Joseph Andras / Die Wunden unserer Brüder / übers. von Claudia Hamm / Hanser Verlag

Andras

Schnell, bevor es verraucht ist, kalt geworden ist, bevor ich beim nächsten Buch schon bin. Auch auf die Gefahr hin, zu unreflektiert zu sein in meinem Urteil, unsinnig und distanzlos. Ich drücke meine Begeisterung aus: es war wie eine Andacht. Es ist nicht weniger als eine Heiligenlegende, zumindest aber die Geschichte eines aufrechten Menschen. Da steht, es wäre eine Lektion in Mut. Ich würde gerne glauben, ich habe sie gelernt. Ich würde gerne glauben, Literatur kann das.

Ich knie nieder vor Fernand Iveton in seiner Gefängniszelle, weine mit ihm, um ihn, weine um mich selbst. Wirken sie lange nach, die Tränen. Iveton, der im Algerienkrieg als einziger Franzose unter die Guillotine kam, weil er sich gegen Frankreich stellte, für eine Bombe, die kein Menschenleben forderte. Nackte Ungerechtigkeit. Fernand Iveton, ein Kommunist, der liebt. Warum sollte er nicht lieben können? Héléne, die wunderschöne Héléne, ebenso aufrecht und standhaft, bleibt, da das Beil fällt, zurück.

Die Grausamkeiten eines Landes, das zehn Jahre zuvor noch die Befreiung feierte, von Unmenschlichkeit und Barbarei; wie wenig gehört dazu. Wie sehr acht muss man geben.

Ein Knüppel von einem Buch auf gerade 160 Seiten, es prügelt einem ein die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Liebe. Schlag, schlag, ich möchte es nicht vergessen. Chapeau Herr Autor, Sie verstehen es, ganz kunstfertig und voller Poesie einen mit solchen Schlägen niederzustrecken.

Ich reiche nach, mein Buch 2018, ein Buch aus 2017: Joseph Andras – Die Wunden unserer Brüder, erschienen im Hanser Verlag.

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Nüsse, Eier, Literatur

F5BD3BE4-99CF-4BD3-B7C5-89C955CF777CEin lieber Mensch, er konnte es nicht wissen, da ich es ihm nie gesagt habe, schenkte mir kurz vor Weihnachten Erdnüsse. Er hat sie eigenhändig geschält, jede einzelne. Ich liebe Erdnüsse, Nüsse überhaupt. Was hinzukommt und mir gefällt, ist, selbst den Kern von seiner Schale zu befreien, bevor ich ihn mir genüsslich in den Mund schiebe. Der Kern ist schön, groß und heil geblieben, ich war geduldig und mit ruhiger Hand, das freut. Und auch beim gekochten Ei, dieses ordentlich abgeschreckt, ist es beinahe religiös, zumindest aber ein Ritual, wenn ich es, zur Hälfte des Frühstücks, langsam und vorsichtig pelle, es dabei immer wieder von allen Seiten betrachtend. Ein ordentlich gepelltes Ei ohne Schrammen ist ein vollkommener Anblick. Und dann verschling ich es mit doppeltem Genuss.

Das Lesen nun ist eben solch ein Schälen und Pellen. Und natürlich ist der Kern, der Inhalt eines Buchs nicht ohne Belang. Es gibt gute wie schlechte Bücher, natürlich, wie es Nüsse aus guter wie schlechter Ernte gibt. Doch der Mehrgewinn erzielt sich aus dem geduldigen und aufmerksamen Schälen und Pellen. Das gilt für Bücher ebenso. Nicht allein der Inhalt zählt dabei, sondern, wie man es anfasst, behutsam, langsam die Seiten löst, um dann, wenn man nicht überhastet, sie alle hat lösen können, und einen Kern zutage förderte, der, so wie er ist, außerordentlich schön ist.

Doch wie auch immer das Ergebnis ausfällt, es wird -für mich gesprochen- nicht das sein, was zu erreichen ist, schält man nur richtig. Und selbst, wenn sich herausstellte, dass es eine hohle Nuss ist, ein Windei, so sollte wenigstens das Pellen und Schälen, das Seitenlösen und -lesen ein Wert für sich gewesen sein und nicht ohne Gewinn.

(Und so will ich nun lesen wie ich Nüsse und Eier schäle und pelle, ohne Eile, einigermaßen fingerfertig und nicht zu sehr fixiert auf ein mögliches Ergebnis, das dann mitzuteilen wäre.)

Laternenpfahlman

Ich wäre gerne Laternenpfahlman. Gut vorstellen könnte ich mir das. Das passt. Und brauchen würde meine Stadt solch einen Helden. „Holt Laternenpfahlman!“ oder „Laternenpfahlman ist unsere letzte Rettung.“, das würde mir gefallen und wäre so unvernünftig nicht.

Wände hochklettern oder fliegen gar, das wäre nicht meins. Da wäre mir immer schwindelig. Und Superpower ginge mir auf’s Kreuz, das ewige Lastkraftwagenheben und -werfen bekäme der Wirbelsäule nicht. Hitzefeuerstrahlen aus den Augen, ich bin Brillenträger und nicht privatversichert. Laternenpfahlman, da ist das Meiste schon zu retten.

Doch wie es bewerkstelligen? Laternenpfähle sind so gut wie nie radioaktiv verstrahlt oder genmanipuliert. Auch wenn, sie beißen oder stechen nicht. Das wäre mir bekannt. Sie stehen da, ich lauf vorbei, keine fiel mich bislang an. So wird das nichts aus der dringlichen Mutation von Mensch, also ich, und Laternenpfahl, so ein Mischwesen mit den Qualitäten beider, von Pfahl und Mensch, hochpotenziert zu einer neuen Superart. Mich triebe Hybris nicht an, nicht Machtgelüste. Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung, wüssten auch Laternpfahlmänner, so wie ich so gerne einer wäre.

In meiner Phantasie sehe ich eindrucksvoll aus in meinem Laternenpfahlmanoutfit. Über das Logo bin ich mir noch nicht im Klaren. Ein großes L wahrscheinlich. Ein Cape, das müsste nicht sein. Ein Laternenpfahlmobil, zu teuer und einen Führerschein für so ein Gefährt, den müsste ich erst noch machen. Ich hab gutes Schuhwerk und meine Stadt ist gut vernetzt. Wenn Polizei oder Bürgermeister nicht mehr weiter wüssten und das Zeichen wäre am Himmel zu sehen, mit zwei-, höchstens dreimal Umsteigen wäre ich, wo immer es nötig wäre.

Ein Wort zu meinen hinzugewonnen Kräften, auch wenn’s offensichtlich ist. Ich möchte nicht, dass einer glaubt, was denkt der sich?. Der Mann, der spinnt. Der ist wohl gegen einen Laternenpfahl gelaufen. Und genau darin bestünde meine Superheldenfähigkeiten, ich stünde im entscheidenden Moment als Laternenpfahl im Weg, Bankräubern, Dieben von Taschen älterer Damen, doch vor allem diesen Handy- und Smartphonezombies, die von ihrer Umwelt scheinbar nichts mehr wissen wollen, gar nichts sehen, ob eine Blume blüht, ein Kind schreit oder die Straßenbahn naht. Oder mich. Und das wäre ihr Verhängnis. Eine riesengroße Beule. Bankräuber, Dieb benommen und von der Polizei abgeführt, des Zombies kleines Spielzeug aus der Hand auf den Boden gefallen, zersplittert, unbrauchbar und die nächste Generation erst nächste Woche zu kaufen für viel Geld; der Zombie wundert sich, wo bin ich und huch, warum ist’s so schön um mich her, die Dame da, sie trägt so schwer an ihren Einkaufstüten.

Wieder ein Erfolg. Wieder hat Laternenpfahlman helfen können. Doch dann, schnell weg, da kommt ein Hund….

…ins Inkognito zurück, bis wieder ein Einsatz wäre.

Für mich, ach wie schön wäre das. Allein, es bleibt ein Traum. Ohne diese Supereigenschaft bin ich zu weich für große Beulen. Ich will realistisch bleiben. Räuber und Diebe der Polizei, Zombies die Zukunft. Zu selten stellt sich Ihnen ein Laternenpfahl in den Weg.

Don Quixote in Japan – Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Kieferninseln

Es ist interessant, dass Socken in Japan so günstig sind. Und ein Wald für Selbstmörder, dass einmal im Jahr von Tagelöhnern die Leichen weggeräumt werden müssen, das ist furchtbar interessant. Das mit den Bäumen ist sehr interessant. Ganz Japan ist interessant, furchtbar interessant. Aus Japan, über Japan. Interessant, interessant. Basho kannte ich noch nicht. Klingt aber interessant. Haikus, wahnsinnig interessant. Und das mit dem Tee. was soll ich sagen?

(…) wie es im übrigen dem regelhaften Verlauf entsprach, dass das Interesse an den Einzelheiten wuchs, je mehr man sich in ein Gesamtsystem vertiefte.

Gilbert, vorübergehend Experte für Bartologie, ein Akademiker ohne Persönlichkeit, träumt, seine Frau betrüge ihn, glaubt das (und warum auch nicht, wenn die Unterschiede so klar nicht sind) und nimmt Reißaus nach Japan, weiter geht nicht. Von einem Kaffeeland ins Teeland. Vom Klaren ins Vage.

Don Quixote im Fernen Osten, findet da seinen Sancho, den jungen Japaner Yosa. Der neigt zum Selbstmord. Gilbert nimmt ihn unter seine Fittiche. Und sie gehen gemeinsam auf Pilgerreise, auf den Spuren des Haiku-Dichters Basho. Manche Station wird ausgelassen; man ist nicht mehr nur zu Fuss unterwegs. Das letzte Ziel sind die Kieferninseln bei Matsushima. Und sie dichten Haikus (im Geiste Bashos), die besseren natürlich Gilbert. Als Gilbert und Yosa sich aus den Augen verlieren, schreibt Gilbert kurzerhand für beide und schiebt das schwächere, das sentimentale, depressive Haiku dem Abwesenden zu. (Abwesend? Es könnte ein Gedanke sein, zu glauben, einen Yosa hätte es gar nicht gegeben.)

Der Dozent, wahrlich nicht ungeschickt darin, sich ein Thema anzueignen, es interessant zu machen, nicht nur für sich selbst, doch dabei nichts Substantielles hervorzubringen, impotent zu bleiben, treibt am Schluss seinem Traum-Ziel entgegen.

Gilbert stellte sich den Vollmond über schwarzen Kiefern vor. Ein silbriges Licht, ausgegossen über stoppeligen Silhouetten, den struppigen Physiognomien alter Landstreicher, Wandermönche, Künstler mit knielangen Bärten. Er grinste aufgeregt in die Tiefen seines Zimmers, in die Tiefen des Weltalls, und boxte sich das übermäßig nachgiebige Kissen zurecht. Er hatte ein Ziel.

Seltsamerweise ist Gilbert genau dann näher dran an Gegenwart, bei Nacht, im Traum, wenn da keine Kontrolle mehr ist, keine Vernunft, nicht mehr das Buchwissen des Intellektuellen, der sich, bei Tage besehen, verloren hat. Es hieße loslassen, um den magischen Moment einzufangen, zu erleben.

Laubfärbung ist reine Gegenwart, sie ist bis zu einem gewissen Grad unvorher-sehbar, sie lässt sich schlecht einplanen, und schon gar nicht weit im voraus. Wer das rote Herbstlaub zu sehen begehrt, muss alles abschütteln, muss alles hinter sich lassen, und los.

Die Natur in diesem Buch ist reinste Gegenwart, soweit das Literatur leisten kann und wie Gilbert sie in seiner hilflosen Arroganz und akademischen Analyse zu erfassen sucht und in ihr sein Heil, macht den besonderen Reiz und auch Humor des Romans aus. Es ist nicht mehr zu haben, wie ein Basho es vielleicht noch fassen konnte. Pilgerziele sind Ausflugtipps geworden.

(…) den Kirschbaum zu spalten, um die Blüten zu finden, sei die falsche Vorgehensweise.

Das Buch war/ist ein Erlebnis, vor allem auch ein Naturerlebnis. Mir tun alle leid, die es interessant finden und meinen, damit wäre alles gesagt. Ist es nicht. Ist es nie.

Wie heißt es am Ende, wenn Gilbert daran denkt, Mathilda anzurufen, sie möge zu ihm nach Japan kommen: Die Laubfärbung beginnt.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp

Unterstützende, empfehlende Besprechung bei literaturleuchtet

 

 

 

Die ersten 15 Minuten, nachdem ich es erfahren habe

IMG_1992Ich sitze am Tisch. Es ist Essenszeit. Ich habe keinen Hunger. Schlechtes Wetter. Die Tür ist dennoch geöffnet. Ich friere aber nicht. Ich starre nur vor mich hin. Französische Musik aus der Anlage. Das Leben ist schön. Ich höre nicht hin. Ich merke mal wieder, ich bin Widder. Meine schlecht geputzten Zähne knirschen. Ich möchte nicht reden, nur knirschen. Draußen fährt ein Notarztwagen. Vorbei. Auch eine Straßenbahn. Sie entgleist nicht. Von links kommt ein Mann. Ich sehe ihn nicht ganz, nur die Hosen. Es könnte trotzdem ein Japaner sein. Ich trete ihm gegen beide Schienbeine. In Gedanken. Wahrscheinlich war es gar kein Japaner. Ich bleibe aber sitzen, laufe ihm nicht hinterher. Zu matt. Vielleicht kommt er wieder. Dann würde ich aufstehen. Oder nicht. Oder doch. Ich schwanke noch. Blätter fallen vom Baum. Sie sind golden oder braun. Oder gelb wie die Straßenbahn, die nicht entgleisen wollte. Farben sind egal, wenn man fällt. Dann liegen sie herum. Bald nicht mehr. Draußen ist Wind. Ich wäre nicht gern ein Blatt. War es Oslo oder Stockholm. Ich weiß das im Moment nicht mehr. Gar nichts weiß ich mehr. Nur Straßenbahnen und fallende Blätter. Herbst. Bald ist Winter, Weihnachten. Dann schenke ich mir neue Schuhe. Ich mag Schuhe. Von dem Geld hätte ich mir sehr viele Schuhe kaufen können. Sonst bin ich nicht sehr eitel. Was hätte ich wohl gesagt? Jetzt schweige ich. Außer Knirschen ist nichts zu hören. Und französische Musik. Das Leben ist schön…

….es steht ein Teller mit Maultaschen plötzlich vor mir, mit Brühe. Der Teller ist grün. Oder rot. Im Teller sind zwei Maultaschen. Da spielt Farbe keine Rolle. Und sie sitzt mir gegenüber. Mahlzeit! Gut ist’s, wie es ist….

…und beginne kurz darauf zu schreiben:

Ich sitze am Tisch. Es ist Essenszeit. Ich habe keinen Hunger. Schlechtes Wetter. Die Tür ist dennoch geöffnet. Ich friere aber nicht. Ich starre nur vor mich hin. Französische Musik aus der Anlage. Das Leben ist schön. Ich höre nicht hin. Ich merke mal wieder, ich bin Widder. Meine schlecht geputzten Zähne knirschen. Ich möchte nicht reden, nur knirschen. Draußen fährt ein Notarztwagen. Vorbei. Auch eine Straßenbahn. Sie entgleist nicht. Von links kommt ein Mann. Ich sehe ihn nicht ganz, nur die Hosen. Es könnte trotzdem ein Japaner sein. Ich trete ihm gegen beide Schienbeine. In Gedanken. Wahrscheinlich war es gar kein Japaner. Ich bleibe aber sitzen, laufe ihm nicht hinterher. Zu matt. Vielleicht kommt er wieder. Dann würde ich aufstehen. Oder nicht. Oder doch. Ich schwanke noch. Blätter fallen vom Baum. Sie sind golden oder braun. Oder gelb wie die Straßenbahn, die nicht entgleisen wollte. Farben sind egal, wenn man fällt. Dann liegen sie herum. Bald nicht mehr. Draußen ist Wind. Ich wäre nicht gern ein Blatt. War es Oslo oder Stockholm. Ich weiß das im Moment nicht mehr. Gar nichts weiß ich mehr. Nur Straßenbahnen und fallende Blätter. Herbst. Bald ist Winter, Weihnachten. Dann schenke ich mir neue Schuhe. Ich mag Schuhe. Von dem Geld hätte ich mir sehr viele Schuhe kaufen können. Sonst bin ich nicht sehr eitel. Was hätte ich wohl gesagt? Jetzt schweige ich. Außer Knirschen ist nichts zu hören. Und französische Musik. Das Leben ist schön…

…nur gibt es nicht immer Maultaschen. In der Brühe.