Reinhard Stöckel: Der Mongole

Tatsächlich war das Erste, was ich tat, im Internet nachzusehen, wo dieses Waldenow nun liegt: kein Treffer. Walden-wo? Walden-ow, fiktiv, ein Nicht-Ort in den Lausitzer Mooren, Russenwald, ehemals Truppenübungsplatz, Kohleabbaugebiet, ein Ort in naher Zukunft, den die Briefe-Tauben (marketingtechnisch geschützter Name für Drohnen) nur mit Aufpreis beliefern. Ein Bus hält nicht. Wie von einem Riss -nicht wie sondern im eigentlichen Sinn- ist diese Gegend abgetrennt von der Welt.

In diesen mythischen Raum verschlägt es Radik, um im Auftrag seines Professors Wölfe zu beobachten; ihn interessiert mehr der Sonnentau, soweit bei Radik von Interesse die Rede sein kann. Radik flüchtet in die Beobachtung, auch um sich die  Einlassungen der Welt vom Leib zu halten.

Und wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Mit der Liebesgeschichte seiner Eltern, der von Larissa und Sayan, dem Mongolen, Deserteur oder Zurückgebliebener sowjetischer Streitkräfte mit ebensolchen blauen Augen wie der Wolf, den Radik zu finden beauftragt ist.

Seine Schritte, trug er Schuhe , waren ihm im Ohr wie ein Klopfen eines Fremden an der Tür; etwas, das ihn erschreckte.

Ausgerechnet hier am verlassensten Ort, der sich vorstellen lässt, findet Radik seine Geschichte, als ginge sie ihn wirklich an. Und findet, dass da immer Spuren sind und bleiben, dass da nie ein vollständig Losgelöstsein ist. Wie ein sehr verspätetes Coming of age könnte man es sehen.

In einer fremd gewordenen, digitalisierten und automatisierten Welt findet man sich am ehesten außerhalb des Netzes (wieder). In einem Notizbuch, ihm das Wichtigste, sammelt Radik seine Beobachtungen und alte längst nicht mehr gebräuchliche Worte, deren Bedeutung er für sich bewahren will und vielleicht nur dort kann.

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Dieses Buch von Reinhard Stöckel ist wieder so ein reiches, volles Buch, das sich in einem ausbreitet und einen besetzt, wenn man dazu kommt, es zu lesen. Von dem man so viel gewinnt. Ich habe viel zu schnell geschrieben, was es meinen könnte. Aber rasch noch, bevor sich allzu schnell die Spur verliert.

Ein gutes Buch wie eine unvorhergesehene Begegnung mit einem Wolf: selten, man ist gebannt, vielleicht verspürt man leichte Angst, aber der Eindruck. Diese vereinzelten Bücher tauchen auf, verschwinden -allzu schnell- im Betrieb. Doch jedem Aufmerksamen sei die lohnende Lektüre gegönnt.

Ich habe mich zu bedanken. Mir wurde es empfohlen.

Reinhard Stöckel – Der Mongole, erschienen 2018 bei Müry Salzmann

Eine weitere Besprechung bei Zeichen und Zeiten

Autoren-Seite: http://www.reinhard-stoeckel.de/#xl_xr_page_index

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XXXVII….und führe den Tischer nicht in Versuchung.

War’s abzusehen? Was haben wir falsch gemacht? Wir haben an irgendeiner Stelle nicht aufgepasst und wissen nicht, ob’s jetzt noch abzuwenden ist. Unser Eingriff in die Natur, in ein funktionierendes Ökosystem. Und wenn einmal die Natur nicht mehr Natur ist, wird’s sie es in der Regel auch nicht mehr. Was aber war passiert? Ich will Madame nicht die ganze Schuld geben, aber das corpus delicti war aus ihrer Hand. Wie kann man dergleichen unbeaufsichtigt und offen herumliegen lassen? Wie kann man nahebei dasselbe mit Tischer tun? Allerdings zur Verteidigung: normalerweise war die Beziehung von Tischer zu irgendeiner Form von Text wie irgendeine Wichtigkeit zu irgendeinem Sack Reis. Es gab keine Kausalität. Da gab es kein Geschehen. Das bedeutete nichts. Da würde hier nichts stehen. Keine Geschichte.

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Doch eine irgendwie geartete kosmische Veränderung, eine Raum-Zeit-Verzerrung, ein allgemeiner Schwindel, ein Wasauchimmer, das keiner erklären könnte, selbst wenn er Diplom hätte in einer Naturwissenschaft, und Tischer, unser Tischer, also der Tischer, der reflexartig aus Überzeugung stets meinte, dass Texte etwas für Luschen wären, entwickelt literarische Ambitionen, indem er anfängt, in einem Fürsten-Roman zu blättern.

Wir, die wir verloren sind, wissen, wohin das führen kann, wenn man nur einmal solch einen Fürsten-Roman liest. Ein unschuldiges Vergnügen, eine Sonntagnachmittags-Schwäche, eine für die Wanne oder den Korb am Strand, knappe 65 Seiten, nichts hatten wir uns gedacht, und dann war’s das nicht mehr, war’s der Verlust des Paradies‘, wurden es mehr und mehr Seiten, wurden es Klassiker, wurde es Juli Zeh, wurde es Buchpreisträgerliteratur – und plötzlich waren wir Blogger und Füjetonisten, füllten Zeilen und Zeilen mit Seiten von Seiten UND waren keine Tischer mehr, alle unsere Streifen los.

Tischer ist der letzte seiner Art, der Prototyp, das Nonplusultra, Maß aller Dinge, der, der durch seine Existenz den Laden zusammenhält, das übriggebliebene Ur-Ur-Wilde, das diese Welt so verdammt nötig hat. Eigentlich müsste man Tischer in eine Arche setzen, vor der Flut an Zivilisation und Kultur nur weit genug wegbringen -lass die nur machen- und wenn später die Welt es richtig machen will nach dem mißglückten ersten Versuch, würde Tischer wiederkommen können.

Ich weiß sehr wohl, mit Worten ist Tischers Ur-Wildheit nicht zu fassen, schon gar nicht zu erklären, aber bitte, ich drücke nur meine Angst aus, dass Fürstenromane der Anfang vom Ende sind, dass am Ende noch Tischer nach Leipzig mitmöchte, nicht um gesundes Chaos zu stiften, sondern gepflegt über Neuheiten sich zu informieren oder bei Sektempfängen vielleicht die Gelegenheit zu ergreifen, Juli Zeh für ihr letztes Buch zu loben (oder auch in höflicher Art doch überzeugend zu kritisieren, je nachdem). Tischer also im ausgesuchten Gespräch mit Juli und nicht ihr ein Schälchen mit Milchreis (der vom Vorjahr übrig geblieben ist) über den Kopf ausleerend, und nicht mehr auf Jagd nach Aventiuren, sondern nach Leseexemplaren. Ich will mir das gar nicht weiter ausmalen……irgendwie muss es abzuwenden sein. Irgendwie muss das notwendige Gleichgewicht wieder hergestellt werden.

….einer muss Tischer den Fürstenroman entwenden.

…einer muss dieses eine Mal Streifen genug haben, das zu tun.

…oder nichts zu verlieren.

…wir lassen Streichhölzer zieh’n…

…schluck….oh…..es hat mich getroffen….ich werde euch vermissen….aber vergesst niemals, ich habe es für euch getan…..

….und sagt Juli, das geht wieder raus….

Freiheit-en

Es ist das Vorrecht der Poesie, die Auslegung dessen, was sie sagen will, Klügeren zu überlassen. Sie sagt, was ist. Das ist schwierig genug. Sie schreibt nicht davon, was es bedeutet. Noch gibt sie Anweisungen für ein „gutes Leben“. Sie ist, muss es sein, in dieser Hinsicht wenig dazu geeignet, praktisch zu sein. Sie ist nutzlos.

Sie mahnt nicht und hebt nicht den Finger. Sie schreibt keine Paragraphen. Keine Parolen. Sie fordert nichts. Nicht einmal, gelesen zu werden (was, in Anbetracht der Tatsache, wie wenig Poesie gelesen wird, wohl nur zu gerne angenommen wird).

Sie ist im besten Sinne des Wortes unpolitisch. Das würde ihr nicht bekommen. Ebenso wäre es für die Poesie fatal, religiös oder moralisch zu sein. Poesie ist nicht die Dienstmagd irgendwelcher Ideologien, noch bezahlte Lobbyistin. Sie trägt keinerlei Parteiabzeichen.

Sie ist frei. Und was hätte einer davon, sie durch Auslegung in Ketten zu legen? Sie sagt uns nichts Neues. Sie sagt es nur Immer wieder, dass wir es auch einmal nicht vergessen werden.

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Sehr bin ich durch die Poesie der Isländerin Linda Vilhjalmsdottirs in ihrem Buch „Freiheit“ angestimmt, über menschliche Befindlichkeit nachzudenken; dieses Buch, diese knappen, verdichteten Zeilen, nehmen einen leicht bei der Hand und führen einen direkt ins dunkle Herz, die menschliche Freiheit.

Und von dieser Freiheit könnte ich nun reden, von Verantwortung und Macht, von Verführung, von den vielfältigen Annehmlichkeiten bzw. Gefahren durch den Menschen für den Menschen und darüber hinaus, über die Politik und Religion dabei, über Ideologie und Materialismus, von all dem, was zwischen der „Geburtskirche“ der Freiheit, dem Hier und Heute und dem Himmelsreich, diesseits oder jenseits, steht.

Und fange doch kleiner bei mir selbst an und nehme es mir zu Herzen. Ich bin so altmodisch.

Linda Vilhjalmsdottir „Freiheit“, (aus dem Isländischen kongenial übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer), erschienen beim Elif Verlag

 

XXXVI. Milchreis mit Vorsatz

Zeit war knapp, das letzte Jahr war kürzer als das vorletzte. Die Prioritäten waren so viele, dass es nur so wimmelte. Und so in der Menge, in der sie waren, waren sie wehrhaft gegen die eigentlich Maßgebliche, die mit den Streifen. Wie ungesund ist es gewesen, sich allzu sehr gegen die höchste Priorität zu wehren, den anderen den Vorzug zu geben. Wenn man sich dem, was das Wichtigste sein sollte, nicht wenigstens in großen Teilen immer hingibt, so hat man sehr bald Rheuma, die Finger werden steif und Tage sind nur Tage und man erzählt nichts, was nur noch abgehakt wird.

Und ich Dummerle habe mich gewehrt. Ich konnte mich wehren. Konnte mich sogar gegen Tischer wehren. Lange Zeit, bald ein Jahr. Bevor nun jemand meint, das sei eine Heldentat, dem sei gesagt: ich bin gar nicht stolz darauf. Sicherlich, man könnte meinen Trotz bewundern, fast zwölf Monate widerstanden zu haben. Solche Menschen bewundern auch Zimmerpflanzen, die der Gieskanne trotzen und lieber vertrocknen, oder das Kleinkind, das seinen Rosenkohl nicht essen möchte und lieber Finanzbeamter werden möchte. (OK, da ist in der Kausalkette Kleinkind-Rosenkohl-Finanzbeamter ein logisches Loch, aber der Sinn wird hoffentlich jedem klar sein, wenigstens aber dem, der es mir gerne mitteilen möchte, denn ich komme von allein nicht drauf).

Will wieder von Tischer berichten, von seinen Aventiuren. Will es nicht tun, weil er mir mit einer vorgehaltenen Schüssel Milchreis gedroht hat, diese über meinem Kopf auszuleeren. Tatsächlich tat er das und der Milchreis war in keinem guten Zustand mehr, als ich endlich zur Besinnung kam und Tischer nachgab: mein Vorsatz für’s neue Jahr soll sein, wieder von Tischer zu erzählen.

Ist’s so, dass es Tischer gibt, weil ich von ihm erzähle? Oder andersherum? Wahrscheinlich von beidem etwas, nehme ich an. Deshalb gab es auch den Milchreis, der über Monate vor sich hingammelte bei etwas mehr als Zimmertemperatur – und war nicht mehr süß und lecker. Und nicht gut für’s Haar. Die Schüssel war voll. Tischers Arm zitterte leicht von dem Gewicht der Schüssel. Außerdem hat Geduld wenigstens eine Grenze, die kam bedenklich nahe. Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen.

‚ Also gut, mein Gestreifter, du hast gewonnen. Wie auch nicht? Ich will wieder von dir erzählen. Du kannst die Schüssel runternehmen.‘

Einen kurzen Moment überlegte Tischer. Ich mit einer großen Schüssel von vergammeltem Milchreis auf dem Kopf und in den Ohren, war verlockend und fast schon Aventiure. Was hielt ihn ab? Er tat es jedenfalls nicht, stellte aber die Schüssel in Reichweite ab. Ich soll nicht denken, er käme auf das Angebot nicht irgendwann zurück.

Und so nahm Tischer Ausschau nach Aventiuren für das neue Jahr, gut getarnt hinter der Zimmerpflanze, denn Aventiuren sind vorsichtig geworden, seit es Tischer gibt.

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Und ich will es gestehen: ich bin glücklicher, seit es Tischer gibt.

Nur die Schüssel mit dem Milchreis, die über meinem Kopfe droht, trübt’s ein wenig.

Also: auf ein Neues.

Literarisches Hütchenspiel: Die himmelblauen Berge

„Also: die Zehn verliert und die Dame gewinnt. Also nochmal für die Analphabeten: die Dame gewinnt und die Zehn verliert. Die Zehn verliert und die Dame gewinnt.“ Terence Hill, Das Krokodil und sein Nilpferd

Die Dame gewinnt. Die Dame, nicht die Zehn. Die DAME. D-A-M-E-N-I-C-H-T-Z-E-H-N!!! Das ganze Leben ist ein Hütchenspiel, ein Kartentrick. Du siehst das Tischchen unter der S-Bahn-Brücke am Alex, den Mann mit den Hütchen. Irgendwo stehen seine Kompagnons Schmiere. Die siehst Du nicht. Ich mache keine Einsätze, aber wenn ich herantreten würde, wäre ich mir so sicher. Es sind doch nur drei Hütchen oder drei Karten. Und jedes Mal wäre es die Zehn. Mein Siegesgefühl. Meine Ernüchterung.

Mein Lesen. Literatur. Ich bin kein Analphabet. Ich bin geübt. Ich habe einen Blog. Ich hatte meine Sterne. Und Kommentare bisweilen.  Nein, das ist keine Krise. Ich bleibe am Ball. Bis kurz bevor die Karte aufgedeckt ist, denke ich nämlich immer, ich hätte verstanden. Was ich mir eben zurechtlege.

Lügen sind sehr viel leichter zu durchschauen als Literatur. Da bleibt ein Rest, da kommst du nicht dahinter. Lesen ist so wunderschön. Und erhebend auch. Da nimmst du teil und nimmst was mit.

Wenn du am Tisch stehst, egal wie lange, jetzt aber, hundertster Versuch, tausendster, wenn du glaubst, eine Methode zu erkennen, ein Muster, vorauszusehen – ICH BIN EIN GEÜBTER LESER (und schlauer als der Taschenspieler, sicherlich) -, bliebe es wohl noch immer die Zehn.

Was ist der Einsatz beim Lesen schon? Zeit? Regalmeter? Zu hoch ist er nicht. Zu verlieren wenig. Was kann dann dabei herauskommen?

Bin kein Analphabet. Das heutige Buch „Die himmelblauen Berge“, leicht lesbar, gleich einem Theaterstück von Beckett (ich habe Beckett nie gelesen, stelle mir lediglich vor, so müsste er sein). Die Geschäftigkeit und das Emsige, betriebsam alle, aber passieren wird nichts. Putz bröckelt, der Aufzug funktioniert nicht mehr richtig. Ein Bild, das Grönland zeigt, wird von der Wand fallen. Ein Manuskript mit zwei Titeln wird nicht gefunden werden. Und ein Autor verschwindet im Untergrund. Jemand mit mehr Talent könnte sicherlich eine ausführlichere Inhaltsangabe machen. Helfen würde es nicht.

Ich denke, und hoffe, das ist die Dame, man wird dem Buch nur gerecht, sich der Kakophonie der Stimmen zu ergeben.

It all sounds the same. Neil Young

Die Literatur ist ein Haus. Sie hat viele Bewohner. Dünne Wände. Und mittlerweile W-LAN. In dem ganzen WG-Gerede überhört man das Abbröckeln des Putzes. Die Risse in der Wand überhängt man mit Self-Made-Postern.

In den „himmelblauen Bergen“ funktionieren die Telefone noch. Die Fenster lassen sich nicht mehr öffnen.

Das Buch könnte ich empfehlen. Aber heute habe ich frei. Heute schreibe ich nur für mich selbst. Das ist keine Werbung. Wenngleich im Grunde alles Werbung ist, besonders dann, wenn ich gleich auf „Veröffentlichen“ drücke: für das Buch, meine Lesart, meinen Witz.

Nein, ernsthaft, -reiß Dich zusammen, Herr Hund-, es ist ein wirklich, wirklich gutes Buch, dem ich ernsthaftere Leser wünsche, die mehr am Text bleiben und sich nicht so viel zusammenreimen.

Himmelblauen Berge

Reso Tscheischwili, Die himmelblauen Berge (Edition Monhardt)

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