Szenen aus Schottland. James Leslie Mitchell. (Guggolz-Verlag)

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Gründlich lesen soll die Maxime sein.

Mir hatte es besonders „Das Land“ angetan und da ich es zum zweiten Male lese, fällt mir auf, wie oberflächlich noch die erste Lektüre gewesen sein muss. Stellen, von denen ich wusste, ich hatte sie gelesen, erschienen mir gänzlich unbekannt.

Wie selbst bei Einsatz von Lesezeichen Vieles mit Abschluss der Seite, des Kapitels verlustig geht. Und welcher Eindruck dadurch entsteht. Und stelle mir die Frage, wie oft ein Buch bei durchschnittlicher Intelligenz zu lesen wäre, bis man an sein Ende kommt? Oder seine Mitte, denn sollte ein Buch gelesen werden, so, um bis zum Kern zu kommen, dessen, was es uns sagen wollte und nicht zwangsläufig -und damit wäre es getan- bis zur letzten Seite.

Ich hatte zunächst den Winter vermisst. In diesem Teil der „Szenen aus Schottland“ beschreibt James Leslie Mitchell seine Heimat, was Das Land ausmacht, die Erde, das Wetter, die Menschen. Er beschreibt die Jahreszeiten, das Landleben, vergleicht Szenen aus der Erinnerung mit gegenwärtigen Eindrücken, lässt auch soziale Missstände seiner Zeit nicht unerwähnt.

Und ich hatte den Winter vermisst.

Es ist dieser Essay kein Reiseführer, obwohl wer als Reisender wirklich erfahren will, die Sensationen nicht achten sollte, das Pittoreske meidet, hinter den Schauwert zu kommen versucht. Was ein Land ist, ist tief in seiner Erde.

Wer nicht fortkommt, dem mag an einer Beschreibung zweierlei wichtig sein: Präzision in der Beobachtung, sowie Empathie für den Gegenstand, wobei Präzision nicht ermüdender Fakten- und Erklärungsüberfluss bedeutet, sondern es ausdrücken zu können, was man weiß; es ist also mehr eine Stilfrage, ein Ton. Und unter Empathie verstehe ich, halte, was du weißt, in deiner Nähe, bleib bei dem, was du kennst und Dir wichtig ist.

Bei einem Autor sind mir nicht wichtig die großen Themen, die Aktualität, die Thesen, sondern der besondere Blick auf die Dinge. Ich las, Lesen biete einem die Möglichkeit, Welten zu entdecken. Tatsächlich ist’s nur die eine. Doch wer gründlich liest, schaut in diese Welt mit anderen Augen und es mag ihm also so erscheinen wie eine andere Welt.

Doch käme es auch darauf an, dass von dieser neuen Perspektive etwas bleibt. Allein es aufzuschlagen, es zu lesen, die Deckel zu schließen und schon beim nächsten zu sein, könnte nicht reichen. Ich hatte den Winter vermisst, doch in Mitchells Beschreibung stand er am Anfang. Ungenau war mein Lesen. Wenn ich die Welt so betrachte, was ist mir da bereits entgangen?

Ich will beim Lesen nicht nur Tourist sein. Ich weiß, ich kann da kein Leben einrichten. Doch warum nicht einmal länger bei einem Text verweilen? Warum diese ständigen Wechsel, von Novität zu Novität, ständig auf’s Neue zu erklimmende belletristische Höhepunkte? Das geht bisweilen so rasant, dass vor lauter Schnappatmung die Worte ausgehen und man sich nur noch stotternd auszudrücken weiß.

Natürlich aber bin ich jetzt beim Nächsten schon.

Mit James Leslie Mitchell in den „Szenen aus Schottland“ darf ich seine Welt, Das Land, erlesen und wie er nah an Lehm, Graupel und den Menschen bleibt, kommt’s auch mir nah, jede Jahreszeit, gerade so, als säße man daneben, da er es aufschreibt, auf einem Stein sitzend, rastend, während des Gangs durch Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Ich hatte meinen Winter bekommen. Ich hatte ein ganzes schottisches Jahr erhalten. Und wäre gerne noch  geblieben.

Wenn ich einmal nach Schottland kommen sollte, werde ich anderes sehen. Aber wenn ich solche Beschreibungen nur oft genug lese, so kann ich hoffen, wenigstens gelernt zu haben, genauer zu sehen.

Sonst käme mir noch mehr Welt abhanden. Und das lohnt dann die Reise nicht.

Wem Beschreibungen wie diese nicht reichen, der solle im gleichen Band auch die Erzählungen lesen. Lohnt. Einmal. Zweimal. Solange es braucht.

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James Leslie Mitchell, Szenen aus Schottland (Guggolz-Verlag)

 

 

 

 

 

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Herr Hund liest die Messe

Er beabsichtigt zu lesen und Lesenden zuzuhören, er nimmt auf, saugt sich durch die Messehallen, knabbert an den Ständen, sofern sich etwas mit Biss finden sollte und bläht in sich hinein, so gut es eben verträglich ist und nicht über die Spannkraft hinausgeht. Wenn dies geschieht und alles an Eindrücken verdaut ist, das eine schneller als das andere, so wird Herr Hund schon die Worte finden, um berichten zu können, hiervon oder von dem, was durch den Besuch angeregt wurde.

Was das wäre, kann noch nicht gesagt werden. Doch da die Behauptung im Raume steht (und ich habe sie da nicht hingestellt), es wäre von gewisser Relevanz, was Herr Hund zu sagen hätte, wird es so nichtssagend nicht sein, was in Anbetracht der Durchlaufszeiten, jetzt aber nicht das Schlimmste wäre. Daher wird sich Mühe gegeben, entweder im Live-Mitschnitt oder als Konserve, es so viel schwerer als möglich zu machen, die abfallenden Beiträge gleich wieder zu vergessen, als es Herrn Hund oft genug selbst gelang, diese bereits, bevor er sie schrieb, zu vergessen, um die verbliebenen Leerstellen mit Wortattrappen zu bevölkern, geradezu lebensecht und mancher Gedanke dahinter tatsächlich zu vermuten.

Nein, ich, denn niemand anderes ist dieser Herr Hund, ein mit dem Ich Identischer, nehme diese Reise ernst und verspreche mir viel davon. Doch zumindest das, so geschickt später Gehörtes und Geschriebenes für Selbst Gedachtes ausgeben zu können, um weiter als relevant gelten zu können. Wozu wären sonst solche Veranstaltungen gut, wenn nicht zur resonanten  Bestätigung von Wichtigkeit?

Und sollte trotzdem die Gefahr bestehen, enttarnt zu werden und die Attrappen gleich mit umgestoßen und es wäre nur noch eine leere Bühne, so müsste ich mir nur meine Fellohrmütze aufziehen, vielleicht sogar eine Sonnenbrille, hilfreiche Requisiten, um völlig inkognito aber breitbeinig das zu präsentieren, was mir letztlich bei allen geklauten (möglicherweise ab und an auch einmal selbst fabrizierten, nichtsdestotrotz mehr verwirrenden als erhellenden, auf jeden Fall aber zu nichts führenden) Gedanken als das eigentlich Interessanteste erscheinen sollte, mich selbst nämlich, meine Originalität, mein Radikalismus, meine Unbestechlichkeit, mein Heroismus, mein komplettes Anders-Sein.

Diese Bewunderung meiner Personalität jedoch war mir schon immer ein wenig unangenehm, weshalb ich immer versucht habe, mich hinter Worten und Gedanken, waren es auch nicht meine oder eben solche, auf deren Inhaltsleere man nicht gleich kam, so gut es geht, zu verbergen. Zu diesem Zwecke, da so langsam, das ist nur der Lauf der Dinge, beides auszugehen droht, ist diese Reise gedacht, mir von Gescheiteren zu holen, was an Geist und Intellekt ich selbst entbehre, um mich damit neu einzukleiden in Flicken, jedem, der mir begegnet in Zukunft auch weiterhin ein Unbekannter, ein Pseudonym.

So eine Messe, gelesen, mit Ernst und Nachhaltigkeit, versorgt mich wieder für mindestens ein weiteres Jahr – mit Verbergung.

Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv V: Wiederholung und Ende.

Hatte ich es einmal gelesen? Nur Krisen führen zu Erkenntnis? Wenn es ganz dicke kommt, lernen wir erst etwas? Das ist natürlich Quatsch. Warum nicht die gute alte Trockenübung, warum nicht üben üben üben, büffeln büffeln büffeln? Mit der Methode ist es mir gar nicht so schlecht ergangen. Den ein oder anderen Vokabeltest konnte ich ganz erfolgreich gestalten. Frag mich mal ruhig einer ab! „Dominus domini domino dominum domino“. Doch Boah!, jetzt bin ich froh, dass das keine face to face-Situation ist, sonst könnte wirklich einer mich abfragen wollen und ich müsste offline beweisen, was ich so leichtfertig behaupte. Aber nein, wirklich, ich war nicht schlecht. Und zwar nach dem Prinzip Wiederholung. Da war keine Krise, die mir Deklinationen und Konjugationen beigebracht hätte. Einmal linke Seite verdecken, einmal die rechte, fünfzehn Reihen hinab und nochmal von vorn und nochmal von vorn. Keinen Text, den ich so oft las wie mein kleines Vokabelheft.

Vielleicht geht es bei Krisen um ein anderes Lernen, existentiellere Dinge als Latein, in der Hinsicht totes Wissen, denn komme dem Leben mit einer a-, o- oder u-Deklination und es grinst dich an, tritt dir in den Arsch, spuckt dich aus und lässt dich mit deiner klassisch-humanistischen Schulausbildung reichlich blöd aussehen.

Eine weitere Sache, die man mir versuchte, beizubringen. Das ist noch gar nicht solange her. Unser Gehirn funktioniere nach dem Prinzip „Miss Monneypennie“. Alles komme rein, muss aber erst an Monneypennie vorbei. Die entscheidet, was wichtig ist für den Moment, was nicht. Der Rest, ab in die Ablage. Hat schon einmal irgendjemand bei Monneypennie Unordnung bemerkt? Nein, da hat alles seinen Platz. Ein hervorragendes Ablagesystem, das Monneypennie da hat. Nichts geht verloren. Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem die Information wichtig sein könnte, sie findet sie und stellt sie zur Verfügung. Sie ist schon sehr patent, die Miss Monneypennie.

Nur ein klitzekleines Problem bei der Sache: Scheiße nochmal, sehe ich aus wie James Bond. Die könnte mir sonstwelche Informationen zu- und aufbereiten. Ohne die Ausbildung zum Wie-befreie-ich-mich-aus-brenzligen-Situationen-Spezialisten mit der Lizenz zum Rette-die-Welt, wüsste ich mit irgendwelchen Plänen und Uiuiui-haste-nicht-gewußt-Informationen nichts anzufangen. Käme die Krise, und es müsste dabei nicht einmal ein Glatzkopf mit Katze im Spiel sein mit dem Klischeefinger auf dem Knopf, würde ich höchstens mein altes Vokabelheft aus der Tasche ziehen. Der lacht sich doch tot. (Tut er leider nicht. Nein, der Katzenfreund lacht zwar, vielleicht bedauert er mich sogar, dann aber drückt er tatsächlich. Angenehmer Nebeneffekt für ihn: darauf stehen die Bikinischönheiten und nicht auf den mit dem Vokabelheft)

Lassen wir das. Ich gestehe zu, mein Gehirn arbeitet wie die Vorzimmerdame von MI6, doch mir fehlt Ausbildung (und Aussehen), um pronto und gleich umsetzen zu können, wofür laut Aktenvermerk nur noch 48 Stunden Zeit ist. Wahrscheinlich käme ich in der Zeit nicht einmal bis zum Bahnhof, während James in der Südsee. Arktis oder den Schweizer Alpen sein Tagespensum, Ladies flach- und böse Jungs umzulegen, längst erfüllt hat und er zum angenehmeren Teil übergehen kann, Ladies flach und böse Jungs umlegen. Doch ich wollte, wollte unbedingt und könnte jedem die Kinotickets vorlegen, die beweisen, ich habe im Sommer 83 in einer Woche fünfmal Octopussy gesehen. Sage niemand, ich wäre nicht lernwillig gewesen. In diesem Sommer hätte ich jede Atombombe fristgerecht entschärft, unter erschwerten Bedingungen, nämlich in Clownsschuhen, der Star der Manege, ich. Dann war der Sommer vorbei. Und bis auf die erschwerten Bedingungen, ja, ich meine die Clownschuhe ist von der Agenten-Ausbildung nichts geblieben. Nur die Bomben wurden gefährlicher.

Womit wir den Kinosaal wieder verlassen und ins grellbunt-graue Leben zurückfinden. Damals hatte es noch einige Stunden gebraucht, bis ich die Verfolgungsjagden und Weltherrschaftsphantasien abschütteln konnte. Diese Wirkung auf mich haben Filme nicht mehr, was ein wenig schade ist.

Da steh ich also draußen bzw. drin, voll drin im Leben und bin kein Agent und komme in Situationen, die mir Haut und Haare abverlangen und entweder habe ich alles vergessen oder verschlampt, was meine Monneypennie so mühsam über die Jahre archiviert hat oder ich bin jetzt gerade nicht so ganz konzentriert und durch mein Hirn rudelt eine Meute junger Hunde, nichts bleibt an seinem Platz, was dann ganz angenehm und putzig ist, wäre es so, aber es können natürlich auch keine Welpen sein, sondern Orks, übler Mundgeruch und so sieht es bei mir drinnen dann auch aus. Oder, ganz einfach, diese Situation ist neu, nicht einfach zu händeln und sicher nicht zu umgehen.

Und wenn eines davon zutrifft oder auch alles drei gleichzeitig, dreht es sich in 95% der Fälle um eine Frau. Da ist Monneypennie solidarisch mit ihrem Geschlecht und alles, was mir bereitstehen sollte an Maßnahmen und Gegenmaßnahmen ist Fopp, ein Placebo. Wenn es gut läuft (höre ich da jemanden lachen?), brauche ich mich nur treiben lassen. An irgendein Ufer, Blaue Lagune oder Teufelsinsel, werde ich schon gespült werden. Wenn nicht so gut, kommt im besten Fall noch Poesie bei raus. In der Regel aber ist man ein Fall für die Kehrwoche. Wie das mit der Kehrwoche so läuft, alle drei Wochen wieder. Wie schnell so Schmutz sich ansammeln kann, man glaubt es nicht. Und bevor man eine Lust darauf bekommt, sich ständig hinterherzufegen, wechselt man schnellstens die Gegend und kommt unter, wo es keine Kehrwoche gibt.

Erspart die Ausschilderung meiner Kehrwoche. ich hab sie sehr lange praktiziert und hinterhergeräumt und oft zu mir selbst gesagt, jetzt ist gut. Doch hatte der Besen noch genug Borsten. Und ja, ich hatte meinen Putzeimer. Es wachsen einem aber letztendlich die Krisen, die eigentlich nur die Eine ist, über den Kopf. So ein borstenarmer Besen und so ein kleiner roter Eimer geben auch einmal ihren Geist auf, kommen nicht mehr hinterher. Der Schmutz bleibt liegen.

Man sagt Ende, sagt es öfters, meint es aber noch nicht und hat eine Kehrwoche nach der anderen. Und wenn es am Anfang der Reiz des Neuen gewesen ist,  versinkt er irgendwann, wenn man Glück hat, in der Monotonie und Banalität und keine Kehrwoche kriegt das mehr blank. In so einer Phase hilft einem das Gähnen und die Langeweile, keine konkrete Krise, denn derer waren ja viele.

Und man will nur woanders, wo kein Schmutz ist, einmal tüchtig ausschlafen und aufstehen und dort bleiben, neu ausgeruht. Hat man etwas gelernt? Keine Ahnung. Ich langweile mich nicht mehr so. Das ist schon viel.

In so einer Situation, nach dem vierten und noch vor dem endgültigen Ende findet sich zumeist, wenigstens das, der passende Soundtrack. Die Doors mag ich immer noch, trotz der zahlreichen Wiederholungen. Mein Rekord liegt für dieses Lied bei fünf Durchgängen am Stück. Die Situation war danach, seinerzeit. Jetzt höre ich es anders.

Herr Hund fährt vor im Habenwill

Ein trotziges Kind war ich in der Tat. Und lief rot an, wenn ich meinen Willen nicht durchsetzen konnte. Ein wenig ist es dann mit den Jahren besser geworden. Ich habe gelernt, zu formulieren und beherrsche auch den Dackelblick, der allerdings nur eingesetzt wird, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zumeist jedoch kann ich blitzgescheit argumentieren. Das wird verstanden. Und ich bekomme einen Nachschlag, eine zweite Portion. Mir ist dabei nie in den Sinn gekommen, das könnte an der Zuneigung für mich liegen und eben nicht einzig und allein an der Ausgefeiltheit meiner Rhetorik.

Ungeheuerlich, doch leider musste ich feststellen, es gibt auch für mich Grenzen, viel zu viele davon.

Ich lernte: Was gut für mich ist, mir angenehm, davon will die Welt draußen in der Regel nichts wissen. Da kann ich reden, wie ich will. Und offensichtlich ist die Welt auch farbenblind. Rot anlaufen kümmert sie nicht. Der Dackelblick so von unten, wofür ich schon auch  einmal tief hinuntergehe, der richtigen Perspektive wegen, geht gänzlich ins Leere. Dabei mag die Welt im Großen und Ganzen Hunde. Aber ich bin ja nur ein Herr Hund und die Welt durchschaut wohl den Trick mit dem Blick. Wenn es doch aber mein Wille ist? Es kann sein, so denke ich also, die Welt handelt gerne. Ein Tauschobjekt, ein Geld oder wenigstens eine Anstrengung. „Willste was, dann bitte, wo ist es, was bekomme ich dafür?“

Also nicht einfach so, geschenkt, meinem Willen unterworfen und meine Wünsche erfüllt?

Dachte ich bei mir: Drehe ich also den Spieß um und lerne die fünfache Verneinung, „Nein, nein, nein, nein, nein, Welt. Kommst du mir so, dann denke nicht, ich würde Dir einen Gefallen tun“. Seltsamerweise aber hat es die Welt nicht interessiert. Es gab genügend andere für einen Gefallen. Und ich steh auf der einen, die Welt auf der anderen Seite und nicht einer der Wünsche, die wichtigen wie die unwichtigen, erfüllt. Das Leben wird so, bleibt man in seiner Ecke, ein wenig öde und langweilig. Und dabei bekommt man mit der Zeit diesen verbissenen Gesichtsausdruck von zuviel Schmollen und darüber Grübeln. Und ich geb nach,

geh auf die Welt zu und wir lernen langsam, miteinander auskommen.

Und lernte ein weiteres mal: nicht alle meine Wünsche werden erfüllt werden können. Nicht alle Wünsche stellen sich als solche heraus. Ich begreife, kenne ich mich, weiß ich, was ich will. Also und sozusagen der deutlich gesündere Egoismus. Erst das Ich, dann die Wünsche. Will ich alles, am besten sofort, dann irre ich, ziellos und aussichtslos abgekämpft in meiner Ecke und werfe zum Schluss, als Zeichen meiner Niederlage, das Handtuch. Und so mache ich Inventur, höre in mich hinein und stelle fest, das ist gut für mich, das nicht, selbstverständlich vieles davon nur vorläufig, denn das meiste versteht man nur im Nachhinein. Dann waren sie da, nicht mehr alle, ein paar weniger jetzt, aber es gab sogar eine Rangfolge.

Doch die Welt wäre nicht das, was sie ist, wenn sie sich nicht ihrerseits manchmal  ziemlich bockig anstellt.Sie weiß wohl selbst nicht so genau, wo es mit ihr hingehen soll, wer sie ist.

Entschied ich mich: soll sie machen, ich mach jetzt mein Ding, so gut es eben geht. Bereits um seine Wünsche zu wissen, dafür alles Notwendige zu tun, verschafft einem ein gewisses Glücksgefühl, selbst wenn es dauert oder sich für dieses Mal nicht einstellen will, bockiges Schicksal. Seiner fünffachen Verneinung komme ich bei. Bin ja selbst ein ausgewiesener Experte darin und weiß so ungefähr, was zu tun ist.

Nur jetzt noch das Eine: die trotzige Verbissenheit, über Jahre angeeignet, mir wieder aus dem Gesicht zu bekommen und entspanntere Züge anzunehmen. Den Dackelblick behalte ich, nur das Drumherum wird neu gestaltet.

Und dann vielleicht, vielleicht aber auch nicht, fahre ich vor im Habenwill……und lächle dabei ein wenig.

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Vergeblich, vergänglich und voll auf die Fresse, doch auch ein Held.

Jeder nach seinen Talenten. Einfach gesagt, wenn letztgültige Kriterien fehlen. Mutter freute sich und sprach von „ihrem kleinen Helden“, war stolz. Eine gute Schulnote, eine Bastelarbeit, die Urkunde von den Bundesjugendspielen. Ein wenig allerdings war ihr Blick getrübt von allzu großer Liebe. Das alles musste sich dann schnell mit den Jahren relativieren. Mütter (und Väter) bleiben aus, um gutzuheißen und Bruder Zweifel spricht: Was kann man(n), was nicht? Und darüber hinaus immer die Frage, was bleibt davon? Warum nicht alles gleich, sofort und für immer?

Riccardo Pizzuti

Der Mann im Bild, seiner Mutter „kleiner Held“, scheiterte als Großer immer,  brachte zu keiner Zeit den einen entscheidenden Schlag an. Stattdessen hatte er einzustecken und Zähne zu   verlieren. Warum also schlug er sich? Gab es nichts anderes, zu dem er hätte fähig sein können? Er war und blieb ein nicht sehr sympathischer Schläger. Für solche Existenzen reicht es meistens nur zum Handlanger, der für irgendeinen Boss im Hintergrund die Drecksarbeit macht. Nicht einmal das aber brachte er zustande, als sie auftauchten.

Sie, die früher meine Helden waren, als ich von wirklich gar nichts eine Ahnung hatte. Ich habe gelacht, fand es sehr komisch, sehr lange sogar, die Mische, die Ramme, den Hammer. Die ganze Schlägertruppe immer in der Überzahl, ohne doch eine Chance zu haben. Halleluja! Er, um den es jetzt geht, war einer von ihnen. Da noch kein Besonderer, kein Einzelner. Er tauchte mit den Anderen auf, sie fühlten sich siegessicher zu Beginn, weil die beiden Helden nur zwei waren, und mussten trotzdem kräftig Prügel einstecken. Sie verloren, geschunden. Er verlor mit ihnen, hatte Schrammen und einige Zähne verloren. Blut floss allerdings nie. Die Helden, nach der letzten großen Keilerei, nahmen weiter keine Notiz von ihm. Und ich auch nicht. Er blieb liegen; das Abenteuer der zwei Helden hatte sein Ende gefunden.

Mit dem nächsten Abenteuer der Helden, andere Zeit und anderer Ort, tauchte zumeist auch er wieder auf, wieder in Überzahl, wieder auf der falschen Seite und nichts dazugelernt. Aber auch keine zweifel zunächst. Alles blieb beim Alten. Ich blieb auf der Seite der Helden, wenn auch mittlerweile mit weniger Begeisterung und Überzeugung. Es wiederholte sich. Die Schläge, sie blieben im Grunde dieselben. Diese meine Helden, das waren sie noch, siegten immer, mit den gleichen Mitteln, wie immer schon. Aber selbst darauf, dass sie niemals anders schlugen, konnte sich der Eine nicht einstellen. In der Horde von einfachen Schlägern blieb die Strategie auch diesmal ebenso einfallslos wie eh und je. Wusste der Eine es denn nicht? Konnte er nicht wenigstens aus Gewohnheit mit manchem Schlag rechnen, ihm ausweichen und seinerseits einen neuen, überraschenden Schlag ins Ziel bringen? Er konnte nicht und verlor wieder.

Dann verloren irgendwann die Helden für mich ihren Reiz. Eine gute Geschichte verliert weniger dadurch, dass sie sich wiederholt als durch den Verlust kindlicher Unschuld. Ich fing an, die Geschichten meiner früheren Helden zu durchschauen. Und ich langweilte mich mit Ihnen. Natürlich gab es immer noch Szenen, die mir gefielen. Auch ab und zu fiel mal ein Spruch, der mich schmunzeln ließ. Doch wenn man das Ende kennt und die Mittel, die zu diesem Ende führen, wird die Geschichte uninteressant und die Helden verblassen. Brauchte es neue Helden? Für neue Abenteuer? Es sah so aus.

Aber was war nun mit dem Einen? Er fand nicht ein Ende. Ich habe ihn einfach vergessen.

Irgendwann las ich Camus. Doch ich vergaß auch Camus. Ich vergaß Sisyphos. Ich vergaß, darüber nachzudenken.

Doch es stellt sich heraus, dass Vergessen keineswegs heißen muss, die Dinge bleiben verloren. Wenn die Zeit es will, ein Grund stark genug ist, erinnert man sich. Vielleicht ist es so, dass nur Vergessenes erinnert werden kann. Und ich erinnerte mich, erst an den Einen, dann an Camus und Sisyphos und brachte sie so in meinen Gedanken zusammen. Ob das in irgendeiner Weise einen Sinn ergibt und folgerichtig ist, ist mir letztlich ganz gleich. Mir erschien es plausibel.

Er stand nun da. Als Einzelner. Und wurde zu etwas Besonderem, sinnbildlich. Der, der ihn gespielt hat, Riccardo Pizzuti -ich musste nachschlagen-, sei hier nur kurz erwähnt. Ich hatte mich auch zunächst nicht weiter mit ihm beschäftigt, mit anderen Rollen von ihm. Ich hatte nie einen Namen, nur diese Figur, die mir irgendwann auffiel, an die ich mich jetzt erinnerte, als ich bei verschiedenen Gelegenheiten auf die Frage stieß: was ist ein Held?

Er mühte sich ab und blieb dennoch erfolglos. Er durfte nicht gewinnen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, es bei nächster Gelegenheit wieder zu versuchen. Um zu scheitern. Das war seine Rolle. Dafür war er besetzt. Die vordergründig siegreichen Helden triumphierten am Ende über ihn. Allerdings, neben diesen offensichtlichen Helden meiner Kindheit erinnere ich mich doch auch an den Anderen, den ewigen Looser, der nicht einmal das bessere Ende fand. Er tauchte ebenso regelmäßig in meinen Erinnerungen auf.

Ich denke, damit wurde er zum Helden im Nachhinein.

(Als der Eine) zu kämpfen, sich zu mühen, obwohl man keine Chance hat, es aber weiter zu versuchen,  selbst wenn es ein ungleicher Kampf ist und der Gewinner bereits feststeht, ist die eine Seite und hat bereits Heldenhaftes an sich. Man entscheidet sich und man kämpft. Er tat das wortwörtlich. Hinzu kommt allerdings ein Zweites: eine Spur hinterlassen. Am Ende kann niemand alle Kämpfe gewinnen. Den letzten Kampf sowieso nicht. Und wenn die eine Aufgabe scheinbar bewältigt ist oder man an ihr scheitert, gleichviel, es wartet bereits die nächste. Das Ganze beginnt von Neuem. Und alles nur, um zuletzt…….? Ja, nur darum. Und um irgendwie eine Spur zu hinterlassen.  Das nenne ich heroisch.

Die Figur, die Riccardo Pizzuti verkörperte, blieb am Leben, lange nachdem die Heldengeschichte und ihre Varianten erzählt waren und sie mich auch nicht mehr interessierten, als Teil meiner Erinnerung. Er hatte offensichtlich Spuren hinterlassen. Tatsächlich macht es auch keinen Unterschied, ob die Figur real oder fiktiv ist. Für die Erinnerung ist das ganz sicher sogar irrelevant.

Kämpfen konnte er nicht, aber keiner konnte so schön mit Zähnen spucken wie er. Für meinen nächsten Kampf merke ich mir das.

 

(Anmerkung: lange Zeit, bevor ich anfing, mich mit ernsthaften Dingen zu beschäftigen und etwa Camus zu lesen, war ich ein Fernsehkind und viele meiner Helden stammen aus dieser Zeit. Es soll also niemand sich wundern, dass ich immer wieder auf diese Helden zurückkomme und sie gebrauche, um etwas zu erklären. Sie taugen so gut dazu, wie alles andere. Wie ich heute etwa Bücher liebe, liebte ich damals meine Fernsehserien und Filme. Und ich überlege schon, wie ich „Spencers Piloten“,  „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Fantomas“ oder andere verwenden könnte, um gewisse Sachverhalte zu erklären.

Was den konkreten Anlass zu diesem Text betrifft, war es allerdings das verflixte Level 172 von Jelly Splash, an dem ich mir schon seit Monaten die Zähne ausbeiße. Doch irgendwann schaffe ich es oder ich gehe dabei unter. Aber Aufgeben kommt nicht in Frage. Und was sag ich, durch diesen Text wisst ihr davon, ich hätte also eine Spur hinterlassen, folglich, da Mühe plus Spur, wäre ich ein Held. Ziel erreicht.)