(3/3) AbSETZen – „Sonst ist alles Dada.“

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Im Kern wird’s eine Bedeutung haben.

Unzählige Lesezeichen, viel mehr als üblich, habe ich für dieses Buch verbraucht. Im Nachhinein erscheinen viele unnötig, von außen betrachtet die meisten sogar beliebig. Im Text waren es Wegmarken. Nicht, dass ich sie gebraucht hätte, um in der Geschichte voranzukommen. Man kommt nicht ab vom Weg, es liest sich gut. Doch immer ist da die Frage, wohin will es. (siehe 1/3 und 2/3)

Die Marken sind wie Brotkrumen, die aber nicht etwa hinaus-, sondern eben hineinführen sollen, dahin, wo man den Kern der Geschichte vermutet.

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Es war ein Leserausch, und übrig bleibt die Erinnerung wie ein Rauschen. Natürlich die Geschichte, der Stalker im Rollstuhl, das Opfer als Täter, die Frau als Gitarre, das in groben Zügen. Doch zur Erklärung Tautologien, was man hineintut, die Marken, die man setzt, es könnten andere, an anderer Stelle sein.

Ein Tapir ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein Rüssel aussieht

Es könnte der Roman lediglich „Arrangement“ sein, eines, das am Ende nicht funktioniert, nicht aufgeht und die Verstörung darin liegen mag, dass nichts daraus folgt. Könnte? Ist, ist es bestimmt: Non sequitur.  Der Epilog ist bloße Fortsetzung. Er beruhigt nicht mehr.

Literatur ist voller Zeichen, Referenzen, Anspielungen und Bezüge. Man nimmt die einen auf, versteht oder erkennt andere nicht, übersieht viele, doch dadurch immer, je nachdem, eine jeweils für einen eigene Ordnung. Wahrheit, das klinge zu hoch. Es fallen auf Musikstücke, Zitate, nichts kann ohne Grund sein. Das ist die Regel.

Man gibt meist -kurz- den Inhalt wieder, was geschieht, nimmt an, das könnte eine gute Möglichkeit zur Orientierung sein, es hilft aber nicht wirklich. Bei Twitter schrieb einer, „Seite 700, endlich passiert etwas“. Das stimmt so natürlich nicht. Und doch, etwas über die Hälfte, da treten kurzzeitig Ermüdungserscheinungen auf. Weiterhin faszinierend, sich im Weltbild Natalies zu bewegen, doch wo ist die Entwicklung?

Wo ist die Klugheit? Ingenieure sind klug, sie bauen Brücken und Straßen. und ich kann darüber gehen und komme irgendwo an. Was bleibt aber von einem Buch wie diesem? Wohin bringt es mich? Was bietet es mehr als weitere Bilder? Früher lagen auf Toiletten Bücher mit Sinnsprüchen aus. Heute wird getwittert. Statt Spülung Weiterscrollen.

Und denk mal daran, was wir im Internet machen. Nächtelang davor wach bleiben. In Südkorea sterben sie der Reihe nach über ihren Online-Spielen. Essen nicht mehr, vernachlässigen ihre Babys. Daher kommt unsere Ruhelosigkeit. Dieses schreckliche Weiterklicken. Immer von Link zu Link.(…) Es ist der Geist der schlafberaubten Ratten, der das Internet durchrauscht.

Natalie im Buch gehört der Generation Spotify an. Alles steht zur Verfügung, unzählig. Für die Lücken im Rauschen, die es noch gibt, nimmt sie eigene Tonspuren auf ihrem IPhone auf, Gesprächsfetzen, Essgeräusche, was sie findet. Ein Leben in einer „Wolke“ oder „Blase“. Cloud. Die Freiheit liegt im Streunen.

Kein Buch von Nähe. Eines eher von Einsamkeit, die vom Rauschen übertönt wird.

Kafkas „Auf der Galerie“, am Rand stehen, zuschauen, hinsehend, sich seine Gedanken machen, dabei dort immer weiter, das Tatsächliche, fiele mir ein, ein Zitat bei Setz, doch finde es nicht, finde es nicht gleich bei all den Marken, die ich gesetzt habe, es war irgendwas, dass man vom dauernd Zuschauen langsam irre werden kann. Ich hätte, konnte aber nicht alles markieren. Das wäre wenig sinnvoll.

– Sind wir Publikum?, fragte Natalie.
– Ja, das kann man sich meist nicht aussuchen. Man ist immer unfreiwillig Publikum. Aber je mehr man zuschaut, desto mehr, äh, verirrt man sich.

Doch noch gefunden. Beim Suchen mich an anderen Stellen gefragt, diese kenne ich nicht, habe ich jene gelesen, ich kann mich nicht erinnern.

Ist es ein Internet-Roman? Gut möglich. Wie die Einfälle durchrutschen, jeder so originell, unerhört, witzig. Ich verteile Sternchen, folge ihnen. Dann lese ich weiter usf. Am Ende sind es nur Einfälle. Das ist keine Schwäche des Romans. Eher eine der Zeit.

Natalies Welt bricht zusammen. Von ihrer streunenden Freiheit bleibt nichts übrig. Der Epilog soll beruhigen. Ich mag ihn nicht. Überhaupt Welt? Was ist das? Was ist Welt in der Wolke, in der Blase, im Netz. Ein wenig entrückt vielleicht. Ein wenig aus der richtigen Perspektive geraten. Zu nah, zu fern, zumindest nicht ganz deutlich.

Manchmal schien es ihr, als wäre die ganze Tragik des Lebens in der Tatsache versammelt, dass man sich nicht selber kitzeln konnte.

Man ist nur allein ganz bei sich, kann es aber nicht genießen, die Freude ist nur mit denen, die unsere Welt beschneiden, wenn nicht gefährden.

Das Stachelschweinproblem.

Ich tue mich schwer, mich auf einen Gedanken zu einigen. Und wahrscheinlich würde dieses Buch noch eine ganze Weile reichen als Lektüre. Es führt mir nur in so einem Maße Virtualität von Literatur, von Worten vor Augen, dass ich lieber davon absehe.

Für’s Erste.

Und zitiere erstens Natalie, es für mich in Anspruch nehmend:

…ich hab oft diese inneren Gedankensprünge und vergesse, dass mir andere Leute nicht folgen können. Weil sie nicht in meinem Kopf wohnen.

Also…

Non sequitur.

Und deshalb verlasse ich mit einem zweiten Zitat diese Beitragsblase für heute und sage…

Und falls wir uns nicht mehr sehen sollten, Guten Tag, Guten Abend und Gute Nacht.

 

Clemens Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, Suhrkamp-Verlag

 

 

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Schrödingers Katze, Herr Hunds Schrödinger

Bei Kilometer 200, zuvor kurz eingenickt, dann wieder wach, die linke Seite des Kopfs an die Scheibe gelehnt, das schwere Buch mit beiden Händen schwer zu halten, es entgleitet mir fast, von den neon-bunten Lesezeichen sind nicht mehr viele da, kollidieren Gedanken, wie ähnlich sich Literatur und Quantentheorie sind.

Krude Kombinationen verschiedener Lektüren, von dem, was man gefunden hat auf dem Weg mit dem, was Natalie, Hollberg, Dorm denken, der Autor, schon vorher anderswo andere; es versammelt sich in einem trägen Schädel.

Schrödingers Katze, meine Gedanken, die Anordnung im Kasten, der Verlauf beim Denken, richtig-falsch, zur gleichen Zeit, solange es dauert, dabei immer wahr, einmal rausgelassen, wie jetzt hier an dieser Stelle, in Sätzen, es entscheidet sich, doch ganz gleich, es ist nie mehr so wie vorher.

Ausgesprochen, Ab-ge-scrollt die Katzengedanken, mussten raus, Wahrheit kollabiert. Jeder ist dumm und klug zugleich, bis er den Mund aufmacht. Draußen ist er das eine, ist er das andere, doch wahrscheinlich nicht mehr so wahr wie bis zu dem Moment, als er dachte, das wäre doch interessant und man würde es gern wissen.

Besser, es bleibt der Deckel drauf, dann ist weiterhin alles möglich. Fast glaubte ich (bei Kilometer 200 in dem Moment zwischen zwei Zuständen), am besten wäre, die Bücher (und Gedanken) zwar alle haben, aber niemals lesen (und aussprechen) – reicher wird man nicht mehr an Wahrheit.

Kurz vor dem Ziel, einige Kilometer später, angelangt bei Seite 600. Ich hab dann doch weitergelesen. Richtig oder falsch, ich konnte nicht anders. Und ich schreibe das jetzt.

Wahrscheinlich dumm.

Wahrscheinlich nicht.

Um den Deckel wieder drauf zu setzen, dafür ist es zu spät.

Katze tot?

(2/3) FortSETZen – Pilzähnliche Gedanken

Natalie verstand nicht, was an so einer Geschichte spannend sein sollte, es sei denn, man war eine einfältige Tigerkatze, die nach Sonnenreflexionen an der Wand sprang.

(Falscher Beitrag. Nichts gelernt. Ich soll ausrichten, das „einfältig“ zurückzunehmen.)

Was an so einer Geschichte spannend sein soll? Für diesen Punkt nehme ich das Durchgestrichene zurück und die Frage auf. Erweitere was man unter spannend verstehen könnte mache aus einer Geschichte mehrere, nenne es Literatur und frage mich also: warum Literatur, Literatur wie diese?

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Aleph, ich fühle mich wie ein Aleph. Um mich herum Unmengen von Literatur. Ich sollte mir einen Überblick verschaffen, das was das Ganze ware für dieses Mal und bin befangen von einem Detail. Ich bin so ungefähr bei Seite 500 und im Grunde für die Zeit der Lektüre ist jedes andere Buch gestrichen. Oder es wäre, das wenigstens, versetzt mit diesem Beigeschmack. Ich bin ungefähr auf Seite 500 und, das ist kein ästhetisches Urteil, ich sehne langsam das Ende herbei.

Es beginnt mich zu verändern. Es ist dieses Detail. Ich hänge dem nach. Ich laufe durch die Gänge auf der Suche nach Veranstaltungen und Lesungen, wo er liest, Clemens Setz, Chris Setz, Kris. Bei der Suche schmerzen mir irgendwann die Füße; Ich bräuchte besser einen Rollstuhl.

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Betreutes Lesen, so ein Unsinn. Wäre es nicht ein schöner Gedanke, über der Lektüre eines Buchs wahnsinnig zu werden und so die virtuelle Welt nie verlassen zu müssen. Eskapismus. An den Rändern der Literatur hat sie Risse, wie in einer riesigen, aber dabei programmierten virtuellen Spielwelt die Glitches,

als wäre die Raumzeit ärgerlich über die unerwartete Grenzbegehung, bestimmte Blickwinkel ergaben keinen Sinn mehr, der Zusammenhalt der Textur war nicht mehr gegeben, ein Schritt konnte schon den Durchbruch bedeuten.

Und mein Lesen ist nicht dein Lesen, diese meine Welt nicht deine. Und ob mir unsere Welt im Lesen gefallen würde, ist nur eine Behauptung. Technisch mag das funktionieren. Ob es ästhetisch eine Möglichkeit darstellt…?

Wurde schon einmal ein Autor beim Schreiben wahnsinnig? Ist betreutes Schreiben eine Option? Eher nicht. Hingegen, der Autor, der einem diese scheinbar riesenhafte Welt überlässt, für die er irgendwann die Lust an ihrer Erschaffung/Programmierung verloren hat, der einen mit dieser Welt sich selbst überlässt und es billigend/mutwillig in Kauf nimmt oder es sogar provoziert, dass der „vernünftige“ Leser dabei den Ausgang nicht mehr findet, der wäre nicht zu betreuen, sondern einzusperren.

Schützt uns Leser vor den Autoren!

Das ist aber außerhalb. Ich kümmere mich spatter darum. Noch bewege ich mich innerhalb des Buchs. Es legt sich mit jeder Seite Gedanke auf Gedanke und an dunkler Stelle in meinem Gehirn lagern sie sich ab und bilden die Form eines Pilzes. Es sind ungesunde Gedanken. Ich werde besser den ganzen Pilz herunterschlucken und ausscheiden, ist das Buch einmal gelesen.

Sonst verdirbt er mir die Lust auf Weiteres, auf Anderes. Und ich hinge diesen Gedanken auf ewig nach, wie ein Stalker.

(Anmerkung aus Selbstschutz: natürlich sind gewisse Passagen nicht so gemeint. Sie sind Teil einer von mir programmierten Welt, ich sagte nicht vollendet, ich sagte programmiert. Ich weiß sehr wohl um die vielen Bugs in meinem Text. Und es sei auch nur erwähnt, weil vielleicht einer meinen könnte, es würde den Tatsachen entsprechen. Ich nehme für mich in Anspruch, literarisch gewesen zu sein: alles wahr, aber nichts davon entspricht irgendwelchen Tatsachen.)

(1/3) AnSETZen – ein scheißgemeines Buch

 Aber ich weiß nicht, ob ich tief genug für Dich bin.

Die Frage könnte ich stellen. Melde Zweifel an. Jedes weitere Bild, jeder folgende Gedanke, zumindest für die nächste Zeit, es könnte etwa Natalie sein, die spricht, nichts meins, nichts original. Öffne mich und bin nur stumpfes, flaches Gefäß. Am Ende ein Aufnahmegerät voller nicht eigener Stimmen, ein wirrer Zusammenschnitt.

Es könnten aber die folgenden Gedanken zu Nichts, nichts Gutem führen, ein Mindmap für Nirgendwohin. Meisterwerk der Nonseq-Literatur. Ein Bild habe ich, das kommt woanders her, ich weiß nicht woher, es ist wahrscheinlich unbrauchbar und falsch, doch darf ich es noch ein eigenes nennen:

Pamplona. Scheißgemeines Buch so voller Gedanken auf jeder Seite, wie Stiere und jeder könnte mich auf die Hörner nehmen, mich aufspießen, mich niedertrampeln. Und dann bleibt man zurück und hat nur Schrammen. Ich hasse es für meine Lust, es zu lesen. Wenn es einem die Lektüre wenigstens schwerer machen würde. Dass man zwangsläufig Pausen machen muss. Es muss einen aber mutwillig mitreißen.

Da verstehe ich betreutes Lesen. Es besteht die Möglichkeit, sich zu vernarren, vernunftblind dem Buch überall hin zu folgen – wie ein Stalker. Ihm nachzusetzen und dabei vergessen, Literatur soll enden.

Ich aber bestimme, was ich verstehen will und kann. Ich bleibe Herr im Haus meiner Sinne. Beginne, es ist mein erstes Mal mit diesem Autor, und wie immer allein, ohne Begleitung und Schutz, streunend, jedem der Gedanken nachgehend ein wenig, mich gehenlassend ein wenig, dann aber -das mein Plan- mich wieder in gesunden Abstand bringend.

Aber es darf nicht bleiben. Es geht sonst in der Nacht um mich im Kreis.

Mein Gott, es ist nur ein Buch! Was schreib ich so exaltiert und dramatisch? Ist kein Wald, für den ich pfeifen müsste. Nur ein Buch.

Und ich bin nicht einmal sicher, ob es ein gutes ist. Nur so verdammt randvoll mit lustvollen Gedanken.

Scheiße, jetzt bin ich für’s Erste verloren.

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Wer sich dem aussetzen möchte, informiere sich hier.

Ich lese mit Lust weiter und verspreche mir, durchzukommen.