Das Geheimnis hinter Herr Hund

Sicherlich haben Sie sich schon einmal gefragt, woher es kommt, dass Sie voller Glücksgefühle sind nach der Lektüre eines Hund-Beitrags? Dass Sie angeregt von der wohlfeilen Art, in der der Beiträger es verstand, Gefühl und Intellekt gleichermaßen zu verwöhnen, zu wachsen schienen, zuletzt mit dem Kopf über den Wolken und den Sternen so nah? Dass Sie eine Leere verspürten, klang dann doch bedauerlicherweise die Euphorie einmal ab, und Sie sich nun mit weniger zufriedengeben mussten, weil die Pausen lang waren und man ja dennoch lesen wollte, so also zu Fast-Read-Ware griffen, aber unbefriedigt blieben, das nächste Hundsprodukt zu lange auf sich warten ließ, dass Sie wieder dieses einzigartige Erlebnis  in Händen halten würden um dann in noch größere Verzückung zu kommen? Wollen Sie es wissen?

Es ist die Natürlichkeit in Herr Hunds Beiträgen, es ist die Sorgfalt, mit der er jedes einzelne Wort hegt und pflegt. Dem Firmengründer war von jeher wichtig, dass man weiß, woher seine Produkte kommen. Nicht einmal regional war ihm genug; nein, konsequenterweise cerebral sollte es, nein, musste es sein, denn da war der Firmengründer bei sich, da konnte er selbst ein Auge darauf haben.

Die Gedanken, die zweite wichtige Zutat in Herr Hunds Produkt, sie sollten bis zu ihrer Quelle bekannt sein. Das war und ist bis heute noch Herr Hunds Gehirn und diese Nachvollziehbarkeit der Produktionswege ihm eine goldene Regel. Alle kennt er sie beim Namen, wobei es mittlerweile recht viele geworden sind. Gedanken haben es gut bei ihm. Und selbstverständlich sind alle freilaufend, fressen pickend das, was ihnen vor den Schnabel kommt, werden fett dabei und werden, wenn sie die notwendige Reife erlangt haben, für das, was so zahlreichen Lesern solche Freude bereitet, genussvoll ausgeschlachtet.

Mit Freude ist man bei Herr Hunds Beiträgen an der Arbeit. Soziale Verantwortung gegenüber sich selbst wird großgeschrieben. Nie wäre festzustellen gewesen, dass je ein Beitrag unter Zwang bzw. menschenunwürdigen Bedingungen produziert worden wäre. Die Gewissenhaftigkeit ist es dabei auch, die eben die hohe Qualität des Produkts gewährleistet. Alle, die daran beteiligt sind, ich selbst, sind eine große Gemeinschaft und Familie. Unter jedem von mir wird deshalb alles, was an Lob und Stern vom Konsumenten kommt, gerecht aufgeteilt bzw. kommt in eine gemeinsame Kasse, um etwa einmal im Jahr in den Zirkus zu gehen.

Alles ist reiner Hund. Ist Natur. Nein, nicht allein pflanzlich, aber ausgewogen  in der Zusammensetzung. Herr Hund bewies hier schon immer seinen Geschmack.

Für die Zukunft sehen die Planungen voraus, weitere Geschmacksrichtungen auf den Markt zu bringen. Denn es ist wichtig, sich den verändernden Bedürfnissen der Leser anzupassen, Trends im Leseverhalten aufzunehmen, ohne aber das eigene, wertgeschätzte Profil zu vernachlässigen. Es heißt hier, wachsam zu bleiben, immer vorneweg dabei zu sein. Und niemals darf es mit dem Produkt Hund soweit kommen, dass es langweilig und gewöhnlich wird.

Deshalb wurde jetzt auch die Marketingabteilung des Unternehmen Hund ausgebaut, wurden Experten hinzugewonnen, die den Markt im Auge behalten. Einer von ihnen könnte demnächst auch bei Ihnen klingeln.

Wie es ist -und da sind die größten Problem für das Produkt Hund- mit dem Wachstum der Marke werden Ausbau von Vertrieb und Logistik immer wichtiger. Bisher wurden die Texte in der Hauptsache im Bett geschrieben, das Notebook war nur geliehen. Es ist eine weitere Niederlassung am Küchentisch angedacht, sowie die Anschaffung eines Zweitrechners. Expansion ist eine gefährliche Schwelle. Allzu häufig geschieht sie auf Kosten der Qualität. Die nächsten Messen, etwa in Frankfurt, werden zeigen, ob  das Produkt unter diesen neuen Voraussetzungen weiterhin ein Highend-Wasauchimmer-Liebhaber-Luxus-Artikel bleibt oder verliert. Beide Seiten, Produzent und Verbraucher, dürfen gespannt sein.

Die Qualität soll erhalten bleiben. Zahlreiche Belege beweisen, mit Hunds-Beiträgen ist bereits ein hohes Level erreicht. Aber was sagen die Konsumenten? Bestätigen sie, was hier behauptet wird:

Unknown

Für mich sind Hunds-Beiträge wie ein Jungbrunnen, jedes Mal. Nur schade, dass sie bislang nicht ins Japanische übersetzt wurden

Hans Meier

Ich hatte schon immer ein geringes Selbstbewusstsein. Aber seit ich Hunds-Beiträge regelmäßig lese, werde ich stets mit einem Filmschauspieler verwechselt. Und es bekommt mir gut.

 

 

 

 

 

 

In der Mittagspause

Ich hatte nie viel zu lachen. Zu sehr nahm mich mein Job in Anspruch. Seit der Lektüre von Hunds-Beiträgen bin ich viel lockerer und weniger verbissen und (lacht) gönne mir etwa auch einmal einen Keks.

Marcel

Mir war es leider nie vergönnt, Hunds Beiträge zu lesen. Verlorene Zeit, denn ich hätte sicher viel lernen können.

Tischer_von_Arabien

Hunds Beitäge? Pah. Texte? Pah Pah.

Das zufriedene Leser von Hunds Beiträgen. Der eine Unzufriedene wird schon noch überzeugt werden. Vielleicht sogar schon mit dem nächsten Beitrag von Hund.

Natürlich. Cerebral. Fair.

Weil Sie es uns wert sind.

 

 

 

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 9: Auto(r)mat

Mein Nachbar kann löten, ich schreib ihm Briefe und Grußpostkarten, Es war naheliegend, dass er mir bei der Umsetzung meines Plans helfen würde.

Irgendwann, Herrschaften, muss man sich entscheiden, entweder ein sehr guter Autor zu sein oder löten zu können. Für mich war das damals kein Thema. Und um ein wirklich, wirklich guter Autor zu werden, verzichtete ich auch gleich auf das Schrauben. Also sehr sehr gut und anbetungswürdig schreiben ja, löten und schrauben nein. An den Texten von einigen von Ihnen habe ich schon vor längerer Zeit erkannt, das sind Löter und Schrauber. Die Qualität war entsprechend zweideutig. Denjenigen kann ich nur raten, suchen Sie therapeutische Hilfe. Es ist möglich, aber ein steiniger Weg.

Sie müssen wissen, bedeutsame Autoren sind noch nie in der Lage gewesen, eine Glühbirne einzudrehen. Ein Dichter ist mir im Baumarkt noch nie begegnet. Weil ich natürlich selbst dort nie anzutreffen bin. Hemingway soll einmal etwas geschnitzt haben. ich halte das für Legende. Hesse soll in Indien das Töpfern gelernt haben. Wenn es stimmt, haben seine Texte sehr darunter gelitten. Den Nobelpreis hätte er später nicht mehr bekommen dürfen.

Ich aber will und werde ihn bekommen und bin zu diesem leichten Opfer schon immer bereit. Mir kommt keine Keramik dazwischen, Baumärkte umfahre ich weitläufig. Es fehlt zum Ziel nicht mehr viel.

Es gab diese Episode in meinem Leben, da hatte ich mich im Urlaub von einem ambitionierten Animateur zum Korbflechten überreden lassen. Was soll ich sagen, die Texte, unmittelbar nach dem Urlaub verfasst, waren schlichtweg Scheiße. Ein unrühmliches, doch zum Glück kurzes Kapitel.

Eines will ich nicht verschweigen: es kann die Zeit kommen, da wird man einen Partner haben, die Phase der Liebesgedichte ist längst passé, er/sie will stattdessen, dass man beim Montieren des IKEA-Regals hilft. Da wird Geschick erforderlich sein, um sich aus dieser Situation hinauszumanövrieren und doch den Partner zu behalten. Mein Glück damals ist gewesen, von einem befreundeten Arzt ein entsprechendes Attest bekommen zu haben: Dichter, chronisch. Da ließ sie mich in Ruhe, schaute mich nur gelegentlich ganz mitleidsvoll an. Ich hab das nie verstanden. Das mit dem Regal hat sie übrigens ganz gut allein hinbekommen, Transport und Montage.

Und weil ich also Text-, kein Handwerker bin, mein Nachbar aber schon, war mein Beitrag der Plan, denn in der Theorie kann ein Autor alles. Er war bereit, weil er wusste, er war mir etwas schuldig. Viele Briefe an Sophie, Gerda, Monika und das Finanzamt hatte ich für ihn geschrieben; die Grußkarten vom Gardasee und von Usedom und die zu den Festtagen Ostern und Weihnachten waren stets ein voller Erfolg gewesen.

Arbeitsteilung.

Wir schlossen uns ein. Ich erzählte ihm, beschrieb die notwendigen Schritte, zitierte koreanische Betriebsanleitungen. Und er lötete. Einige Kannen Kaffee wurden geleert. Wir haben uns nicht rasiert, nicht die Kleidung gewechselt und nur sehr wenig geschlafen. Im März hatten wir begonnen. An Ostern schüttelte ich mir kurz einen Postkartengruß für seine Familie aus dem Ärmel, Anfang Mai waren wir fertig. Gottseidank, denn der Lötzinn war alle.

Das war die Hardware, ich machte mich zugleich daran, die Software zu installieren. Die Werke der Autoren, die ich gelten ließ, sprach ich über ein Mikrophon ein: den gesamten Shakespeare, Henry James, Tim & Struppi und der Sonnentempel etc.. Auch einige „Jugendsünden“ von mir selbst würden Teil des Programms sein. Mein erstes Da-Da-Gedicht mit eineinhalb etwa; ich schlug danach zwar einen komplett anderen Weg ein, mehr ernsthaft, doch wollte ich es nicht ignorieren. Es war gut genug. Dieser Autormat sollte meine Fähigkeiten, mein Vermögen weitest gehend lückenlos in seinem Speicher haben, damit er in Abwesenheit meiner Person mich würde gänzlich vertreten können.

Und er funktionierte. Ein paar Kabel und irgendwelche Chips, der Schlauch von einer alten Waschmaschine, eine Kuckucksuhr, Holz und Pappe, und ein verrostetes Fahrrad. Ein wenig dachte ich anfangs schon, das klappt nie. Doch hatte ich wohl mehr als nur dieses eine augenscheinliche Talent.

Diese Apparatur wird mich also vertreten. Sie müssen wissen, mein Terminplan ist voll. Nicht immer werde ich hier vorne stehen können. Lesungen, Vorträge, das Freibad, das seit letztem Wochenende wieder geöffnet hat. Termine. Sie können sich aber darauf verlassen, es wird Ihnen nicht zum Nachteil sein. Die Kursgebühren bleiben allerdings die gleichen.

Eine Sache noch zum Antrieb. Mir war bei der Umsetzung des Plans Nachhaltigkeit sehr wichtig. Uranbrennstäbe, Diesel oder Duracell-Batterien kamen nicht in Frage. Sie sollten in ökologisch freundlicher Atmosphäre lernen. Deshalb kam ich auf die Idee, den Apparat durch Menschenkraft anzutreiben. Auf diesem Fahrrad wird einer von Ihnen Platz nehmen und für die Dauer einer Kursstunde in die Pedale treten. Die Kraft überträgt sich über diese Riemen, ein Blasebalg kommt dadurch in Gang, der Autormat beginnt zu sprechen. Wechseln Sie sich am besten ab, jede Woche ein anderer.

Doch bleiben Sie stets in einem angemessenen Tempo. Zu langsam, zu schnell der Vortrag und sogar Shakespeare verliert an Ausdruck und Ernst. Lernen Sie poetisches Gleichmaß durch Treten. Eine gute Übung sicherlich.

Ich will nicht zu oft fehlen. Das Menschliche ist am Ende zu wichtig. Eine Maschine wie diese wird niemals ganz mich ersetzen können. Da sind Kleinigkeiten, Zwischentöne, kaum wahrnehmbar, doch machen sie den Unterschied aus. Es ist ein Behelf, nichts mehr. Und wahrscheinlich nur ich selbst hätte so eine Maschine entwerfen können.

Löten tun andere.

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 6: Langer Atem und Mundgeruch.

Bitte setzen! Willkommen zu Lektion sechs.

Zum heutigen Thema haben wir einen Gast, auf seinem Gebiet ein Fachmann und für unsere Fragestellung der richtige Mann. Er ist Zahnarzt, wurde nachdrücklich gebeten, an unserem Seminar teilzunehmen, findet die ganze Angelegenheit aber ziemlich blöde und möchte deshalb anonym bleiben. Gut, das respektiere ich. Und sie sollen es bitte auch. Es werden also in der Folge keine Fragen zu seiner Identität beantwortet. Und der Sack über seinem Kopf bleibt da, wo er ist. Fangen wir lieber an. Zeit ist kostbar.

– Fred (Name wurde von mir geändert), ist Mundgeruch gut?

– Können Sie die Frage wiederholen? Unter dem Sack hört man so schlecht.

– FRED (Name wurde noch immer von mir geändert), IST MUNDGERUCH GUT?

– Nein.

– Danke Fred (sie erinnern sich? geändert, genau.) Sie dürfen gehen.

– Bitte?

– Gehen.

– Was?

– Verpiss dich, Fred (geändert, ja. muss ich das ständig wiederholen?) !

– Danke, sehr freundlich.

– Und halt’s Maul!

– Schon gut, ich verrate nichts, so wahr ich…….

– ….ah, red nicht weiter Fred (Mein Gott, das sollte jetzt wohl jeder begriffen haben, DAS IST NICHT SEIN RICHTIGER NAME!!!!!). Geh einfach!!! Einer von den Schülern bringt Dich raus. Und der Sack kommt erst draußen wieder runter, klar?

– Ja, ja, Ciao! Hoffe, ich konnte helfen.

– Bringen Sie ihn bis nach draußen, Herr….wie war der Name…McGuffin. Danke. Machen Sie schnell, damit wir weitermachen können. Und der Sack bleibt drauf, klar? Die Handfesseln können Sie ihm lösen. Aber erst draußen.

Ja, das also unser Gast. Fassen wir zusammen: Mundgeruch ist nicht gut. Und wenn Sie mir nicht glauben wollen, ihm können sie es. Was heißt das nun aber für Ihr Schreiben? Natürlich ist auch wichtig, einen langen Atem zu haben. Die Wege zum Olymp sind steil, lang und schlecht ausgebaut, Ausdauer also nicht ganz unwichtig. Die Aussicht von dort oben lohnt aber die Anstrengung, wenn auch die Mieten aufgrund der guten Lage exorbitant sind. Konnte mir selbst nur ein Zwei-Zimmer-Appartment mit Blick auf den Hof leisten.  Ich habe zwar das richtige Werk, aber den falschen Verleger für allerbesten Wohnkomfort auf dem Olymp. Immerhin gibt es einen ganz guten Bäcker. Und für die Eltern unter Ihnen, es sind noch Kitaplätze frei. Falls Sie es schaffen sollten, bevor die Kinder aus dem Haus sind.

Neben dem langen nicht ganz unerheblich oder sogar noch wichtiger ist frischer Atem. Wenn Ihre Texte nach alten Socken, Kebab, überhaupt Unverdautem oder noch viel Schlimmerem riechen -man schreibt nämlich nur einmal über Feuchtgebiete und hat Erfolg damit-, wird der Dialog zwischen Ihrem Text und seinem Leser im besten Fall zu Brechreiz, im schlimmsten zur Vollnarkose führen. beim ersteren mag noch ein Putzeimer (ach ja!!!) helfen. Ist der Leser aber einmal ins Koma gefallen, hilft auch kein Prinz mehr. Und wenn Sie hundert Jahre darauf warten.

Seien Sie also darauf bedacht, dass Ihre Gedanken frisch sind (aber nicht steril bis aseptisch, ihre Geschichte sollen nicht die Abenteuer des Meister Propper und dem Weißen Riesen erzählen, es geht hierbei nicht um Colgate-Frische); ebenso dürfen Ihre Worte nicht abgestanden sein. Originalität, um der Frische mal einen griffigen Namen zu geben, bedeutet nicht, der Erste zu sein, sondern bei sich den Anfang zu finden, die Quelle. Schöpfen Sie aus sich selbst, ist es nämlich ganz gleich, ob es ein Fünfzeiler ist oder ein Unendlicher Spass (in der englischen Übersetzung Infinite Jest) werden soll. Es ist neu, es ist frisch, es riecht nicht nach faulen Eiern. Beste Vorraussetzungen also, um für frischen Wind zu sorgen.

Wenn ich Sie jetzt verabschiede bis zur nächsten Woche, mit dem Zusatz „in alter Frische“, dann verlange ich in erster Linie nicht, dass Sie zur nächsten Stunde geduscht, mit geputzten Zähnen und deodoriert erscheinen sollen, obwohl es schon schön wäre. Sie sollen mit sich ausgemacht haben, wer bin ich, was will ich und lohnt es sich für mich noch, weiter Kursgebühren zu bezahlen? Finden Sie Ihre Quelle und trinken Sie.

Und entschuldigen Sie mein esoterisches Schlusswort. Kann sein, es riecht schon ein wenig.

Ciao!

 

 

 

Ich gebe euch Zeit für eine kurze Werbeunterbrechung

Mann 1: „Hey! Sag mal, wenn Du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest Du alles nochmal genauso machen?“

Mann 2: „Nicht ganz. Ich würde von Anfang an nur noch Texte von Herrn Hund lesen.“

Mann 1+2 lachen

Texte. Herr Hund

 

Ich danke Fielmann dafür, dass sie mir für eine wichtige Botschaft ihren Werbetext überlassen haben. An die Leser: Einiges ließe sich noch korrigieren. Nutzt die Zeit, die bleibt. Aber bevor ihr jetzt losrennt. Nein, leider, aber Texte von Herrn Hund gibt es nicht beim Optiker.

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 5: Heroismus

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Guten Tag, Herrschaften. Wie ich sehe, sind heute einige Plätze leer geblieben. Der Sommer lädt zwar ein, seine Zeit lieber draußen im Wald und an den Gewässern zu verbringen, doch hatte ich den Glauben, jeder von Ihnen wäre daran interessiert, seinem Talent, wäre es auch noch so klein und unscheinbar, in meinem Seminar den einen entscheidenden Schliff zu geben, sich selbst als ernst zu nehmender Autor mit meiner Geburtshilfe zur Welt zu bringen, sich darin Bedeutung zu verschaffen und erst wieder das Podium zu verlassen, wenn die Messe, also alle Ihre Werke gelesen wären. Nun, die Draußengebliebenen werden sehen müssen, wie sie den Stoff, der ein hochwertiger ist, wieder aufholen. Aber, das werde ich prophezeien können, diejenigen, die in diesem Moment an ihren Eistüten hängen, in ihren Badeanzügen und Badehosen sich im Sand suhlen, auf quietschroten Luftmatratzen in Baggerseen stechen, diese werden später lange nicht so hohe Auflagszahlen erreichen wie Sie, meine treuen, gehorsamen Schüler.

Doch wenn auch Sie einmal den Drang verspüren, es zugunsten einer faulen Gelegenheit schleifen zu lassen, nicht Ihr Talent zu einem funkelnden Diamanten, sondern die Zeit, die, wenn ungenutzt, Ihr Talent zwangsläufig aushöhlt, wenn Sie also es einmal ruhig angehen lassen wollen, denn bis morgen wäre auch gut verschoben und warum dann nicht gleich bis zur nächsten Woche, nächsten Monat und für die Buddhisten unter Ihnen, bis zum nächsten Leben, wenn Sie also Ihr Talent ruhigstellen wollen, als wäre es ein tollwütiger Hund, um einmal verschnaufen zu können von der anstrengenden Arbeit, die ein solch heikler Patient erfordert, ist das zwar Ihr gutes Recht, im Ergebnis sähe es dann jedoch weniger gut aus. Aber gut, es können neben diesen Bequemlichkeiten andere durchaus ernst zu nehmende Dinge eintreten, die einer Beförderung Ihrer Talente hinderlich sein könnten.

Das Leben ist so ein Faktor und jeder guten Literatur ein Ärgernis. Wie wäre die Literatur gut, wenn es das Leben nicht geben würde. Was hätten uns die großen Autoren noch alles sagen können, wenn Sie nicht hätten dreimal am tag hätten essen müssen oder schlafen oder eine Ehe führen oder auch nur den Hund ausführen oder welche schlachten, oder oder oder……… Sehen Sie sich vor. Versuchen Sie so gut es geht, das Leben zu vermeiden. Schreiben Sie. Wenn Sie es ernst meinen, dienen Sie einzig und allein Ihrem Talent und schreiben Sie. Und schaffen Sie sich auf keinen Fall ein Haustier an. Ist das zu viel verlangt? Nein und doch ja. Denn wie Sie hier sitzen, müssen Sie wissen, dass auch die wirklich großen Geister ein Leben hatten. Wenn man es versteht, Ihre Werke genauestens zu studieren, wird man feststellen können, wo das Leben der möglichen absoluten Größe in die Quere kam. Stellen Sie sich vor, Schopenhauer hätte nicht ein Techtelmechtel mit seiner Haushälterin gehabt, man hätte ihm fast folgen wollen? Oder Thomas Mann, dieser feine Herr mit seinen ein, zwei Schwächen, was hätte er ohne diese aus seinem Zauberberg nur machen können? Und nicht zuletzt der Titan unter den Autoren, Oliver Kahn, wie vertikal hätte er mit seinem Werk tief eindringen können in die Wahrheiten des Daseins, wenn er nicht nebenher noch hätte Fußball spielen oder moderieren wollen? Es ist traurig und tragisch. So bleiben uns von diesen großen Geistern nur Unvollkommenes, Fragmente. Und warum? Des Lebens wegen, von dem sie alle nicht lassen konnten.

Begehen Sie nicht denselben Fehler. Seien Sie heroisch und entsagen Sie dem Leben. Existieren Sie einzig für die Literatur. Wenn es sein muss, orientieren Sie sich an einem Vorbild, wie ich eines bin. Es wäre eine kostenlose Zugabe. Sie nehmen mir nichts dadurch. Ich kann es tragen. Greifen Sie zu. Aber wenn Sie den Schritt gehen wollen, Ihr Leben für das Werk auf’s Abstellgleis zu stellen, verspreche ich Ihnen, Sie werden auf das Herrlichste dafür belohnt. Heute  und morgen vielleicht nur mit den prächtigsten Kommentaren, durch die nachkommenden Generationen jedoch mit Plätzen und Straßen, die Ihren Namen tragen, mit verzweifelten Abiturklassen und atemberaubend langweiligen Theateraufführungen und Lesungen und nicht zuletzt mit Preisen an lebende Autoren, die sich an Ihrem Werk, nicht Ihrem Leben, orientieren.

Was für Aussichten sind das, oder? Herrlich.

Die Stunde ist rum. Wir haben nicht überzogen, sehr gut. Bis nächste Woche also und versuchen Sie einmal, heroisch zu sein. Bauen Sie sich Ihre Festung der Einsamkeit und wenn schon Kontakt zur Welt, dann nur um sie durch Ihr Werk zu retten. Das Leben bleibe dabei bitte außen vor. Meiden sie es. Es ist wie Kryptonit und schwächt Sie, Ihr Werk. Halten Sie Ihre biographische Identität geheim. Einzig Ihr Werk zählt.

Sie entschuldigen mich jetzt aber, ich muss zu meinem Bowlingabend.