Don Quixote in Japan – Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Kieferninseln

Es ist interessant, dass Socken in Japan so günstig sind. Und ein Wald für Selbstmörder, dass einmal im Jahr von Tagelöhnern die Leichen weggeräumt werden müssen, das ist furchtbar interessant. Das mit den Bäumen ist sehr interessant. Ganz Japan ist interessant, furchtbar interessant. Aus Japan, über Japan. Interessant, interessant. Basho kannte ich noch nicht. Klingt aber interessant. Haikus, wahnsinnig interessant. Und das mit dem Tee. was soll ich sagen?

(…) wie es im übrigen dem regelhaften Verlauf entsprach, dass das Interesse an den Einzelheiten wuchs, je mehr man sich in ein Gesamtsystem vertiefte.

Gilbert, vorübergehend Experte für Bartologie, ein Akademiker ohne Persönlichkeit, träumt, seine Frau betrüge ihn, glaubt das (und warum auch nicht, wenn die Unterschiede so klar nicht sind) und nimmt Reißaus nach Japan, weiter geht nicht. Von einem Kaffeeland ins Teeland. Vom Klaren ins Vage.

Don Quixote im Fernen Osten, findet da seinen Sancho, den jungen Japaner Yosa. Der neigt zum Selbstmord. Gilbert nimmt ihn unter seine Fittiche. Und sie gehen gemeinsam auf Pilgerreise, auf den Spuren des Haiku-Dichters Basho. Manche Station wird ausgelassen; man ist nicht mehr nur zu Fuss unterwegs. Das letzte Ziel sind die Kieferninseln bei Matsushima. Und sie dichten Haikus (im Geiste Bashos), die besseren natürlich Gilbert. Als Gilbert und Yosa sich aus den Augen verlieren, schreibt Gilbert kurzerhand für beide und schiebt das schwächere, das sentimentale, depressive Haiku dem Abwesenden zu. (Abwesend? Es könnte ein Gedanke sein, zu glauben, einen Yosa hätte es gar nicht gegeben.)

Der Dozent, wahrlich nicht ungeschickt darin, sich ein Thema anzueignen, es interessant zu machen, nicht nur für sich selbst, doch dabei nichts Substantielles hervorzubringen, impotent zu bleiben, treibt am Schluss seinem Traum-Ziel entgegen.

Gilbert stellte sich den Vollmond über schwarzen Kiefern vor. Ein silbriges Licht, ausgegossen über stoppeligen Silhouetten, den struppigen Physiognomien alter Landstreicher, Wandermönche, Künstler mit knielangen Bärten. Er grinste aufgeregt in die Tiefen seines Zimmers, in die Tiefen des Weltalls, und boxte sich das übermäßig nachgiebige Kissen zurecht. Er hatte ein Ziel.

Seltsamerweise ist Gilbert genau dann näher dran an Gegenwart, bei Nacht, im Traum, wenn da keine Kontrolle mehr ist, keine Vernunft, nicht mehr das Buchwissen des Intellektuellen, der sich, bei Tage besehen, verloren hat. Es hieße loslassen, um den magischen Moment einzufangen, zu erleben.

Laubfärbung ist reine Gegenwart, sie ist bis zu einem gewissen Grad unvorher-sehbar, sie lässt sich schlecht einplanen, und schon gar nicht weit im voraus. Wer das rote Herbstlaub zu sehen begehrt, muss alles abschütteln, muss alles hinter sich lassen, und los.

Die Natur in diesem Buch ist reinste Gegenwart, soweit das Literatur leisten kann und wie Gilbert sie in seiner hilflosen Arroganz und akademischen Analyse zu erfassen sucht und in ihr sein Heil, macht den besonderen Reiz und auch Humor des Romans aus. Es ist nicht mehr zu haben, wie ein Basho es vielleicht noch fassen konnte. Pilgerziele sind Ausflugtipps geworden.

(…) den Kirschbaum zu spalten, um die Blüten zu finden, sei die falsche Vorgehensweise.

Das Buch war/ist ein Erlebnis, vor allem auch ein Naturerlebnis. Mir tun alle leid, die es interessant finden und meinen, damit wäre alles gesagt. Ist es nicht. Ist es nie.

Wie heißt es am Ende, wenn Gilbert daran denkt, Mathilda anzurufen, sie möge zu ihm nach Japan kommen: Die Laubfärbung beginnt.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp

Unterstützende, empfehlende Besprechung bei literaturleuchtet

 

 

 

Advertisements

Eine kleine Welt.

Platon
Erinnerst Du dich, Anaxagoras, an Sokrates‘ Worte über den Menschen? Wie nannte er den Menschen?

Anaxagoras
Eine kleine Welt.

Venevitinov_Werke

Zuerst eine Prämisse: Bücher sind Menschen. Sind leise oder laut. Aufbrausend oder sanftmütig. Sind einfache Gemüter oder sehr gescheit. Sitzt so ein Mensch mir gegenüber, kenne ich ihn nicht gleich. Vielleicht habe ich ein Gefühl, eine Sympathie oder ein Unbehagen. Der Mensch oder das Buch mag mich nicht interessieren im ersten Augenblick. Bei Menschen stehe ich dann auf, ein oder zwei höfliche Worte, ich gehe. Er langweilt, ich fühle mich gelangweilt. Das Buch, das stelle ich ins Regal oder lasse ich liegen. Der Mensch bleibt sitzen. Irgendwann nicht mehr. Er hat sein Leben, ich meins.
Dann begegnet man sich wieder, die Umstände sind andere, vielleicht nur ein Temperaturanstieg und weniger Wolken am Himmel. Vielleicht war das Frühstück gut und das Ei nicht zu hart. Vielleicht aber ändert das nichts, man geht aneinander vorbei. Das Buch bleibt weiterhin dort, wo man es hat liegen lassen. Der Mensch, er hat seine Wege. Viele Menschen, viele Wege.
Prämisse zwei: ein Buch ist ein Mensch, der bleibt. Nicht allen Menschen werde ich jemals begegnen, geschweige denn, interessant genug finden, mehr als nur höfliche Worte oder einen Blick zu wechseln. Menschen gehen vorbei. Das ist so. Ich bin auch so ein Mensch, ich gehe vorbei. Und dann sieht man sich nie wieder. Das ist normal. Das ist das Leben. Ich lerne nicht alle Menschen kennen auf diesem Weg.
Prämisse drei: ein Buch ist ein Mensch und eine Möglichkeit, nicht zu achtlos und zu geschäftig, vorbeizugehen, was durchaus praktisch sein kann und zielführend. Doch ab und zu so ein kleiner Halt zu gegebener Zeit, beim ersten Mal, beim zweiten Mal, das Mensch sein beachten, sich für das Mensch sein interessieren, nicht nur für die Zerstreuung, für die Sensation, für die kurze oder lange Dauer einer Verschnaufpause, bevor es einen wieder weiter verschlägt, irgendwohin.

Der Mensch ist eine kleine Welt. Es muss nicht meine Welt sein. Es mag Berührungspunkte geben, am Ende aber ist seine eine ganz andere Welt, die mit meiner Welt kaum zur Deckung kommt.

Prämisse vier: ein Buch ist ein fremder Mensch, mit dem ich mehr gemeinsam habe, als ich annahm, als er an mir vorüberging oder ich an ihm – so sehr er sich auch sonst von mir zu unterscheiden scheint. Seine kleine Welt, meine kleine Welt. Das lass ich gelten.

Dass das schon OK ist, mit den Unterschieden, mit dem Vorbeigehen. Dass man nicht ständig Hände schütteln kann, Innehalten und Nachfragen. Das wäre unmenschlich. Dass man aber erinnert wird, Hoppla Auch Mensch, Wie Man Selbst, das können Bücher ganz gut vermitteln, oft besser, als Menschen selbst.

(Eigentlich hätte das da gar nicht stehen dürfen, sondern lediglich ein bzw. zwei Buchempfehlungen, die zu einem Band von Texten des viel zu früh verstorbenen russischen Dichters  Venevitinov „Flügel des Lebens“ auf der einen Seite, die zu vier schmalen Bändchen der Schlaflosreihe auf der anderen, beides bei Ripperger & Kremers, doch außer dem Zitat von Ersterem gleich zu Beginn, ist nicht viel geblieben. Mich überkam humanistischer Ehrgeiz. Ich darf nämlich, auch da ich als Blogger in erster Linie für mich selbst schreibe, mich von zu Erwartendem entfernen, wie es mir beliebt. Und dass ich mich dabei verlaufe, ist nur scheinbar eine Möglichkeit.
Doch gut, wer’s wissen will, die Lektüre der Bücher ist zu empfehlen. Sie sind von kleiner Art und in dieser so wohltuend fern von jeglicher Sensation und aufdringlicher Aktualität, dass ich alle mit äußerster Behaglichkeit gelesen habe. Und wenn das oben gesagte nur halbwegs stimmt, so hat die Lektüre auch diesen Nutzen. Wem’s wichtig ist.)

Dmitrij Venevitinov – Flügel des Lebens
Schlaflosreihe, hg. von Roman Lach, bislang vier Bände. 

Buchpreisreality, alptraumhaft.

(Das Setting, Hauptstadtstudio oder Vorstadtstudio Köln Süd der Mediengruppe sowieso, oder doch nur das Träumchen eines unbekannten Bloggers während seines Nachmittagsschläfchens nach einer nicht unerheblichen Mahlzeit um halb Zwölf, mit wahrscheinlich ein paar, vorwiegend festkochenden, Kartoffeln, im Netto das Kilo für 1,49€, zu viel. Es könnte aber auch lediglich ein Radio- oder Zeitungsinterview gewesen sein. Jedenfalls war ein Scheinwerfer kaputt, wahrscheinlich sogar zwei, und alle Beteiligten hatten stilles Wasser. Und fast am Ende der Sendung des Traums oder des Artikels oder irgendwo dazwischen dies … und es fühlte sich, solange es dauerte, real an.)

Gastgeber (in Folge abgekürzt GG, da ich davon ausgehe, es war ein Mann, weil mir nicht unähnlich, sonst hätte es auch eine Frau sein können, also abgekürzt GGin, aber es war ein Mann, spare ich mir also Buchstaben und wir kommen schneller voran): Da Sie anonym bleiben wollen, würde ich Sie Günther nennen. Ist das OK für Sie, Günther?

Günther (in Folge G abgekürzt, falls X, also Nicht-G sich wird einverstanden erklären mit dem Vorschlag von GG, wenn nicht dann mit entsprechender anderer Abkürzung oder die Stelle bleibt leer und jeder denkt sich seinen Teil, ihr seid ja nicht doof. Im Moment aber ist die Frage ja noch offen und so -eigenmächtig- soll er „Günther“ heißen, wofür sich nachträglich zu entschuldigen wäre, sollte Nicht-G so nicht genannt werden wollen, wegen irgendwelcher traumatischen Erlebnisse mit einem Günther oder so, denn, wer möchte das schon. Und dieser „Günther“ nun für sich): …ich weiß, ich habe noch was zu sagen, ich weiß , ich habe noch was zu sagen, ich weiß, ich……

GG: Günther, ist das OK für Sie?

(also vorbehaltlich, immer noch für sich): …ich habe eine Bedeutung, sicherlich, für irgendjemand, für einen Einzelnen, immer wieder, das weiß ich…..ja…dem habe ich noch was zu sagen, dem bestimmt…das kann doch nicht anders sein…..

GG: Günther? Haben Sie meine Frage verstanden? Hören Sie mich?

(für sich (Anm.: wusstet Ihr, dass bei keinem anderen Autor so viel für sich gesprochen wird, als bei Shakespeare, nämlich genau 217-mal, ich hab nachgeschaut. Schiller kommt nur auf 141-mal, Brecht auf 65-mal. Ob das irgendwas erklärt, weiß ich nicht, aber ich dachte, vielleicht kann ich bei Euch punkten mit solchem Spezialwissen. Und das wäre ein ehrbarer Grund)): …er und ich…er durch mich…er…

GG (natürlich lauter bzw. fettergedruckt und großgeschrieben): GÜNTHER!!!!

G: Was? Wie? Wie spät ist es?

GG: Ich wollte von Ihnen, ich meine, ob…ach, das steht oben, direkt nach der Einleitung, meine erste Frage.

(nachdem er kurz oben, direkt nach der Einleitung, die erste Frage gelesen hat, etwas benommen und verschreckt, er ist so eine laute Anrede nicht mehr gewohnt): Sssie dürfen.

GG: Gut. Also. Günther. Erzählen Sie mal. Warum sind Sie heute hier? Was ist Ihre Geschichte?

G: ich war, das ist schon so lange her, also ich stand, fast zwei Wochen lang, oder lassen Sie es drei Wochen gewesen sein, ich stand, zwei oder drei Wochen, letzten Herbst, ich war noch ganz neu, hatte in solchen Dingen ja keinerlei Erfahrung, so frisch gedruckt, wie ich war, damals, ich kam dazu völlig unerwartet und stand also plötzlich auf dieser longlist für diesen Buchpreis, ich weiß gar nicht mehr für welchen, aber ich glaube mich zu erinnern, er war bedeutend. Und ich stand da unter all den anderen, teilweise auch noch recht neue, nicht aber alle, manche schon vier oder sogar fünf Monate alt, die taten zwar erfahren, waren aber ebenso nervös, wie wir Frischlinge. Mir flatterten ganz schön die Seiten, kann ich Ihnen sagen.

GG: Dann standen Sie also im Rampenlicht.

G: Sagt man wohl so. Dann ging’s los. Ich wurde verteilt. Ich wurde besprochen. Nicht immer nette Worte waren das. Doch waren da auch sehr lobende Wort, überschwängliche Worte, ‚Was für ein feiner Text, Du Du Du. So neu und schon so viel kannst Du. Du Du Du“. Was eben so gesagt wird, dass man sich gut fühlt. Und ich habe mich gut gefühlt. Sehr gut sogar. Jeder würde sich da gut fühlen, oder?

GG: Ja, sicherlich. Wie ging es weiter.

G: Wie es eben weitergeht bei einer Neuerscheinung, die keinerlei Erfahrung hat, wie der Buchmarkt so läuft. Woher auch? Es stieg mir zu Kopf. Wenn Sie ein Buch wären und jeder würde Sie „Meisterwerk“ nennen, und „epochal“, von „das Buch dieser Generation“ reden, da würden Sie auch glauben, die Sonne scheint Ihnen….ich konnte nicht damit umgehen. Dabei hätten mir die negativen Urteile zu denken geben sollen. Da war zum Beispiel dieser Blogger, Herr Hund, für mich damals ein Herr Sauhund, der meinte, ich wäre ganz nett, aber für diesen Buchpreis…ich habe das nicht ernstgenommen, ich meine, das war nur ein Blogger, und nicht der wichtigste. Ich habe also lieber auf die anderen gehört. Ich dachte, ich wäre wirklich so toll. Ich dachte, ich gewinne ganz klar. Da hatte ich gar keine Zweifel.

GG: Und?

G: Ich verlor natürlich, kam nicht mal auf die shortlist, fiel durch bei der Jury.

GG: Das muss ein harter Schlag für Sie gewesen sein.

G: War es auch. Ist es noch. Ich kam nicht auf die shortlist, ich war nicht mehr wichtig. Es gab zwar noch ein paar Vereinzelte, die Tage nach der Wahl, die sagten, der hätte unbedingt raufgemusst, aus bekannten Gründen. Die hatten vorher schon auf mich getippt, ich wurde oft genannt. Aber es wurde dann stiller. Ich geriet ganz langsam in Vergessenheit. Auf einigen wenigen persönlichen Listen tauchte ich noch auf, war noch hier und da das aktuelle Lieblingsbuch, aber ganz schnell gab es neue Listen und neue Lieblingsbücher. Ich war durch-gelesen.

GG: Das muss nicht einfach für Sie gewesen sein.

G: Sicherlich nicht. Eben noch so wichtig, kurz davor, ganz wichtig zu sein, dann Staubfänger.

GG: Aber das ist es noch nicht?

G: Nein. ich konnte, wie gesagt, mit dem Ruhm, schlecht umgehen, mit seinem Verlust aber noch weniger. Einerseits schielte ich darauf, als Prachtausgabe wieder auf mich aufmerksam zu machen, reich illustriert und nicht ganz billig. Dafür fand sich kein Verlag. Dann erwog ich, verfilmt zu werden. Ich hatte gehört, dass ein Tarantino Alt-Stars wieder zu neuem Ruhm verholfen hatte. So ein Angebot kam aber nicht. Letztlich ließ ich mich als billige Paperback-Ausgabe im Supermarkt verramschen und landete so im Einkaufswagen neben Spülmittel und Kartoffeln, vorwiegend festkochend. Am Ende war ich vergriffen und wurde nicht wieder aufgelegt.

GG: Das ist hart.

G: Das ist nicht das Schlimmste, nicht der Tiefpunkt.

GG: Ach nein.

G: Nein. Das Schlimmste ist, dass mir bewusst wurde, der Ruhm ist nicht das Wichtigste, dass viele einen lesen. dass man es auf die wichtigste Liste, die Bestsellerliste schafft, dass man einen schönen Aufkleber bekommt. Dass Wichtigste hatte ich ganz aus den Augen verloren, bei dem ganzen Rummel.

GG: Und das wäre?

G: Das weiß ich nicht. Ich bin nur ein Buch. Sagen Sie es mir.

Anonym

(Und an dieser Stelle bin ich aufgewacht. Der restliche Nachmittag war furchtbar. Doch ich erholte mich davon und am Abend las ich noch in einem Buch. Es steht auf einer shortlist. Es ist mir egal. Hoffe ich.)

 

 

 

 

Ich darf so bleiben wie ich bin…(und Tischer auch)

Ganz Frau, ganz Mann, ganz Kind, Hauptsache ganz. Nur die Gans wird geteilt. Was mich traurig macht an Weihnachten. Aber lecker ist’s immer gewesen.

„Skandal. Älterer Herr liest Kinderbücher.“ Sommerloch, oder? Das interessiert doch keine Sau. Mich aber. Ich hab nämlich hin oder her überlegt, dann hab ich, was ich mir überlegt, irgendwo verlegt. Was jetzt an Gedanken kommt, ist also nur der Ersatzmann und nicht erster Liebhaber meiner Gedankenbühne. (Die übrigens im Abo günstiger ist, das nur als Tipp.)

Es ging um die Frage, muss ich Pädagoge sein, wenn ich ein Kinderbuch empfehle? Wie stelle ich’s an? Dann hab ich mir gesagt und sogar zugehört: lass es raus. Was kümmert dich die community. Du hast schließlich am Ende immer noch eine Mutter, bei der du dich verstecken kannst – und erstmal steckt sie dich in die Badewanne.

Ich hab da ein Buch entdeckt, das kann man knuddeln. Seit ich es habe, sind wir wenigstens zweimal am Tag im Park und spielen Ball oder bauen Baumhäuser. Schon manche Nacht lagen wir einfach so auf der Wiese, schauten in den Himmel und suchen nach dem Sternbild „Besteckkasten“. Wir haben Zeit.

Jetzt höre ich schon die, die sagen, öhh, was für ein Quatsch, Bücher soll man doch nur lesen und sonst nur stapelweise herumliegen lassen, mit den kann man doch gar nicht Ball spielen, wo die keine Hände haben und keine Füße, was für ein blödsinniger Text, du bist doch gar kein richtiger Buchbl……

STOPP! Bin ich wohl. Und ich halte so lange die Luft an, bis ihr’s mir glaubt PHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH…..

Na, das riskiere ich lieber nicht. Könnte lebensgefährlich werden. Ihr könnt‘ stur und bockig auch. Zu ernst sollte ich es nicht nehmen, sagt der erwachsene Teil in mir, während der kindliche Teil PHHHHHHHHHHHH….

Das Buch, wäre ich ihm damals im Sandkasten begegnet, wäre mein Freund für’s Leben geworden. Wir wären uns gleich bis zu den Fusssohlen sympathisch gewesen und ich hätte es, ohne nachzudenken, von meinem Eis schlecken lassen. Und ich bin mir sicher, es hätte mir seinen Lieblingsgrashalm geschenkt.

Ich mag es sehr, jetzt ist’s raus. Und da ich erwachsen bin, muss ich euch Blödians auch nicht mehr fragen, ob es bis zum Abendessen bleiben darf. Machen wir einfach. Mach jetzt sowieso nur noch, was ich will. Und schreib, wie ich will.

Sorry, musst kurz eine Kundin bedienen. Jetzt bin ich ja wieder da. Wo war ich? Ach ja, …

und schreib, wie ich will…worüber ich will…und wenn man nicht akzeptieren kann, dass ich dabei in der Nase bohre, ist mir das wurscht. Warum blogge ich denn, wenn ich nicht dabei in der Nase bohren darf. Dafür macht man das doch. Egal….seid ihr nur weiter anständig und vernünftig, macht eure Nacherzählungen und Kaffeetassenbilder…..

Das war jetzt nicht nett von mir. Das Buch, das ich meine, stuppst mir das gerade… Also, verzeiht. Wollte nur sagen, das Buch ist toll, grundgrundsympathisch und liebenswert, hat einen zauberhaften Helden und bringt einem bei:

Du darfst so bleiben, wie du bist…. (Versteht man auch ohne Werbejingle)

Wölfchen und Tischer

Wölfchen, Bohem Verlag

P.S. Und Tischer fragt: und was ist mit mir? Und ich sage: Ballspielen geht auch gut zu dritt.

Und so weiter, und so weiter … Christoph Höhtker „Das Jahr der Frauen“ (Weissbooks Verlag)

en

Ganz kurz: Nein Herr Rezensent, Frank Stremmer ist kein Arschloch. Oder doch? Nein. Es ist auch nicht anzunehmen, dass er mit seinen „Ansichten“, die er gar nicht hat, in der „Community“ auf den Index käme. Das Gegenteil wäre wahrscheinlich der Fall, wobei, zugegeben, entsprechende Kommentare nicht ausblieben. Das, was Frank Stremmers Ansichten sein sollen, sind lediglich Vorträge von Ansichten, ist kommuniziert und ausprobiert, ist nichts, wofür Stremmer einstehen könnte, wenn es ihn nur dazu drängen könnte.

Die vorgetragene Wette mit seinem Therapeuten, im Folgejahr jeden Monat eine Frau, und bei Erfolg, der Suizid, ist spontan und dabei doch so nebensächlich. Ich nun wette, wenigstens einmal hat schon jeder in therapeutischer Behandlung eine ähnliche Wette seinem Therapeuten vorgeschlagen. Das ist nicht sonderlich kreativ. Das ist nicht das Einfallsreichste an dem Roman von Christoph Höhtker. Es ist ein Projekt, eines von denen, die Frank Stremmer in der Organisation, für die er arbeitet, schon zahlreiche erfolgreich abgearbeitet hat. Diese Organisation scheint gegründet zu sein, um ihrem Gründer die Bühne zu bieten, vielleicht dort in Oslo eines Tages… Es geht bei Stremmers Arbeit und der seiner Kollegen um communication und Darstellung, weniger um Umsetzung irgendwelcher realen Inhalte. Es geht im aktuellen Projekt um die Verfassung einer bereinigten Heldenbiographie des Organisationsgründers, eines tumben, geltungssüchtigen Narzissten.

Mögliche Biographien, die sich Stremmer auch sonst ausdenkt zu Menschen, die ihm begegnen. Alles kursiv. Könnte sein. Muss aber nicht den Menschen erklären. Stremmer kann sich auf den Menschen nicht einlassen. Ihm fehlt es an Empathie. Die Biographien könnten helfen, den Menschen interessant zu machen, interessant genug vielleicht, um über die Dauer der Begegnung hinaus so etwas wie eine Beziehung aufzubauen.

(Christoph Höhtker, 1967 in Bielefeld geboren, Soziologiestudium, Taxifahrer, freier Journalist, Sprachlehrer, Werbetexter. Lebt und arbeitet in Genf. Gewinnt 2017 für seinen Roman „Das Jahr der Frauen“ den deutschen Buchpreis und gibt danach die Schreiberei auf, um auf Kuba Tabak anzupflanzen. Das kannte er noch nicht….usw…usw…)

Für den Moment mag das reichen. Interessant genug mag das sein für ein erfolgreiches Vergnügen. Doch zerrinnt es förmlich Stremmer zwischen den Händen und erfüllt ihn nicht. Der realsten Figur begegnet Stremmer in der Tiefgarage, dem „Freizeitmann“. Ein kurzes „Glück“ mit Svenja, es ist die Oktober- oder Novemberfrau, wer kann sich das schon alles merken, das war’s.

Das Problem ist, wenn ich die Augen im Wachzustand zu lange geschlossen halte, verlieren selbst Dinge und Menschen, die ich eindeutig konsumiert habe, sehr schnell an Glaubwürdigkeit.

Stremmer braucht ständig neue Reize, neue Inputs. Dass Frauen, und nicht nur die, lediglich Objekte sein können, versteht sich von selbst. Aus sich selber kann er nicht schöpfen. Sich selber ist er nicht gewiß genug. Seine Geschichte von der Zwiebel will keiner lesen.

Ob’s nun am Ende zum Selbstmord reicht, wird nicht verraten. Ich glaube, nein. Der wird weiter leben müssen

Den äußerst scharfsinnigen und, wenn ich das Wort jetzt noch verwenden darf, interessanten Roman von Höhtker, sollte man lesen. Ich hab’s August gelesen. September kommen schon weitere. Am Ende des Jahres ist Weihnachten. Und nächstes Jahr wieder. Und so weiter und so weiter.

Herr Rezensent, eines noch: die ganze Welt ist heute ein Arschloch. Stremmer ist nur einer seiner besseren Mitspieler.

Christoph Höhtker „Das Jahr der Frauen“ 2017, Weissbooks Verlag