XXI. Lamm-Chi

Die Welt ist schön.
Die Welt ist kompliziert. Und schmerzt.

Der eine poetische Seele hat, weiß das. Wenigstens eine poetische Seele kennt, der einen Marcel hat. Wesentlich ist Marcel ein Poet, ganz klar. Da sind wir, die wir ihn kennen, uns einig. Selbst unser Gestreifter hat da eine Ahnung, dass es so sein könnte. Marcel würde schreiben (und wie), die Welt ist schön, obwohl sie so kompliziert ist. Darüber, daß das nicht immer gewußt wird mit der Schönheit, dass gerade darin Komplikation und Schmerz liegen.

Sagt man eigentlich „hat eine poetische Seele“? Oder ist Marcel nicht vielmehr gänzlich eine poetische Seele, mit einem flauschigen, meist weißem Fell drumherum? So oder so, Schreiben kann Marcel nicht. Technisch gesehen ist er also kein Poet. Es ist wegen der Arme, wegen der Hände. Eine Kleinigkeit, ein nicht weiter erwähnenswertes Detail.Es macht keinen Unterschied.

Nun ist unser Marcel seit ein paar Tagen krank. Es war zu erwarten. Schafe mit so einer Disposition bekommen das manchmal. Es ist ein wenig wie Migräne, wie florentinischer Schüttelfrost. So, als wäre sein empfindsames Herz nach außen gekrempelt. Und auch nicht mehr hinter einem Brustkorb geschützt. Unmittelbare Empfindung. Allergrößte Sensibilität. Die ganze Welt auf einmal. Er, das kleine Schaf, wehrlos.

Das Herz eines Poeten kennt die Antworten und Wahrheiten. Der Kopf verwaltet sie bloß, der alte Hausmeister Rechen- und Wortschieber. Wenn man jetzt aber diese Krankheit hat, das Lamm-Chi, ist alles offen, eine Wunde, die sich nicht schließen will. Die ganze verwirrende Welt unvermittelt unbegreiflich, ohne in Gedanken und Worte zusammenregistriert zu sein, drängt auf ihn ein.

Tischer natürlich wollte sich vor Marcel stellen und die Welt davon abhalten, seinen Bruder zu überfluten. Lieb. Welt ist nur überall. So gut es geht, aber von allen Seiten, Tischers Mut reicht da nicht aus.

Doch geht es vorbei, eine Weile noch. Und wirklich hat Marcel heute nach ein wenig Tolstoi verlangt. Er lächelt auch schon wieder. Wir verspüren Erleichterung. Wir wollen aber nichts riskieren und haben deshalb, bis Marcels Herz sich wieder eingekrempelt hat, ihn so gut es geht, in die Fellohrmütze gewickelt.

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Die isoliert ganz gut. Zusammen mit der Strickjacke stürmt nicht mehr allzu viel auf unser Lämmchen ein. Das Wenige, das doch, Tischer zeigt ihm seine Streifen.

Und Marcels Muse und große Liebe? Sie hält, obwohl es ihr nicht leicht fällt, Abstand. Er darf, solange das Lamm-Chi anhält, nicht in zu große Erregung verfallen. Gerade die Liebe hat so einiges davon. Ein einfaches Händchenhalten und Marcels Herz könnte …………………………..

Bald aber kann Hand und Herz wieder freigegeben werden. Für seine Liebe. Für Madeleine.

Für die Welt, die so schön und kompliziert ist.

Herr Hund liest die Messe

Er beabsichtigt zu lesen und Lesenden zuzuhören, er nimmt auf, saugt sich durch die Messehallen, knabbert an den Ständen, sofern sich etwas mit Biss finden sollte und bläht in sich hinein, so gut es eben verträglich ist und nicht über die Spannkraft hinausgeht. Wenn dies geschieht und alles an Eindrücken verdaut ist, das eine schneller als das andere, so wird Herr Hund schon die Worte finden, um berichten zu können, hiervon oder von dem, was durch den Besuch angeregt wurde.

Was das wäre, kann noch nicht gesagt werden. Doch da die Behauptung im Raume steht (und ich habe sie da nicht hingestellt), es wäre von gewisser Relevanz, was Herr Hund zu sagen hätte, wird es so nichtssagend nicht sein, was in Anbetracht der Durchlaufszeiten, jetzt aber nicht das Schlimmste wäre. Daher wird sich Mühe gegeben, entweder im Live-Mitschnitt oder als Konserve, es so viel schwerer als möglich zu machen, die abfallenden Beiträge gleich wieder zu vergessen, als es Herrn Hund oft genug selbst gelang, diese bereits, bevor er sie schrieb, zu vergessen, um die verbliebenen Leerstellen mit Wortattrappen zu bevölkern, geradezu lebensecht und mancher Gedanke dahinter tatsächlich zu vermuten.

Nein, ich, denn niemand anderes ist dieser Herr Hund, ein mit dem Ich Identischer, nehme diese Reise ernst und verspreche mir viel davon. Doch zumindest das, so geschickt später Gehörtes und Geschriebenes für Selbst Gedachtes ausgeben zu können, um weiter als relevant gelten zu können. Wozu wären sonst solche Veranstaltungen gut, wenn nicht zur resonanten  Bestätigung von Wichtigkeit?

Und sollte trotzdem die Gefahr bestehen, enttarnt zu werden und die Attrappen gleich mit umgestoßen und es wäre nur noch eine leere Bühne, so müsste ich mir nur meine Fellohrmütze aufziehen, vielleicht sogar eine Sonnenbrille, hilfreiche Requisiten, um völlig inkognito aber breitbeinig das zu präsentieren, was mir letztlich bei allen geklauten (möglicherweise ab und an auch einmal selbst fabrizierten, nichtsdestotrotz mehr verwirrenden als erhellenden, auf jeden Fall aber zu nichts führenden) Gedanken als das eigentlich Interessanteste erscheinen sollte, mich selbst nämlich, meine Originalität, mein Radikalismus, meine Unbestechlichkeit, mein Heroismus, mein komplettes Anders-Sein.

Diese Bewunderung meiner Personalität jedoch war mir schon immer ein wenig unangenehm, weshalb ich immer versucht habe, mich hinter Worten und Gedanken, waren es auch nicht meine oder eben solche, auf deren Inhaltsleere man nicht gleich kam, so gut es geht, zu verbergen. Zu diesem Zwecke, da so langsam, das ist nur der Lauf der Dinge, beides auszugehen droht, ist diese Reise gedacht, mir von Gescheiteren zu holen, was an Geist und Intellekt ich selbst entbehre, um mich damit neu einzukleiden in Flicken, jedem, der mir begegnet in Zukunft auch weiterhin ein Unbekannter, ein Pseudonym.

So eine Messe, gelesen, mit Ernst und Nachhaltigkeit, versorgt mich wieder für mindestens ein weiteres Jahr – mit Verbergung.

Rechter und linker Schuh – eine Paarbeziehung

So ein glückvolles Ensemble in Harmonie zu halten, ist nicht so ganz leicht. Die bereits bekannte Fellohrmütze, freiheitsliebend und individualistisch, hat ihren eigenen Kopf. Was sie so macht und auch mit mir, ich red ihr da nicht rein. Jedoch mit ihr allein bin ich noch lange nicht komplett. Das Bild, wie ich es sehe, hat weitere wichtige Details. Jedes einzelne will ich hier nicht vorstellen. Es kommt die Zeit dafür, versprochen.

Jetzt allerdings muß von der Gefährdung gesprochen werden. Es ist ja so ein Zusammenkommen stets eine sensible Angelegenheit. Und an den Rändern und Extremitäten scheint die Gefahr des Auseinanderbrechens am größten zu sein. Bei mir im Bereich der Füße, eine Entwicklung, die sich erst vor kurzer Zeit andeutete und nun mit aller Wucht hervorgetreten ist.

Die Füße und alles, was dranhängt, sind weit weg vom Zentralorgan, dem Kopf. Dieser war wohl abgelenkt (bzw. wie ständig beeinflusst von den phantastischen Eskapaden der Mütze) und deshalb unaufmerksam in Bezug auf das, was sich dort unten abspielte. Mit der Mütze in den Wolken, weit entfernt vom Boden der Tatsachen, kam nun das Oha! und schwer, weil so spät erkannt, ist an diesem Unglück etwas zu ändern, vermittelnd einzuwirken: denn rechter und linker Schuh wollen getrennte Wege gehen. DSCF5621 Ich spreche von meinen Schlappen, nicht sehr lange, so weit ich weiß, ein Paar, beide von mir liebgewonnen und nicht wegzudenken, In ihnen sicherstehend längst vertraute Gänge, Bett-Bad/Toilette-Küche, frühmorgens in der Dunkelheit, aber auch an Tagen ohne festen Plan, es heißt wohl schlurfend, das ganz bequem und keine kalten Füße. Am Abend zumeist der umgekehrte Weg, Küche-Toilette/Bad-Bett, das Licht gelöscht, sie blieben neben dem Bett, die Nacht hindurch, bis am nächsten Tag, der ritualisierte Gang sich wiederholte. Seit ich sie habe. Verlässlich. Schlappen_mit_Füssen_eins Ich bin wohl auch ein, zwei Male mit ihnen verreist und sie trugen mich am Meer durch den Sand, hier auf fremdem Feld, doch sicher, meine Schlappen, der rechte, wie der linke. Was an feiner, ohrwärmender Individualität mir meine Fellohrmütze ist, sind, seit ich sie habe (seit ich SO laufen kann), mir meine Schlappen eine sanft wiegende Verlässlichkeit, die mich erdet und auf den Boden stellt, mit der ich diesen nie unter den Füßen zu verlieren fürchten musste. Könnte das jetzt passieren? Was ist vorgefallen? Ich weiß es nicht

Ich kann sie nicht einfach fragen, meine Schlappen, und vermitteln. Ich bin nicht so verrückt, zu glauben, man könnte mit Schuhen sprechen. Obwohl, das mag gehen. Nur sie würden wahrscheinlich nicht zuhören. Wenn sie selbst nur miteinander sprechen könnten. Doch auch dazu fehlt es mir an Vorstellungskraft. Es wird etwas vorgefallen sein müssen, in der Nacht, wenn sie im Dunkeln neben dem Bett nebeneinander standen, oder am Tage, war ich aus dem Haus und sie alleine im Flur mit den anderen Schuhen, Stiefeln und Latschen. Denkbar wäre ebenso, dass bereits in ihrer Natur eine unvereinbare Gegensätzlichkeit angelegt war, die im Laufe der Zeit nur mehr schlecht als recht überspielt werden konnte. Im Grunde ist ja der eine Schlappen ein exaktes Andersherum für den jeweils anderen. Das ist ja keine vollkommene Identität und dieses Fremde ist immer da und wird dem anderen vorgehalten wie ein Spiegel. Nie ein gemeinsamer Weg, eher permanente Parallelität, nie einfach die Möglichkeit, die Plätze zu tauschen. Und warum dann nicht gleich eigene Wege gehen? Das war zu merken.

Zwar blieben bis zuletzt die Wege immer noch dieselben, Bett-Toilette/Bad-Küche und umgekehrt, ich bleibe auch weiterhin der Herr und schreite nach meinem Willen voran, doch es gab bei manchem Schritt dieses Zucken und leichte Ausscheren, als hielte einer den ewig selben Weg nicht weiter aus und versuchte, auszubrechen. Oder er war eben einfach das Nebeneinander mit seinem Partner leid. Zuletzt war es nicht mehr sehr angenehm, leicht torkelnd und schwankend in den Tag gehen zu müssen, so dass mir eine Beziehungspause für mein Paar Schlappen das Beste erschien.

Und wie eine glückliche Fügung war es da, dass mein Nachbar wohl von ähnlichen Turbulenzen betroffen war, so dass ich ihm, denn ganz ohne geht es nicht, der Winter naht und es frieren die Füße, einen Partnertausch vorschlug und er dem auch sofort zustimmte. Das ist nichts Unmoralisches dabei. Und es kann helfen. Außerdem ist es nur auf Zeit. Ich bin sicher, meine beiden Schlappen überwinden ihre Krise, denn mir selbst fehlt, ist nur einer nicht da, der geerdete Stand, den ich hatte, als beide sich noch vertrugen. Schlappen_mit_Füssen_zwei In Nachbars einem Schlappen ist es nicht dasselbe; es ist irgendwie nicht der gleiche Weg, Bett-Toilette/Bad-Küche und umgekehrt, auch wenn das Torkeln und Schwanken tatsächlich nachgelassen hat. Meine Schlappen zu meinem Weg. Andere haben ihre Gummistiefel. Zu meinen Füßen passen Schlappen, diese, allein diese. Die ein Paar sind, mit ein paar Problemen.

Es wird sich finden. Fellohrmütze sieht es im Übrigen genauso. Ha, als hätten Fellohrmützen eine Meinung. Das wäre ja verrückt. Wo ich doch weiß, sie haben nur Ideen und Phantasien.

Und auch dazu der passende Soundtrack:

Grau in Blau zur Ruhe

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Ruhige See. Ein unverstellter Blick bis zum Horizont. Es ist nicht der wärmste Tag. Die entsprechende Kleidung  korrespondiert farblich  prächtig mit der Umgebung. Der Fellohrmützenträger schaut und schweigt. Die Wolken am Himmel trüben nichts. Den Blick nicht, die Gedanken nicht. Tatsächlich wird so wenig wie selten gedacht unter der Mütze, dass sich nicht viel trüben könnte. Wind sorgt für ein wenig Bewegung. Sonst ist Ruhe.

Doch irgendwann wird selbst bloße Kontemplation zu einer Geduldsprobe für den Träger der Mütze, der darin nur Novize ist. Was wie ein ganzer Tag erscheint, ist nur eine Momentaufnahme. Eine plötzliche Unruhe erfasst ihn. An der See kann es nicht liegen. Ebenso ist kein Schiff zu sehen. Es ist nicht Sehnsucht, die sich einstellt. Und nein, auch kein Hunger. Kurz zuvor hatte der Träger der Mütze ein Fischbrötchen. Oder zwei.

Nein, es setzt das Denken wieder ein. Diesen Moment, man müsste ihn festhalten. Nur weiß der Träger der Mütze im grauen Pullover nicht, kommt nicht drauf, was es ist in diesem Moment, was festzuhalten wäre. Da ist nichts, nur die ruhige See und der unverstellte Blick bis zum Horizont. Was da ist, ein paar Quallen. Die sind nicht bedrohlich. Und Möwen.

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Die kann man vertreiben.

Aber nicht einfach die Gedanken, wenn sie sich einmal in die Ruhe schieben.

I. Kongress der Individualisten: Teilnehmer einer

Nur der sein, entlang der Reihe an Persönlichkeitsdarstellungen, die man alle mit sich führt, der Einzelne, der man tatsächlich ist. Dazu war heute ein guter Tag. Jeder Tag eignet sich im Prinzip dazu. Zeit und Ausgelassenheit waren vorhanden, die Verrücktheit groß genug. Mehr braucht es im Grunde nicht.

Das wichtigste Accessoire zu diesem besonderen Tag kam jedenfalls zur Anwendung:

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Wolkenlos, strahlender Sonnenschein, 35° Celsius, doch die Fellohrmütze sitzt….

Und damit war der Kongress auch schon eröffnet.

Tagesordnungspunkte: Keine
Neue Mitglieder: Keine
Wahl eines neuen Vorsitzenden: Überflüssig

Und so konnte gleich zum Rahmenprogramm übergegangen werden:

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Beobachtung eines Tennisballs im Fluss bei geringer Strömung

Die Kongressmitglieder einhellig: gelungen.

Mehr war nicht.

Der untergehenden Sonne rufe ich beim Abschied noch zu: „Wir beide bleiben Individualisten, nicht wahr?“

„Verlass dich drauf!“

Nach Hause gegangen. Mütze verräumt.

Die Fellohrmütze wird aber wieder hervorgeholt werden. Und der nächste Kongress wird so erfolgreich sein, wie es dieser gewesen ist.