Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 5: Heroismus

06.06.2013_A_True_Hero_OMS-1000x500

 

Guten Tag, Herrschaften. Wie ich sehe, sind heute einige Plätze leer geblieben. Der Sommer lädt zwar ein, seine Zeit lieber draußen im Wald und an den Gewässern zu verbringen, doch hatte ich den Glauben, jeder von Ihnen wäre daran interessiert, seinem Talent, wäre es auch noch so klein und unscheinbar, in meinem Seminar den einen entscheidenden Schliff zu geben, sich selbst als ernst zu nehmender Autor mit meiner Geburtshilfe zur Welt zu bringen, sich darin Bedeutung zu verschaffen und erst wieder das Podium zu verlassen, wenn die Messe, also alle Ihre Werke gelesen wären. Nun, die Draußengebliebenen werden sehen müssen, wie sie den Stoff, der ein hochwertiger ist, wieder aufholen. Aber, das werde ich prophezeien können, diejenigen, die in diesem Moment an ihren Eistüten hängen, in ihren Badeanzügen und Badehosen sich im Sand suhlen, auf quietschroten Luftmatratzen in Baggerseen stechen, diese werden später lange nicht so hohe Auflagszahlen erreichen wie Sie, meine treuen, gehorsamen Schüler.

Doch wenn auch Sie einmal den Drang verspüren, es zugunsten einer faulen Gelegenheit schleifen zu lassen, nicht Ihr Talent zu einem funkelnden Diamanten, sondern die Zeit, die, wenn ungenutzt, Ihr Talent zwangsläufig aushöhlt, wenn Sie also es einmal ruhig angehen lassen wollen, denn bis morgen wäre auch gut verschoben und warum dann nicht gleich bis zur nächsten Woche, nächsten Monat und für die Buddhisten unter Ihnen, bis zum nächsten Leben, wenn Sie also Ihr Talent ruhigstellen wollen, als wäre es ein tollwütiger Hund, um einmal verschnaufen zu können von der anstrengenden Arbeit, die ein solch heikler Patient erfordert, ist das zwar Ihr gutes Recht, im Ergebnis sähe es dann jedoch weniger gut aus. Aber gut, es können neben diesen Bequemlichkeiten andere durchaus ernst zu nehmende Dinge eintreten, die einer Beförderung Ihrer Talente hinderlich sein könnten.

Das Leben ist so ein Faktor und jeder guten Literatur ein Ärgernis. Wie wäre die Literatur gut, wenn es das Leben nicht geben würde. Was hätten uns die großen Autoren noch alles sagen können, wenn Sie nicht hätten dreimal am tag hätten essen müssen oder schlafen oder eine Ehe führen oder auch nur den Hund ausführen oder welche schlachten, oder oder oder……… Sehen Sie sich vor. Versuchen Sie so gut es geht, das Leben zu vermeiden. Schreiben Sie. Wenn Sie es ernst meinen, dienen Sie einzig und allein Ihrem Talent und schreiben Sie. Und schaffen Sie sich auf keinen Fall ein Haustier an. Ist das zu viel verlangt? Nein und doch ja. Denn wie Sie hier sitzen, müssen Sie wissen, dass auch die wirklich großen Geister ein Leben hatten. Wenn man es versteht, Ihre Werke genauestens zu studieren, wird man feststellen können, wo das Leben der möglichen absoluten Größe in die Quere kam. Stellen Sie sich vor, Schopenhauer hätte nicht ein Techtelmechtel mit seiner Haushälterin gehabt, man hätte ihm fast folgen wollen? Oder Thomas Mann, dieser feine Herr mit seinen ein, zwei Schwächen, was hätte er ohne diese aus seinem Zauberberg nur machen können? Und nicht zuletzt der Titan unter den Autoren, Oliver Kahn, wie vertikal hätte er mit seinem Werk tief eindringen können in die Wahrheiten des Daseins, wenn er nicht nebenher noch hätte Fußball spielen oder moderieren wollen? Es ist traurig und tragisch. So bleiben uns von diesen großen Geistern nur Unvollkommenes, Fragmente. Und warum? Des Lebens wegen, von dem sie alle nicht lassen konnten.

Begehen Sie nicht denselben Fehler. Seien Sie heroisch und entsagen Sie dem Leben. Existieren Sie einzig für die Literatur. Wenn es sein muss, orientieren Sie sich an einem Vorbild, wie ich eines bin. Es wäre eine kostenlose Zugabe. Sie nehmen mir nichts dadurch. Ich kann es tragen. Greifen Sie zu. Aber wenn Sie den Schritt gehen wollen, Ihr Leben für das Werk auf’s Abstellgleis zu stellen, verspreche ich Ihnen, Sie werden auf das Herrlichste dafür belohnt. Heute  und morgen vielleicht nur mit den prächtigsten Kommentaren, durch die nachkommenden Generationen jedoch mit Plätzen und Straßen, die Ihren Namen tragen, mit verzweifelten Abiturklassen und atemberaubend langweiligen Theateraufführungen und Lesungen und nicht zuletzt mit Preisen an lebende Autoren, die sich an Ihrem Werk, nicht Ihrem Leben, orientieren.

Was für Aussichten sind das, oder? Herrlich.

Die Stunde ist rum. Wir haben nicht überzogen, sehr gut. Bis nächste Woche also und versuchen Sie einmal, heroisch zu sein. Bauen Sie sich Ihre Festung der Einsamkeit und wenn schon Kontakt zur Welt, dann nur um sie durch Ihr Werk zu retten. Das Leben bleibe dabei bitte außen vor. Meiden sie es. Es ist wie Kryptonit und schwächt Sie, Ihr Werk. Halten Sie Ihre biographische Identität geheim. Einzig Ihr Werk zählt.

Sie entschuldigen mich jetzt aber, ich muss zu meinem Bowlingabend.

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 4: Timing

Entschuldigen Sie, wenn Sie warten mussten, ich war mir meine eigene Fanmeile und steckte bis gerade im Autokorso fest. Mir sind die Ohren vom Dauerhupen noch ganz taub. Wenn, dann sollten Sie ein wenig lauter reden und preisen.

Wurden Sie langsam ungeduldig und wollten schon gehen? Das wäre falsch gewesen und übereilt. Denn Warten gehört dazu. Mit Warten fängt Kunst an. Mit dem Gefühl für den rechten Zeitpunkt.

Nein, heute und jetzt muss diese Lektion sein. Zu früh noch vor zwei Wochen. Doch morgen vielleicht zu spät für manchen. Die Meisten sind jetzt soweit, nicht alle. Für die Verständigen wollen wir heute die Frage beantworten, wann ist richtig, wann hat ein Wort die richtige Zeit? Und wie lange soll es klingen, bevor es verklingt? Denn auch das Verschwinden und Verstummen hat seine Zeit.

Gedanken, die richtigen, haben ihre Zeit. Das sage ich Ihnen jetzt, hätte es aber bereits vor Stunden sagen können, als ich es bereits dachte. Viel näher am Epizentrum meines Genius‘ wären Sie gewesen, diese Gedanken von mir viel klarer vor Augen und Geist. Ein wenig davon können die Talentiertesten unter Ihnen wahrscheinlich jetzt noch verstehen. Diese möchte ich bitten, den Mitschülern, die nicht so fix sind, ein wenig behilflich zu sein.

Trotzdem, die Worte, die ich an Sie richte, haben an Gedankenfülle leider verloren. Das Beste an mir ist das Unausgesprochene und Sprache nur ein kümmerliches Vehikel. So gesehen bin ich mit dem, was ich Ihnen zu sagen hätte, in der Tat zu spät. Sie werden damit auskommen müssen. „Nicht mehr frisch, aber lecker.“, möchte ich Ihnen in Anspielung auf einen Werbespruch einer Bäckerei entgegnen. Der übrig gebliebene Nährwert meiner Äußerungen hat Ihnen zu reichen.

Wir waren zuletzt bei Als Pete…. und hatten dann die sehr wichtigen Leerstellen zum Thema. Ich habe übrigens von einigen recht schöne und gelungene Leerstellen erhalten. Den Anderen sei gesagt, dass eine Leerstelle nicht bedeutet, mit dem Denken aufzuhören. Sie müssen bei Leerstellen an elektrische Spannungen denken, kurz vor der Entladung, nicht an Vakuum und Ratlosigkeit.

Jetzt würden Sie erwarten, dass Als Pete…. fortgeschrieben werden wird. Falsch, ganz falsch. Für das wichtige dritte Wort fehlt bislang der angemessene Gedanke. Wir wollen keine Worthülsen produzieren. Wir haben etwas zu sagen. Unsere Worte sollen Bestand haben, nachhaltig sein. Mit dem falschen dritten Wort, ohne dass ein Gedanke darin verborgen wäre, würden wir alles ruinieren.

Warten, Geduld haben. Den Geist öffnen und locken. Es kommt der Gedanke und mit ihm das passende Wort. Und erst dann gehen Sie mit und beginnen zu schreiben. Sie wollen Weltmeister-Texte schreiben und nicht bereits mit leeren Phrasen in der Vorrunde ausscheiden. Da heißt es üben, üben, üben…..in Geduld.

Bis nächste Woche, meine Herrschaften. Ich muss jetzt zurück zu meiner Fanmeile. Es gibt noch so viel an mir zu feiern. Wir sehen uns nächste Woche.

Ihnen kann ich nur noch mit auf den Weg geben: hängen Sie Ihren Gedanken nicht nach, gehen Sie mit und kommen Sie um Gottes Willen auch irgendwo an, am besten bei dem richtigen Wort!

Und lassen Sie bis dahin und auch sonst nie diese meine Worte verklingen. Richten Sie Ihre Gedanken daran aus. Sie werden nicht fehl gehen.

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 2: geistiger Diebstahl.

Guten Morgen liebe angehende Autoren! Es ist schön, dass Sie kommen konnten. Wir mussten kurzfristig den Termin verschieben, weil heute Abend in diesen Räumlichkeiten ja eine Veranstaltung zur Vorbereitung der nächsten Winterkurse stattfindet. Bei der Gelegenheit soll ich Sie darauf aufmerksam machen, dass noch Plätze frei sind für einige aktuelle Kurse:

– Nicht nur gut für Kopfhaare? Füße fönen – eine asiatische Heilmethode für Menschen mit Blasen am Zeh.

–  Wir schauen nicht nach der Glasuhr! Meditatives Töpfern

– Fussballschnellkurs mit Olli. Warum wir vertikaler spielen müssen?

Das aber nur am Rande. Jetzt zu unserem Kurs. Haben Sie alle die anfallenden Kursgebühren mitgebracht? Es ist Monatsanfang und meine Miete ist fällig, also…bitte einfach am Ende der Stunde in das Glas, Danke. Und dann sollten Sie alle auch Schere und Klebstoff mitbringen. Wir machen heute eine kleine Übung. 

Hallo, Sie da am Fenster, würden Sie sich bitte wieder dem Unterricht zuwenden und nicht die Wolken beobachten. 

Wir machen also später eine kleine Übung. Aber jetzt verrate ich Ihnen erst kurz, worum es heute geht. Wie Sie wissen zu können glauben dürfen wollen, entsteht durch mich, ein neues Meisterwerk der Literatur. Und Sie haben die Möglichkeit Schritt für Schritt zu verfolgen, wie ich auf genialste Weise Wort an Wort setze und daraus tatsächlich klickerdiklack echte unverfälschte und originale Literatur entsteht. Literatur, die gelesen werden wird. Literatur, die Geschichte machen wird.

Was? Sie müssen auf Toilette? Gehen Sie einfach! Wir fahren fort.

Also ich sprach von Geschichte, vom Fortgang der Menschheit, von meinem Werk. Schauen und hören Sie also zu und vor Allem lernen Sie! Heute soll es um geistigen Diebstahl gehen. Gerade Sie werden wahrscheinlich in die Situation kommen, sich bei Anderen bedienen zu müssen. Wir können ja nicht alle wie ich sein und einen unerschöpflichen Vorrat an Ideen und Gedanken haben, aus dem zu schöpfen wahre Literatur auszeichnet. Doch Sie können Literaturware produzieren, für jedermann. dafür braucht es weniger Phantasie als vielmehr die besondere Geschicklichkeit, zu klauen, was das Zeug hält. Ich stehe da auf der anderen Seite, wie Sie sich werden denken können. Ich wurde selbst schon oft beklaut. Junger Mann ist unglücklich verliebt und erschießt sich, von mir geklaut. Mann hat schlechte Träume und findet sich am Morgen verändert vor, von mir geklaut. Und, zumindest das kennen Sie alle, kleine Knirpse erhalten von altem Zausel den Auftrag, eine Herrenarmbanduhr in einem Feuer zu vernichten. Offensichtlich von mir geklaut, auch wenn der Autor versucht hat, das zu verbergen: ein Ring, lächerlich. Das sich das verkaufen ließ? Und sich verfilmen? Verdammte Scheiße, das war meine Idee, mein Werk, mein Schatz…..Gollum…..Gollum….Gollum….

…Entschuldigung. Jedenfalls Sie sollen es besser machen als diese Stümper. Glaubwürdiger. Beklauen Sie mich, den Besten. Und dafür weiter im Text:

Als Pete………

Diebstahl ist wichtig für Sie. Originalität steht allein. Und macht einsam. Was denken Sie, wie lange es gebraucht hat, dieses zweite Wort zu finden, diesen Namen? Stunden? Tage? Eine ganze Weile, das kann ich Ihnen sage. Aber er passt, er passt so unbedingt, die ganze Geschichte steht bereits in diesem Namen. Sie können glauben, wie glücklich ich darüber war, ihn gekla…..äähhh….ihn in mir gefunden zu haben, in dem stillen Gewässer meiner Brillanz. Sehen Sie davon ab. Es ist gut so. Seien Sie nicht traurig darüber. Freuen Sie sich vielmehr, mich kennen zu dürfen und sich bei mir zu bedienen. Und damit zur Aufgabe:

Nehmen Sie Schere und Klebstoff, schneiden Sie einzelne Worte aus dieser meiner Rede -Sie haben alle mitgeschrieben? Natürlich haben Sie das- und fügen Sie die Worte zu einem neuen Text zusammen. Wir wollen dann einmal sehen, wie inspiriert Sie klauen können. Machen Sie es aber nicht so wie in dem Text, den ich Ihnen mitgebracht habe. An diesem Machwerk können Sie sehen, dass ein wenig mehr schon dazu gehört, um ein ganz passabler Autor zu sein. Dieser blieb übrigens unbekannt und das ist auch gut so:

 

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Sie erkennen wahrscheinlich gleich die Fehler, die dieser Autor gemacht hat. Lernen Sie und machen Sie es besser. Ich lasse Sie jetzt mal allein Ihre Übungen machen und schaue mir das nachher an. Legen Sie das fertige Blatt vorne auf den Tisch, die Kursgebühren in das Glas. Wir sehen uns dann wieder nächste Woche bei einer neuen Lektion. Falls ich nicht können sollte, ich habe mich nämlich für ein Volontariat beworben, entnehmen Sie das bitte dem Aushang.

Bis nächste Woche!