interessiert doch keine Sau. Mich aber. Ich hab nämlich hin oder her überlegt, dann hab ich, was ich mir überlegt, irgendwo verlegt. Was jetzt an Gedanken kommt, ist also nur der Ersatzmann und nicht erster Liebhaber meiner Gedankenbühne. (Die übrigens im Abo günstiger ist, das nur als Tipp.)

Es ging um die Frage, muss ich Pädagoge sein, wenn ich ein Kinderbuch empfehle? Wie stelle ich’s an? Dann hab ich mir gesagt und sogar zugehört: lass es raus. Was kümmert dich die community. Du hast schließlich am Ende immer noch eine Mutter, bei der du dich verstecken kannst – und erstmal steckt sie dich in die Badewanne.

Ich hab da ein Buch entdeckt, das kann man knuddeln. Seit ich es habe, sind wir wenigstens zweimal am Tag im Park und spielen Ball oder bauen Baumhäuser. Schon manche Nacht lagen wir einfach so auf der Wiese, schauten in den Himmel und suchen nach dem Sternbild „Besteckkasten“. Wir haben Zeit.

Jetzt höre ich schon die, die sagen, öhh, was für ein Quatsch, Bücher soll man doch nur lesen und sonst nur stapelweise herumliegen lassen, mit den kann man doch gar nicht Ball spielen, wo die keine Hände haben und keine Füße, was für ein blödsinniger Text, du bist doch gar kein richtiger Buchbl……

STOPP! Bin ich wohl. Und ich halte so lange die Luft an, bis ihr’s mir glaubt PHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH…..

Na, das riskiere ich lieber nicht. Könnte lebensgefährlich werden. Ihr könnt‘ stur und bockig auch. Zu ernst sollte ich es nicht nehmen, sagt der erwachsene Teil in mir, während der kindliche Teil PHHHHHHHHHHHH….

Das Buch, wäre ich ihm damals im Sandkasten begegnet, wäre mein Freund für’s Leben geworden. Wir wären uns gleich bis zu den Fusssohlen sympathisch gewesen und ich hätte es, ohne nachzudenken, von meinem Eis schlecken lassen. Und ich bin mir sicher, es hätte mir seinen Lieblingsgrashalm geschenkt.

Ich mag es sehr, jetzt ist’s raus. Und da ich erwachsen bin, muss ich euch Blödians auch nicht mehr fragen, ob es bis zum Abendessen bleiben darf. Machen wir einfach. Mach jetzt sowieso nur noch, was ich will. Und schreib, wie ich will.

Sorry, musst kurz eine Kundin bedienen. Jetzt bin ich ja wieder da. Wo war ich? Ach ja, …

und schreib, wie ich will…worüber ich will…und wenn man nicht akzeptieren kann, dass ich dabei in der Nase bohre, ist mir das wurscht. Warum blogge ich denn, wenn ich nicht dabei in der Nase bohren darf. Dafür macht man das doch. Egal….seid ihr nur weiter anständig und vernünftig, macht eure Nacherzählungen und Kaffeetassenbilder…..

Das war jetzt nicht nett von mir. Das Buch, das ich meine, stuppst mir das gerade… Also, verzeiht. Wollte nur sagen, das Buch ist toll, grundgrundsympathisch und liebenswert, hat einen zauberhaften Helden und bringt einem bei:

Du darfst so bleiben, wie du bist…. (Versteht man auch ohne Werbejingle)

Wölfchen und Tischer

Wölfchen, Bohem Verlag

P.S. Und Tischer fragt: und was ist mit mir? Und ich sage: Ballspielen geht auch gut zu dritt.

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Und so weiter, und so weiter … Christoph Höhtker „Das Jahr der Frauen“ (Weissbooks Verlag)

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Ganz kurz: Nein Herr Rezensent, Frank Stremmer ist kein Arschloch. Oder doch? Nein. Es ist auch nicht anzunehmen, dass er mit seinen „Ansichten“, die er gar nicht hat, in der „Community“ auf den Index käme. Das Gegenteil wäre wahrscheinlich der Fall, wobei, zugegeben, entsprechende Kommentare nicht ausblieben. Das, was Frank Stremmers Ansichten sein sollen, sind lediglich Vorträge von Ansichten, ist kommuniziert und ausprobiert, ist nichts, wofür Stremmer einstehen könnte, wenn es ihn nur dazu drängen könnte.

Die vorgetragene Wette mit seinem Therapeuten, im Folgejahr jeden Monat eine Frau, und bei Erfolg, der Suizid, ist spontan und dabei doch so nebensächlich. Ich nun wette, wenigstens einmal hat schon jeder in therapeutischer Behandlung eine ähnliche Wette seinem Therapeuten vorgeschlagen. Das ist nicht sonderlich kreativ. Das ist nicht das Einfallsreichste an dem Roman von Christoph Höhtker. Es ist ein Projekt, eines von denen, die Frank Stremmer in der Organisation, für die er arbeitet, schon zahlreiche erfolgreich abgearbeitet hat. Diese Organisation scheint gegründet zu sein, um ihrem Gründer die Bühne zu bieten, vielleicht dort in Oslo eines Tages… Es geht bei Stremmers Arbeit und der seiner Kollegen um communication und Darstellung, weniger um Umsetzung irgendwelcher realen Inhalte. Es geht im aktuellen Projekt um die Verfassung einer bereinigten Heldenbiographie des Organisationsgründers, eines tumben, geltungssüchtigen Narzissten.

Mögliche Biographien, die sich Stremmer auch sonst ausdenkt zu Menschen, die ihm begegnen. Alles kursiv. Könnte sein. Muss aber nicht den Menschen erklären. Stremmer kann sich auf den Menschen nicht einlassen. Ihm fehlt es an Empathie. Die Biographien könnten helfen, den Menschen interessant zu machen, interessant genug vielleicht, um über die Dauer der Begegnung hinaus so etwas wie eine Beziehung aufzubauen.

(Christoph Höhtker, 1967 in Bielefeld geboren, Soziologiestudium, Taxifahrer, freier Journalist, Sprachlehrer, Werbetexter. Lebt und arbeitet in Genf. Gewinnt 2017 für seinen Roman „Das Jahr der Frauen“ den deutschen Buchpreis und gibt danach die Schreiberei auf, um auf Kuba Tabak anzupflanzen. Das kannte er noch nicht….usw…usw…)

Für den Moment mag das reichen. Interessant genug mag das sein für ein erfolgreiches Vergnügen. Doch zerrinnt es förmlich Stremmer zwischen den Händen und erfüllt ihn nicht. Der realsten Figur begegnet Stremmer in der Tiefgarage, dem „Freizeitmann“. Ein kurzes „Glück“ mit Svenja, es ist die Oktober- oder Novemberfrau, wer kann sich das schon alles merken, das war’s.

Das Problem ist, wenn ich die Augen im Wachzustand zu lange geschlossen halte, verlieren selbst Dinge und Menschen, die ich eindeutig konsumiert habe, sehr schnell an Glaubwürdigkeit.

Stremmer braucht ständig neue Reize, neue Inputs. Dass Frauen, und nicht nur die, lediglich Objekte sein können, versteht sich von selbst. Aus sich selber kann er nicht schöpfen. Sich selber ist er nicht gewiß genug. Seine Geschichte von der Zwiebel will keiner lesen.

Ob’s nun am Ende zum Selbstmord reicht, wird nicht verraten. Ich glaube, nein. Der wird weiter leben müssen

Den äußerst scharfsinnigen und, wenn ich das Wort jetzt noch verwenden darf, interessanten Roman von Höhtker, sollte man lesen. Ich hab’s August gelesen. September kommen schon weitere. Am Ende des Jahres ist Weihnachten. Und nächstes Jahr wieder. Und so weiter und so weiter.

Herr Rezensent, eines noch: die ganze Welt ist heute ein Arschloch. Stremmer ist nur einer seiner besseren Mitspieler.

Christoph Höhtker „Das Jahr der Frauen“ 2017, Weissbooks Verlag

 

XXXIV. Das Geburtstagsgeschenk

Und was geschenkt wurde, wird nicht mehr zurückgenommen werden können, um es den rechtmäßigen Besitzern zu übergeben. Es ist passiert. Für die Folgen übernehme ich die allervollste Verantwortung. Nur einen Moment war ich unaufmerksam, war ich, weil ich kein passenderes Geschenk gefunden hatte, kopflos vor Panik. Vielleicht hatte ich am Abend zuvor zu viele Gläser Vollmilch getrunken. In jedem Fall, als ich dann an Tischers Geburtstag ihn fragte, was er sich wünsche, sagte er

„Die ganze Welt.“

Sagte ich

„OK.“

Da war’s passiert. Die Welt gehörte ab dem Moment Tischer.

Tischer

Merkt man es schon? Irgendeine Veränderung? Bitte gleich sagen, ich schau, es irgendwie wieder einzurenken. Ich stehe ja in direktem Kontakt zum Weltenbesitzer. Und bitte alle Beschwerden besser über mich oder an einen anderen seines Stabes. Ich weiß, was ich da angerichtet habe. Ich selbst bin jetzt sehr eingespannt in Weltregierungsarbeit.

Da wäre jetzt erstmal die Besichtigung der Ländereien, die Inventur: wieviele Bäume sind’s, Straßen, Spatzen usw.. Dann müssen in all den Ländereien die Präsidenten und Parlamente, die Könige und Kaiser entweder auf Tischer eingeschworen oder sanft vor die Tür gesetzt werden, also in eine Rakete und ab hinter irgendeinen Mond, weil die nicht mehr gebraucht werden; Tischer ist die ultimative Herrschaftsform (meint Tischer). Nun, dennoch verzichtet er nicht auf Minister, auf manche schon; für Verteidigung oder Finanzen ist noch ein Plätzchen frei in der Rakete. Weil für Verteidigung wird ein Minister nicht mehr benötigt, das macht Tischer selbst durch bloße Existenz. Und Finanzen, das ist eh zu langweilig und kompliziert und hält einen von Wichtigerem ab. Wer das bloß erfunden hat, meint Tischer.

Aber es gibt neue Minister, z.B. einen für Aventiure, ein Knochenjob, denn im Grunde ist das ja von Tischer alles längst schon abgearbeitet. Dieser Minister muss nun jeden Morgen zum Frühstück eine wohl ausgearbeitete Aventiure präsentieren, sonst wird er der Rakete hinterher geschickt. (Gerade heute Morgen ist eine Stelle freigeworden, wer will.)

Ein anderer Minister kümmert sich ausschließlich um Anbau und Aufzucht von Spatzenkolonien, sowie die Legalisierung ihres Verzehrs, was mit Tischers Herrschaftsantritt bereits geschehen ist, das steht also nur in der Stellenbeschreibung, kommt aber nicht mehr zur Ausführung, der Minister kann die freie Zeit nutzen, um sich ein Brötchen zu holen.

Überhaupt Minister: wichtig ist und war Tischer bei der Auswahl, sie sollen nicht viel reden, da sie nichts zu sagen haben. Allein zur ersten Runde, da dürfen sie ein wenig schmeicheln und Tischer preisen. Und ein Auserwählter darf Tischer eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.

Oberster Chefdiplomat ist selbstredend Marcel, doch da es nichts zu diplomieren gibt, auch weil es kein Ausland gibt, in das in Krisenzeiten zu reisen ist, weil alles zu Tischers Reich gehört, verbringt Marcel die Zeit weiterhin mit Lesen  zumeist und in der Regel Tolstoi.

Ich bin Tischers Chauffeur und damit ausgefüllt.

Aktuell sucht Tischer für die Ausübung seiner Herrschaft einen geeigneten Regierungssitz, lässt suchen, gerne so zwei bis drei Zimmer, ovale Räume, mit West- oder Ostflügel, gerne auch in weiß. Wer etwas weiß und sich beim Weltenherrscher beliebt machen möchte, nur zu. Die Höhe der Miete ist letztrangig, da ein Weltherrscher es mit der Miete eh nicht so genau nimmt, wie man sich wird denken können.

Verhaltenskodex für alle Bürger und Untertanen: viel Text vermeiden, immer lieb sein und es ja nicht wagen, zu behaupten bzw. bloß zu denken, mehr Streifen zu haben als der Hochwürdigste selbst.

Was mich rührt und wofür ich Tischer in seiner Herrschaftlichkeit ewig dankbar sein werde, ist die Umrüstung aller Panzer und Panzerähnlichen in Fiat 500. Bis auf einen, mit dem er gelegentlich durch den Garten fährt.

Rhetorische Frage: gibt es eine bessere Herrschaftsform als Demokratie? Ihr werdet euch daran gewöhnen, wenn es auch etwas schnell ging.

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Liebe am Nachmittag …

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…war aber nicht. Viele Nachmittage nicht, alle nicht. Wieviel Staub erträgt so ein wartendes Herz, und ganz tief eingegraben die Liebe. Nicht einmal storniert, noch rechtzeitig zur Hauptsaison. Gebühren wären da fällig. Es hätte das Herz für einen anderen zur Verfügung stehen können. Jetzt ist die Saison vorbei. Herz geht leer aus. Das All-Inclusive, ein Versprechen, Herz bleibt darauf sitzen.

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Bitte, kein Bedarf mehr, Herz, ein Versprechen, reserviert für einen Thomas, kann nun haben, wer will.

Der Platz wird für anderes gebraucht. Es wird Abend. Warum nicht eine Serie schauen? Allein?

 

 

Sonntagsfrage: Ist Franz Kafka ein Staubsauger?

(Ist James Joyce ein Stabmixer, Marcel Proust ein Toaster, Max Frisch ein Schweizer Taschenmesser oder Pawel Salzmann eine Waschmaschine russischer Bauart?)

Ich saß letzte Reihe, die Frage wurde in der ersten gestellt: braucht es noch ein Buch zu Kafka? Jedem, der noch alle Sinne beieinander hat, drängt sich dabei die Frage auf, ob Kafka ein Haushaltsgerät ist und war, wobei mit Kafka verkürzt Kafkas Werke gemeint sind. In dem Moment, in dieser Runde, versagte mir die Stimme. Es ist schwer, von der letzten Reihe aus, berechtigte Fragen wohlfeil zu stellen. Doch der Gedanke beschäftigte mich weiter…

Kafka

Ich habe einen Staubsauger. Gekauft habe ich ihn im Elektrodiscounter. Das war vor 10 Jahren oder so. Ich brachte ihn nach Hause. Ich machte den Karton auf, sortierte die Bauteile, las die Bedienungsanleitung. Sie war verständlich.  Den Sauger schloss ich an die Steckdose an. Er saugte. Das tut er heute noch. Selbst das Auswechseln des Beutels war nie ein Problem. Ich könnte keinen Staubsauger bauen, aber ich kann ihn zusammensetzen und bedienen. Wie das geht, steht in der Bedienungsanleitung. Ich gebe zu, oft steht der Staubsauger nur in der Ecke, obwohl es wieder Zeit wäre. Doch auch wenn ich ihn erst wieder nach Wochen hervorhole, weiß ich gleich, was zu tun ist. Ich muss dann nicht einmal mehr in die Bedienungsanleitung schauen.

Ich habe einen Kafka. Gekauft habe ich ihn in einem Buchladen. Das war vor 30 Jahren oder so. Ich brachte ihn nach Hause. Er war in keinem Karton. Er musste nicht zusammengesetzt werden. Er hatte keine Bedienungsanleitung. Doch ich las. Das tue ich heute noch. Ich gebe zu, er stand oft für Wochen und Monate im Regal. Und wusste doch selten, warum es wieder an der Zeit gewesen ist, ihn doch einmal wieder hervorzuholen und ihn zu lesen.

Es gibt Ecken, da ist schwer zu saugen. Es gibt Aufsätze, die sind genau dafür gemacht. Wie anzubringen, stand in der Bedienungsanleitung. Dann ist wieder sauber in diesen Ecken. Oder auch in diesem Spalt der Couchgarnitur. Da ist so ein schmaler Aufsatz sehr praktisch. Krümel, Staubflusen, eben Schmutz, weg.

Kafka les ich einfach so. Buch auf, diese oder jene Erzählung, Buch zu. Ich musste nie irgendwelche Ecken berücksichtigen. Ich könnte, aber ich muss es nicht. Ich könnte für eine bestimmte Ecke Kafka auf bestimmte Weise lesen, aber ohne Bedienungsanleitung und Zubehör, da les ich ihn einfach so. Ist das falsch? Bleibt in einem Spalt, an den ich nicht denke, zwangsläufig etwas zurück? Es gibt für einen Kafka -vielleicht- viel mehr Ecken und Stellen, an die schwer hinzukommen ist, als dass man jemals, so viele Aufsätze es auch noch werden, damit an ein Ende kommen könnte. Es mag für Momente reichen.

Dann stellt man den Kafka zurück, den Staubsauger in die Abstellkammer, und wendet sich anderen Dingen zu, liest mal wieder Proust oder macht sich einen Toast Hawaii.

Um es zu sagen: Kafka ist kein Staubsauger. Literatur ist überhaupt kein Haushaltsgerät. Sie hat keine Bedienungsanleitung und sollte nicht so behandelt werden, als hätte sie eine. Literatur kümmert sich nicht um die eine Sache, als wäre es das rituelle Samstag-Vormittag-Saubermachen, bevor der Besuch kommt.

Es ist nie genug mit Kafka, Literatur oder Kunst im Allgemeinen – und irgendwie die Wohnung oder das Leben im Allgemeinen endgültig aufgeräumt.

Warum dann aber lesen und darüber vergessen, wie staubig es um einen herum langsam wird?