Langsames Lesen

Ich geb auf.

Denn anders kann ich es gar nicht. Vor Jahren hatte ich diesen Ratgeber. Und meine Zeiten wurden tatsächlich besser. Klingt das sehr nach Brustschwimmen oder 800-Meter-Lauf? Ein wenig. Nach einer halben Seite pro Minute schneller als vorher kam mir etwas dazwischen. Das tut es noch immer. Ich lese langsam, weiterhin.

Ich kann gut in Excel-Tabellen. Wirklich. Darin bin ich ziemlich fix. Ich liebe Formeln. Das wird für manchen schockierend sein. Es ist nicht zu ändern. Für eine Buchliste braucht man keine Formeln. Nur vier Spalten: Genre, Autor und Titel, den Zeitraum und die Bewertung (1-6 Sterne). Schnell gemacht, voilà!, ich hatte meinen Fahrplan. An den ich mich zunächst hielt. Dann kamen die ersten Verspätungen. Dann war die Liste kein Thema mehr. Selbst für die Sterne fand ich keine Verwendung mehr (bis dahin, zwei Bücher mit sechs Sternen).

Fahrpläne und Ratgeber helfen mir nicht beim Lesen.

Ich werde am besten so lesen, als wäre dieses Buch hier das einzige Buch. Es gibt kein anderes. Nur dieses. Alle Zeit der Welt. Keine Neuerscheinungen, die mich drängen. Rezensionen gibt es nicht. Es ist dick oder nur ein schmaler Band, ein Krimi oder ein Sachbuch über die napoleonischen Kriege, gleichviel. In dem Moment des Lesens ist mir  allein dieses Buch geblieben. Damit muss ich auskommen.

Wenn ich das müsste, wie würde ich lesen? Langsam und sehr genau. Aufhebend würde ich lesen, jedem kleinen Geheimnis würde ich nachgehen. Ich würde dem Buch alle Freiheiten geben, ich hätte ja Zeit. Wo führt es mich hin? Wenn ich mich verlieren würde, ich würde abschweifen, so bliebe das Buch an seinem Platz, an meiner Seite. Es ginge mir nicht verloren.

Jeder wie er ist und es gäbe nur dieses eine Buch, es wäre für jeden ein anderes. Jedes ist ein einziges Buch. (Wie ein Freund)

Zur Zeit lese ich Wilhelm Meister, die Lehrjahre. Ich las sie bereits. Oder doch nicht? Zwar habe ich ein schlechtes Gedächtnis, aber an ein Buch gleichen Namens kann ich mich erinnern. Es ist nicht mehr dasselbe. Meine Gedanken dabei schweifen in eine neue Richtung. Zu einem Buch scheint auch das zu gehören, was nicht darin steht.

Ein gutes Buch ist wie eine warme Decke. Warum würde ich wollen, sie schnell genug wieder abzustreifen – wenn mich friert. Die Winter mögen wechseln, diese Wärme bleibt.

Es gibt die Ebene des Verstehens, der Interpretation, ich weiß. Es gibt eine Ordnung. Wie es Jahreszahlen und Epochen gibt. Das ist Suchen. Nur Bücher können auch einfach gefunden werden. Wie sie daliegen auf dem Weg wie Blätter und Steine.

Ich möchte Bücher so lesen, wie ich sie finde. Flanierend, absichtslos.

Langsam, als wäre die Zeit.

(So irgendwie (ich möchte noch nicht zu viel verraten über das Wie) würde ich es einbringen wollen, in dem, was uns vorschwebt und wir Unterstützung brauchen, nur wäre in dem Bild das Buch wie heiße Schokolade, und ebenso langsam zu genießen. Kann man denn schnell genießen?)