Mit Titeln tue ich mich schwer und nenne es deshalb einfach Ein Wunder

Und fand am Morgen die Welt verändert vor. Noch nicht. Alles ganz wie immer. Gehe Brötchen holen, vier. Wir frühstücken zusammen, bevor ich los muss. Wurst und Marmelade, ich einen Orangensaft, sie einen Kaffee. Jeden Tag, außer samstags und sonntags. Gehe also zum Bäcker, komme wieder und finde vor der Tür einen Zettel liegen:

Das Turbinenwerk gehört nun Ihnen.

Darunter die Adresse. Es liegt auf dem Weg. Ich werde es mir anschauen. Nach dem Frühstück. Ich sage nichts, behalte das Turbinenwerk für mich. Man kann nie wissen. Es könnte ein Scherz sein. Tatsächlich, außer Nikolaus und meinem Geburtstag, bekomme ich morgens selten Geschenke. Ich will mich nicht zu früh freuen. Ich gehe, überlege, was könnte ich, wenn es wahr ist, damit anstellen. Ich hatte noch nie ein Turbinenwerk. Ich hatte mir noch nie eins gewünscht. Es sind keine zehn Minuten von zuhause. Eine Straße rechts, eine links, da sollte es sein. Es ist so.

Vor dem Turbinenwerk stehen Männer. Der mit der größten Erfahrung im Gesicht kommt auf mich zu:

Was sollen wir machen, Chef?

Ein Chef, was sagt ein Chef? Ich kenn mich da nicht aus. Ich bin ein wenig nervös. Ich überlege. Der Mann mit der Erfahrung wartet. Die Männer warten. Ich muss etwas sagen. Wenn man ein Turbinenwerk hat, muss man etwas sagen. Ich sage dann das Erste, das mir vernünftig erscheint, bleibe aber unsicher. Ich könnte mich blamieren.

Macht! Fangt an!

Der Mann mit der Erfahrung im Gesicht dreht sich um und geht zu den anderen Männern. Er sagt ihnen, was ich gesagt habe. Sie gehen ins Werk und fangen an. Ich darf gehen. Es war gar nicht so schlimm. Ich werde das Turbinenwerk behalten. Was für ein Morgen. Ein Zettel vor der Tür und plötzlich…

Doch ich weiß, alles hat zwei Seiten. Ganz besonders Zettel. Ich schau ihn mir genauer an. Auf der zweiten Seite steht:

Wenn dir nichts einfällt, schreib über das, was auf deinem Weg liegt.

Und es liegt ein Turbinenwerk auf meinem Weg. Ich besitze also gar kein Turbinenwerk. Keiner hat mir ein Turbinenwerk geschenkt. Ich bin auf meine eigene Geschichte reingefallen. Und nicht einmal gut erzählt.

Aber immerhin. Wozu Turbinenwerke gut sind.

 

„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel.“

Noch war sie ja da. Und es war ein Hinkommen. Später das Wiedergehenmüssen ist schwerer gewesen.

2015 hatte zu viel festen Boden unter den Füßen. Es brauchte eine Insel. Und alles Weitere blieb zurück. Doch so ganz ohne alle Bücher ging es nicht, geht es nie

„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel“, das Meiste davon Wind. Und dabei, die Gleichung geht nicht ganz auf, das Meer hat seinen Anteil.

ununterbrochen wurde das Sehen vom Hören überschwemmt, geschliffen, umgeformt. Eingeschlossen ins Geräusch, passte sich das Denken der Brandung an, dem Gang der Gezeiten.

Der Titel, das Motto, dem Kruso entnommen, eines der Bücher. Und ich bin mir trotz seiner Qualitäten nicht sicher, ob es hätte mitgenommen werden sollen, um es dort zu lesen. Einige Stellen taugen als Zitat, nehmen ein für die Insel. Allein unter allzu vielen lyrischen Bildern verschwindet die Geschichte in dichtem Nebel. Ich würde mich tastend darin durchbewegen müssen hier und da. Trotzdem, ja doch, erkenne ich wieder, bin doch aber bis zuletzt nicht beim Klausner gewesen.

Die Figuren nahmen mich für sie ein; die Geschichte lohnt, erzählt zu werden. Unsere Wirtin, sie meinte, sie wurde bereits erzählt, von Delius. Welche Geschichte denn nicht? Die Schwäche des Buchs, die Insel ist zu klein für all die Bilder. Die Geschichte braucht sie längst nicht alle.

Aber Viola hätte ich nicht missen wollen. Der Deutschlandfunk, ich habe all die Tage es nicht fertiggebracht, einen anderen Sender herein zu bekommen. Beim Kochen, beim Essen, beim Spülen und beim Spielen mit allen Erweiterungen Hörspiele und Weltmusik, Literatur und Kultur, Sinfonien in der Nacht. Und stets mit Rauschen und leichtem Knacken.

Alles rauscht.

Und langsam weggespült weggerauscht am Ende irgendwann auch diese Insel. Am Ende nur noch Himmel, nur noch Meer. Man tut alles, es hinauszuzögern.

Am Tage. In der Nacht. Behelfsmäßig. Vorläufig. Selbst während die Menschen beim Krippenspiel sind, wird getan. Sie hat damit ein paar Jahre mehr.

Am Strand, ein wenig weiter nun, die Spuren des emsigen Bemühens.

Hiddensee_Spuren1

Ich kann nicht verleugnen, bei dem Anblick eine gewisse jungenhafte Sehnsucht verspürt zu haben – nach Baggerfahrten. Aber ich bin, was ich bin, eine Lusche, frage nicht oder tue es einfach. Ich sehe die Spuren, träume ein wenig, ansonsten lese ich viel.

Einer der keine Lusche ist, der einfach nimmt, weil er denkt, sowieso schon zu besitzen und da ja jede Insel ihren König braucht, ist er dabei, Tischer und als er wach war, hatte er -mal wieder- einen Plan. Er sah den, der da herumstand und nahm, in bestimmter Absicht, nämlich mit starkem Licht H0-Zugvögel (sind Spatzen, die ziehen zu Büschen in wärmeren Gegenden der Insel) anzulocken, um sie ungerupft und ohne weihnachtliche Beilagen, Klöse und Kraut, jedenfalls habe ich nicht nachgezählt, ob es am Ende weniger waren, denn ich war im Urlaub und Zählen gehört nicht dazu.

Tischer und sein Besitz

Doch glaube ich fast, es blieb beim Inbesitznehmen. Zu kalt und zu windig für Tuch und Streifen für Winteraventiuren, viel zu wohlig warm und luschelig-kuschelig die Decke, werktags und den Rest der Woche. Auch war ja Urlaub, selbst ein Tischer lässt da mal Fünfe undsoweiter……

Nein, der braucht Bücher nicht. Ich schon. Auf jeder Insel brauche ich die. Bei einem, ich hatte diese Vorfreude länger schon, da vergaß ich bisweilen, dass längst schon Meer und alle Wetter um mich waren, da las ich und war weg von der Insel, war Über BordWar auf den Bänken, fing Fisch, wurde ein tüchtiger Matrose. Eine einfache Geschichte, wieder einmal, ich habe wohl eine Schwäche dafür. Es wird darin nicht sehr reflektiert, es wird Hand angelegt, Knoten geknüpft, der Fisch ausgenommen.

Ob es nicht gefährlich ist, solche Geschichten zu lesen. Wenn man alles um sich herum vergisst, dass man erfrieren könnte, mit der letzten Seite, wenn man Glück hat. Die Nase friert nicht allzu sehr, wenn sie sich windgeschützt und tief vergräbt zwischen Seiten.

Das ist ein Buch. Eine Entdeckung. Inseln sind gut geeignet für Entdeckungen. Rudyard Kipling. Wird weiter entdeckt.

Kurz dachte ich noch, hier hätte ich Hedin Bru entdecken sollen. Seltsam, dass es damals windstill gewesen ist. Der kommt mir mit, wenn ich das nächste Mal….wann wird das sein?

Doch trotz allem musste ein wenig Hausaufgabe sein. In der Begegnung mit Lieferanten von Schokolade hatte ich nicht meine überzeugendsten Auftritte. Mir ist die Schwäche, in mich hineinzustopfen, wo ich es schmelzen lassen müsste, schwer wegzuerziehen. Tut sie nicht. Ich hab das selbst verstanden. Hierfür sind viele Bilder wieder gut und wenn nach langen Spaziergängen im winterlichen Wind es gut war, sich aufzuwärmen, die zwei Teller Bohneneintopf taten ihres, die warme Decke ein Weiteres, dann blätterte ich, ganz konzentriert, in einem schmalen Band, um die Geheimnisse von Schokolade kennenzulernen. Es war nicht immer lustig oder spannend, ich kenne da anderes, aber doch so unterhaltsam und vor allem lehrreich, dass ich glauben darf, die Lektüre wird mir geholfen haben und wenn ich das Buch später griffbereit unter der Ladentheke haben sollte, so kann es weiterhelfen.

Die Geheimnisse von Schokolade

Allen Milka- und Ritter-Sport-Liebhabern, allen, die Mampfer sind, wie ich, sei das Buch empfohlen, bevor oder nachdem sie uns besuchen sollten.

Nicht zu viel Arbeit, nicht zu viel Pflicht, wenn sie auch recht kurzweilig ausfiel. Lieber bald, wieder aufgewärmt, hinaus. Endlos scheinende Tage dauern leider nicht ewig.

Ich gehe gerne herum. Ich weiß nicht, ob ich so sonderlich aufmerksam bin für meine Umgebung, viel sehe. Aber ich laufe gerne herum, und gelegentlich mit offenen Augen. Wenn also nicht lesen, dann laufen. Nicht Fahrrad fahren, nicht einmal dort, wo es ungefährlich ist, nein, laufen. Schwimmen auch nicht, laufen. Das Baggerfahren fiel ja aus, also lief ich. Besser: ging. Die, die LAUFEN, sind schneller unterwegs, wenn ich etwa morgens zum Bäcker ging und sie an mir vorbeihuschten. Wenn ich Laufen sage, meine ich Gehen (Trödeln, Schlendern etc.). Und so kucke ich dann, so sind die Bilder, irgendwie Achja und Wassolls.

So vergingen die Tage. Mit Laufen und Lesen.

Und noch so ganz mit ein wenig Kulturtourismus: Gerhard Hauptmann, ein sehr bekannter Golfer und er hat Bücher geschrieben. Den Nobelpreis hat er ebenfalls bekommen, wenn auch wahrscheinlich nicht für’s Golfen. Und er war auf dieser Insel so quasi der König. Thomas Mann war auch mal da, konnte ihn aber nicht vom Thron stürzen. Und Tischer, den gab es noch nicht. Ich habe jedenfalls kurz bei ihm zuhause vorbeigeschaut. Marcel war dabei, natürlich. Doch, was soll ich sagen, Hauptmann ist mir zu schwer, ist mir viel zu schwer für diese Insel, wenngleich es sehr schöne Gedicht zu der Insel von Hauptmann gibt, sagt man.

Nein, mir wäre eine Hafenspelunke namens „Muschelkalk“ lieber, die es nicht gibt auf dieser Insel, in der ich aber mich sicherlich hätte überwinden können, einmal so richtig über den Durst zu trinken, in memoria Ringelnatz. Marcel wäre selbst nicht abgeneigt gewesen.

ZumNüsseöffnen

Von Hauptmann bleibt eine Büste, an der man nur noch Nüsse aufklopfen kann, wenn man welche dabei hat.

Dann war es rum. Der feste Boden, er ließ nicht länger auf sich warten. Tatsächlich ging es doch, das Übersetzen und Fortgehen. Fähre Bus Bus Bus Zuhause, Ankunft 03.01. 21 Uhr.

Die Aufgaben, sie warten. Die Insel, sie bleibt. Ich seufze ein wenig. Verzeihung.

Bildbesprechung

skizze.daniela12

Das Wesentliche passt unter einen Schirm. Sie, er, ein Buch, ein paar gute Pralinen. Nicht der Schutz gegen den großen Sturm, gegen ein paar Tropfen sehr wohl, das Prasseln angenehm, beide stehen da, lauschen, sie ist bei ihm eingehakt, er hat eine Hand in der Seitentasche seines Jacketts, ein wenig hält er sich am Buch, das darin steckt, fest. Wenn das Leben ihm zu nahe tritt, tut er das. Und wann tut das Leben das mehr, als wenn es mit der Liebe kommt.

Unter einem Schirm hat auch die Liebe Platz.

Das könnte ein möglicher Beginn der Geschichte sein. Ich weiß nicht mehr, ob es geregnet hat, Und ein Jackett hatte ich nie. Lieber sind mir eh Strickjacken. Aber irgendwo wird sie sich eingehakt haben, das ist belegt. Wahrscheinlich sind selbst die Pralinen nur Dichtung. Der Anfang, im Rückblick, ist das ja meist, Dichtung.

Aber eines stimmt, Wesentliches hat unter einem Schirm Platz.

Das Bild soll nichts anderes sagen. Höchstens noch, dass sie und er Schirme lieben. Jedenfalls nicht, dass es irgendwo reinregnet. Versprochen.

 

Kleiner grüner Panzerwagen

Es war einmal auf einem weitläufigen Truppenübungsplatz ein kleiner grüner Panzerwagen, der war unscheinbar, dabei meist sehr schmutzig. Das Größte an ihm waren die Räder, das Kleinste das Kanonenrohr. Er war ein Spähpanzerwagen. Und darin war er wirklich gut, im Spähen. Weil er so grün war, nicht nur grün, auch hier und da braun und sandfarben, aber doch in der Hauptsache grün, fiel er, wenn er in einem Gebüsch oder zwischen dichten Bäumen Stellung bezog, um zu spähen, fast gar nicht auf. Nur für den, der gute Augen hatte oder wenn der kleine Spähpanzerwagen doch einmal übermütig schoss aus seinem Rohr, war zu ahnen: Hoppla, da ist er, gefunden! Dann war das Spähen vorbei und schnell zog sich der kleine Spähpanzerwagen zurück, denn das mochte er nicht, so entdeckt zu werden und mitten im Tumult zu stehen und im Lärm, der daraufhin fast immer entstand. Das kleine Rohr, das half hier nicht. Da waren dann die größeren, schwereren, die ausgewachsenen Panzer, die alles plattwalzten und die Büsche und kleineren Bäume niederfuhren und mit ihren sehr langen Rohren zerschossen. Schnell machte sich da der Kleinere aus dem Staub, um nicht etwa in dem ganzen Radau unter die Ketten zu kommen.

Es war mit ihm so, dass er sehr neugierig war. Das musste wohl auch so sein, weil sonst wäre ein Spähpanzerwagen zum Spähen nicht sonderlich geeignet. Und wenn er eben nicht gerade aus Übermut einmal schoss, um sofort danach die Flucht ergreifen zu müssen, so oft kam das nicht vor, aber doch manchmal, dann stand er am liebsten da und schaute sich um. Anfangs beobachtete er allein die anderen bei ihren seltsamen Spielen, ihr Umherrasen und -schießen, am schönsten waren ihm dabei immer die Fontänen von Schlamm, die spritzten, wenn es laut wurde. Die anderen schienen die Fontänen nie zu bemerken, schossen immer weiter, jagten sich weiter, bis sie müde wurden und abends in ihre Garagen fuhren. Der kleine grüne Panzerwagen aber, gut versteckt und noch überhaupt nicht an Schlaf denkend, blieb, wenn alles ruhig wurde und betrachtete von seinem Platz zwischen den Gebüschen und dichten Bäumen aus, Himmel, Sterne und Wolken und horchte nach den Stimmen, die jetzt zu hören waren nach dem Verstummen des Lärms.

Die Nacht war für den kleinen grünen Panzerwagen mit der Zeit das Schönste am Tage geworden. Selbst wenn es regnete, blieb er noch eine ganze Weile, achtete auf das Prasseln der Tropfen, die gelegentlich auf ihn niederfielen.  Da stand er also und spähte. Und fragte sich, was das sei, woher es kommt und wozu es sein soll, Himmel, Sterne, Wolken, die Stimmen und der Regen. Er fand das schön. Einfach so in die Nacht zu spähen, nach dem Tumult des Tages, an dem er eh nie so richtig teilnehmen konnte. Und in so einer Nacht, da konnte er ganz für sich alleine spähen und beobachten. Dieses Allein-Für-Sich-Umschauen brachte ihn in besondere Stimmung, der Lärm von Ketten und langen Rohren verklang, es wurde friedlich. Die Welt sah anders aus.

Ganz langsam, sehr aufmerksam alles betrachtend, was vom Tage übrig blieb und die Nacht hervorbrachte, fuhr er durchs Holz und auch über den Platz, den er am Tage den stärkeren Panzern überlassen musste, und der jetzt übersät war von Detonationsgruben und den tiefen Rillen der schweren Ketten. Allein mit seinen  großen Rädern hatte er da keine Probleme. Dieser Truppenübungsplatz verwandelte sich in so einer Nacht, wuchs bis zu den Sternen und darüber hinaus. Und erst der Tag mit seinem Lärm und den Fontänen von Schlamm, dem Herumfahren und -schießen, an dem der kleine grüne Spähpanzer nicht teilnehmen konnte, noch wollte (oder doch nur hin und wieder in kurz aufblitzendem Übermut), ließ seine Welt wieder schrumpfen auf das, was er immer schon kannte und doch weiter auszuspähen hatte.

Ihn überkam so eine Sehnsucht………..(to be fortgesetzt)

Hunds Lektüre: Monika Maron, „Pawels Briefe“

Ein Lehrer früher, Kraußkopf mit Namen, der wollte einmal von uns das Gegenteil von gut wissen und ein Teil sagte böse, ein Teil sagte schlecht. Kraußkopf sagte aber, alles nicht richtig, gleichgültig wäre das Gegenteil. Das blieb mir in Erinnerung. Warum aber vieles andere nicht? Jedenfalls, in gewisser Hinsicht mochte, was er behauptete, stimmen, da gab ich ihm recht, wenn damals auch nicht gleich und sofort. Ich habe ihn gemocht, aber er war schwierig. Und ich bin selbst immer schon ein Dickkopf gewesen.

Wie komme ich drauf?

Mancher mag ja meine Absichten kennen. Und was diese Absichten angeht, so muss ich mich langsam in ein paar Dingen üben. Ich sollte damit beginnen, über Bücher zu sprechen, die ich für gut halte. Über andere werde ich kein Wort verlieren. Etwa, weil sie schlecht wären? Nein. Für einen guten Leser kann es kein schlechtes Buch geben. Es kann für einen guten Leser nur Bücher ohne Belang geben.

Warum sollte ich über etwas sprechen, das mich nichts angeht, das mich kalt lässt? Das muss übrigens nicht am Buch liegen, dass es nicht berührt. Für den Leser mag das Gegensatzpaar gut-gleichgültig gleichermaßen gelten. Man wird erst zum guten Leser. Oder eben nicht.

Was das Gleichgültige betrifft und das Schlechte, so könnte ich auch anders reden. Wenn ich von gleichgültig spreche, dann weil mir zunächst das Wichtigste erscheint, ob mich eine Geschichte packt, die Sätze mich ansprechen – ohne, dass ich gleich auf den Sinn dahinter käme und ich mich einverstanden erkläre mit dem, was der Autor sagt, oder eben nicht und sofern ich es verstehe. Ich frage mich auch nicht, wie hat er das gemacht. Das kann noch kommen, muss aber nicht.

Ein wichtiges Kriterium ist, ein gutes Buch muss lebendig sein.

Mir ist Aktualität kein Auswahlkriterium (aber auch kein Ausschlusskriterium). Bevor ich mit anderen über ein Buch spreche, suche ich erst einmal das Gespräch mit dem Buch. Wie unter Menschen kann es dauern und braucht es die richtige Stunde für solch eine Vertraulichkeit. Und ein gutes Buch kann warten. Wie der gute Leser.

Im Übrigen ist das alles höchst subjektiv und wahrscheinlich allein der Tatsache geschuldet, dass ich zu langsam bin, um aktuell zu sein. Ich werde also, das sei hier gleichmal gebeichtet, bei einem, der das kann, up-to-date zu sein, ein wenig tricksen müssen. Bitte verratet mich dann nicht, dass ich das gewollte Buch gar nicht kenne und nur improvisiere. Überzeugend werde ich ihm sagen, „es wurde in der XYZ gut besprochen“ und die Verantwortung dafür weiterreichen, sollte es nicht gefallen.

Doch wenn ich den Leser kenne, so wird sich auch das Buch finden, das zu lesen die Zeit ist.

Welchen Leser kenne ich nun am besten? Mich selbst. Selbst dann jedoch finde ich für mich nicht immer das Richtige. Manchmal aber schon. Und habe ich solch ein Buch gelesen, dann kann ich es empfehlen, einem Leser, der ein wenig so ist wie ich selbst. Dann sage ich zu ihm, …

…“das würde ich lesen“ -und es klingt dabei mit-, „wenn ICH es nicht schon gelesen hätte“. Das weiß ich, weil ICH es bereits gelesen habe. Vertrauenssache, wenn er meinen Geschmack kennt und ich dabei ganz ehrlich bin und noch euphorisch genug, dann wird er das Buch schon nehmen.

Die folgende Empfehlung ist an mich gerichtet und an den mir nicht ganz Unähnlichen, doch zumindest wird einer das lesen, der wenigstens mich ein wenig kennt und meinen Geschmack für nicht ganz mißraten hält, was sich in die eine wie andere Richtung sich noch wird ändern können.

Denn, dies noch und dann empfehle ich, ich mag Geschmack bewiesen haben, wird es mir jedoch an den rechten Worten fehlen, so wird mir das alles nichts nutzen und die Empfehlung im Sande verlaufen, ich bliebe damit dem ich sie gegenüber ausspreche gleichgültig, denn nicht jeder gute Leser versteht auch mit Worten umzugehen. Ich mag das hoffen, es möge mir im Falle des Scheiterns dann wenigstens bleiben, ein guter Leser zu sein oder ich wäre weder das eine noch das andere.

Meine erste Empfehlung:

Monika Maron, Pawels Briefe (Suhrkamp-Fischer, 1999, mein Exemplar: Gewicht, 342 Gramm, 204 Seiten, 20 Lesezeichen)

„Mein Großvater stand jeden Morgen als erster auf und servierte jedem seiner Kinder ein Frühstück; für Bruno Tee, Kaffee für Marta, Milch für Hella, Kakao für Paul. Auch als seine Kinder erwachsen, sogar wenn sie arbeitslos waren, und er selbst Arbeit hatte, kochte mein Großvater ihnen, sofern sie früh genug aufstanden, ihre Getränke, und das, wie Hella beteuert, nicht nur an den Sonntagen, sondern wirklich an jedem Tag. (…) Diese Szene aus dem Leben meiner Mutter gehört seit jeher zu meiner Vorstellung von Glück.“, S.25

Wann kann man sagen, dass eine Spurensuche gescheitert ist? Maron versucht in in ihrem Buch, ihren Großvater in ein Leben zu bringen, das sich für sie sinnhaft erinnern ließe. Pawel Iglarz, konvertierter polnischer Jude, der mit seiner Frau Josefa zu Beginn des 20.Jahrhunderts nach Berlin übersiedelt, als Schneider sein Auskommen für sich und seine Familie findet, um 1939 wieder nach Polen ausgewiesen zu werden, 1942 wird er von seiner Frau, die kurz darauf stirbt, getrennt, kommt in das Ghetto Belchatow und wird mutmaßlich bei Belchatow in den Wäldern erschossen oder kommt im Vernichtungslager Kulmhof um. Das sind Eckdaten, das ist kein ganzes Leben „weil man ihn gehindert hatte, es zu Ende zu leben“.

Die Schwierigkeit allerdings ist die, hinter dieser Tragödie sich das „normale“ Leben zu vergegenwärtigen, dass ihr Großvater und seine Frau „Glück“ erfahren haben, den ganzen Menschen zu erkennen.

Und Maron nimmt sich der Aufgabe an und lässt so ein (mögliches) Portrait ihrer Familie entstehen. Sie kommt allerdings immer wieder an den Punkt, zu hinterfragen, wieviel davon Verklärung ist, wieviel Idylle.

„Schon wieder die Idylle? Oder die fatale Asymmetrie der Begriffe? Was verstehe ich von einem Glück, das sich im Überleben erfüllt?“, S.55 Was kann Sie wissen und wie es beurteilen, die sie in einer anderen Lebenswelt aufwächst und in ihren Versuchen auf die Erinnerungen anderer zurückgreifen muss. Und immer wieder die Neigung, die (großen) Lücken mit eigenen Weltvorstellungen zu füllen. Es läuft darauf hinaus, dass Erinnerung immer schon Interpretation ist, deswegen jedoch nicht weniger wahr.

Doch wenn da eine noch größere Lücke sich auftut, weil eine ganze Generation für einen verloren ist, wie holt man sich da die Erinnerungen und weiß, so wird es gewesen sein. Und wie sehr kann man sich verlassen auf das Zeugnis Dritter, selbst bei denen, die einem nahestehen, die doch ihrerseits Vorstellungen und ganz eigene Erinnerungen haben, „Interpretationshoheit“, wie es Marons Mutter Hella für sich in Anspruch nimmt.

„Kindlichen Ich-Erzählern in der Literatur, sofern sie nicht durch eine besondere Begabung legitimiert sind wie Oskar Matzerath oder sofern sich der Bauchredner, als dessen Puppe sie agieren, nicht zu erkennen gibt, begegne ich fast immer mit Widerwillen; autobiographischen Kindheitsbeschreibungen mißtraue ich ganz und gar, meinen eigenen auch. Ich erinnere mich wenig an meine Kindheit und habe trotzdem eine genaue Vorstellung von ihr. Wie die meisten Menschen habe ich mich in meinem Leben hin und wieder gefragt, warum ich wohl geworden sein könnte, wie ich bin, und habe mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Antworten gegeben. Vielleicht habe ich dabei die kleinen Szenen und flüchtigen Skizzen den großen Gemälden geopfert, die ich mir in wechselnden Stilarten von meiner Kindheit gemalt habe.“, S.166

Es ist nicht allein die Frage, wen vorzufinden in der Vergangenheit möglich ist, sondern auch, ob es am Ende nicht allein die Person ist, die man vorzufinden die Absicht hatte. Und so ist die Frage für Maron, glaube ich, nicht so sehr, ob für sie die Spurensuche, die sie bis nach Polen und den Lebensstationen ihrer Großeltern führt, erfolgreich ist, sondern, ob sie es hätte überhaupt sein können.

„Ich neige dazu, den Zufällen und spontanen Entscheidungen der Vergangenheit zu unterstellen, sie seien insgeheim schon immer einem sich viel später offenbarenden Sinn gefolgt, und ich befürchte, es könnte ebenso umgekehrt sein: weil man das Chaos der Vergangenheit nicht erträgt, korrigiert man es ins Sinnhafte, indem man ihm nachträglich ein Ziel schafft, wie jemand der versehentlich eine Straße ins Leere gepflastert hat und erst dann, weil es die Straße nun einmal gibt, an ihr beliebiges Ende ein Haus baut.„, S.13

Mir ist beim Lesen öfters der Gedanke gekommen, dass wenn es Antworten sind, die wir suchen, wenn wir uns erinnern wir die Fragen finden, die nötig sind. Für unser Leben. Und die Erinnerung derer, die nach uns kommen.

Dieses Buch habe ich mit großem Interesse gelesen, dieses Buch, in dem sich Maron auch mit ihrer Mutter Hella, einer überzeugter Kommunistin, auseinandersetzt, die, Monika war bereits auf der Welt, Karl Maron heiraten sollte, später Innenminister der DDR.

Nach „Animal Triste“ das zweite Buch von Maron, das mich überzeugen konnte. Es kam zur rechten Zeit.