Kurzes Absurdes zu Liebe und Leben

Dass Menschen sich ändern bzw. schon ganz anders sind, als man es sich vorstellt, das ist eine solche Wahrheit, die zu erklären sich erübrigt. Nicht, dass wir davon lassen könnten, nach den Gründen zu fragen. Doch oft genug stellt man die Frage so, als wäre da eine Möglichkeit, es könnte ja auch ganz anders sein, nämlich gemäß der Vorstellung, die man bereits hat.

Ja, Du änderst dich, doch bleibe, wer Du bist – für mich. So oft wird Liebe zu einer liebgewonnen Gewohnheit. Und was nicht (mehr) passt, wird passend gemacht. Die „pictures of you“ haben einen Rahmen von bestimmter Größe. Ich will die Liebe nicht kleinreden. Sie ist, was sie ist.

Das Leben aber auch. Es ist Veränderung. Viel stärker bricht sie hervor, wenn sie zurückgehalten und unterdrückt wurde, aus Rücksichtnahme, Tradition, wegen dem, was sein darf oder von einem erwartet wird. Nichts gegen die Liebe. Man darf nichts gegen die Liebe haben. Sie ist eine natürliche Angelegenheit. Nichts allerdings gegen die eigene Natur, nichts gegen die des Anderen. Sie ist es noch mehr.

Und wenn der geliebte Mensch nun ein anderer wird, so wird man sich -oft bis über eine Grenze hinweg- eine ganze Zeitlang nach eigener Vorstellung zu arrangieren versuchen mit diesem neuen Umstand, als wäre es, wie es zuvor gewesen ist. Man sieht, man weiß und gesteht sich doch nicht ein, auf diese Weise wird es nicht gehen. Die alten Kleider passen nicht mehr.

Und selbst wenn man -bis zum Irrsinn- wird festhalten können, auch weil die Liebe beim Anderen noch fortbesteht, so wird’s die „feindselige Welt“ vielleicht nicht wollen.

Ich liebe meine Fähe, darum kann ich glücklich sein, wenn ich sie sehe, sie aber tut gut daran, nach den Regeln ihrer eigenen Art glücklich zu sein.

Mr. Tebrick liebt seine Frau. Die sich in eine Füchsin verwandelt. Die Liebe dauert fort. Verzweiflung und scheinbares Glück wechseln sich ab. Bis ans Ende erzählt ergibt sich daraus eine Absurdität, die eine erschreckend einfache Wahrheit bereithält, dass auch wenn man es weiß, man sehr oft nicht anders kann.

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Es ist schön, wenn einer wohl rät, was einem gefallen könnte. Wenn angenommen wird, man wüsste ein paar nützliche Worte dazu zu verlieren. Zu dieser Erzählung stimmt Ersteres bestimmt, Letzteres kann ich mir nur wünschen. Doch selbst wenn meine Erklärungen zu dem Buch falsch sein sollten, das Buch hätte es unbedingt verdient, trotzdem gelesen zu werden. Dass ich aber hoffe, ein paar Dinge angesprochen zu haben, die in dem Buch zu finden sind und nicht nur lediglich es zum Anlass nahm, eigenen Vorstellungen nachzuhängen – selbst wenn meine Natur danach ist.

David Garnett – Dame zu Fuchs, Dörlemann

Und wer ganz sicherlich nützliche Worte zu dem Buch vorfinden will, siehe Literaturen 

 

Glück / Wehmut

Wo ist Glück? Wo auf der anderen Seite Wehmut ist. Der Moment damals im Jardin du Luxembourg, Kinder und ihre kleinen Schiffe, der Mann, der mich zu einer Schachpartie einlud -leider musste (?) ich ablehnen, zu dürftig mein Französisch-, und dann der aufkommende Wind, es war bereits Anfang Oktober, lange konnte ich nicht sitzen und beobachten. Ein glücklicher Moment.

Glücklich. Stimmig. Doch ging vorüber.

Wie am Nachbartisch sitzend, verfolge ich nun die Szenerie. Eine alte Frau, eine junge, Alice und Julie, Alice vermisst Vicente, der sie sonst bediente, Julie wartet auf Gerard, es war ihr erster Tag im Le Refuge.

Nicht in dem Sinne, aber doch, habe ich mich in diese kurze Erzählung von Ulrike Ulrich auf’s Heftigste verliebt. Es wird vergehen. Aber noch sitze ich da, beobachte die beiden Frauen, doch nicht nur sie. Es ist dieser Moment, schwebend, das große Wort „Harmonie“ kommt einem in den Sinn, nie ist das Leben ja perfekt. Und muss es nicht sein.

Julie wartet. Alice hat gewartet, ob Frédéric sie noch wird lieben können. Bis Frédéric sich ihr offenbart hat.

Alice denkt an die Zeit, als sie endlich mit dem Warten aufgehört hat, sie hat trotzdem nicht aufhören können, Frédéric zu lieben. Sie hatte bloß mehr Zeit für andere Dinge. (…) Dass er sie jetzt doch noch verlassen wird. Vielleicht sollten sie noch einmal zusammen wegfahren. Wenn die Pflegerin mitkäme (…)

Und Julie wartet auf Gérard. Jeden Tag, dass er sie abholt. Dass es anders wird. Im nächsten Jahr, wenn er mit seiner Arbeit fertig sein wird. Bis dahin…

Alles in der Schwebe, alles kann noch so oder so sein. Im Café, für Momente, Kommen und Gehen, immer derselbe Tisch, die Kollegen, der Treppenaufgang der Metro-Station gegenüber, Kommen und Gehen. Warten. Doch irgendwie gemeinsam.

Wie es immer ist.

…und als gäbe es hier nicht genug Gründe, an alte Zeiten zu denken, hat ihr Café jetzt auch noch eine wartende Frau, die Alice so sehr an sich selbst erinnert, dass sie den Rosé beinahe wieder so schnell trinkt wie damals, als sie ihr Tempo an Frédéric anpasste, als sie hoffte, das gemeinsame Trinken würde sie zur Erfüllung führen. Jetzt trinkt er nicht mehr. Jetzt trinkt nur noch sie.

Es gibt wohl zwischen Warten und Erinnerung nur kurze Momente des Glücks. So klein klingt es. So verschwindend klein. Und wenn der frischverliebte Tony, ein Kollege von Julie zu tanzen anfängt, weil er frisch verliebt ist in den Obstverkäufer und diese Liebe erwidert wird, dann soll nicht mehr erwartet werden. Tanzen ist auch nur ein Schweben.

Das macht Vieles leichter. Jeder lechzt danach. Jeder hofft darauf und sucht darin Erfüllung. Und lebt dewegen vielleicht in falscher Erwartung darauf hin, ganz sicherlich. Aber ginge es anders?

Die Erzählung, sie war ein kurzes Verliebtsein, ein Schweben und Tanzen, und wenn ich mich versteigen darf, bei aller Traurigkeit ein perfekter Moment von Glück. So lange es dauerte.

Doch irgendwann nimmt man einen letzten Schluck, zahlt, steht auf und geht nach rechts oder links. Auf diese Erzählung der Autorin folgen noch Weitere. Ich versuche, meine Erwartungen zu dämpfen, beinahe ängstlich, weiterzulesen.

Nein, erst morgen wieder. Es war für den Moment zu schön im Le Refuge.

Draussen um die Zeiteiner Erzählung der Autorin Ulrike Ulrich aus: Draussen um die Zeit, luftschacht-verlag 2015

Siehe Rezension in der NZZ

Und für die später Hinzugekommenen, also auch für mich bei einer wertgeschätzten Bloggerin Weiteres Positives zum ganzen Band.

 

Bildbesprechung

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Das Wesentliche passt unter einen Schirm. Sie, er, ein Buch, ein paar gute Pralinen. Nicht der Schutz gegen den großen Sturm, gegen ein paar Tropfen sehr wohl, das Prasseln angenehm, beide stehen da, lauschen, sie ist bei ihm eingehakt, er hat eine Hand in der Seitentasche seines Jacketts, ein wenig hält er sich am Buch, das darin steckt, fest. Wenn das Leben ihm zu nahe tritt, tut er das. Und wann tut das Leben das mehr, als wenn es mit der Liebe kommt.

Unter einem Schirm hat auch die Liebe Platz.

Das könnte ein möglicher Beginn der Geschichte sein. Ich weiß nicht mehr, ob es geregnet hat, Und ein Jackett hatte ich nie. Lieber sind mir eh Strickjacken. Aber irgendwo wird sie sich eingehakt haben, das ist belegt. Wahrscheinlich sind selbst die Pralinen nur Dichtung. Der Anfang, im Rückblick, ist das ja meist, Dichtung.

Aber eines stimmt, Wesentliches hat unter einem Schirm Platz.

Das Bild soll nichts anderes sagen. Höchstens noch, dass sie und er Schirme lieben. Jedenfalls nicht, dass es irgendwo reinregnet. Versprochen.

 

Mein Lieblings-T-Shirt ODER Wenn man nichts zu schreiben hat, kann Mann jedoch noch Liebenswertes über sein T-Shirt sagen, interessiert es auch keinen

Es wird mit jedem Waschgang weniger. Und was es bedecken soll, wird mehr. Den Eifelturm hält Farbe zusammen, mein Lieblings-T-Shirt Schweiß. Ich kann darin ganz toll scheiße tanzen; es fühlt sich niemals peinlich an.

Da ist nicht Bayern drauf, kein Spruch, nicht Metallica, nicht Iron Maiden, obwohl doch, so fast. Es ist mit mir, wenn auch in entgegengesetzter Richtung alt geworden. Es würde immer zu mir nach Hause finden, sollte ich es……nein, das geschieht niemals.

Keine Alt_Kleider-Sammlung, lediglich ein wertvollstes Stück. Es reicht, zu wissen – gemeinsame Tourdaten im Leben, Gott, was haben wir durchgemacht. Das schweißt zusammen.

Keiner Sie hätte ich es je überlassen. Damals nicht. Und die Sie nun, sie wird mich mit ihm teilen müssen und es beim Waschen schonen; alles andere wird von mir als Tatbestand Eifersucht ausgelegt. Versuch es lieber gar nicht, dann kommen wir miteinander gut aus.

T-Shirt, jetzt sag ich es Dir einmal, alle sollen es lesen: ich glaub, ich liebe Dich.

Ein Bild?

Zu intim, uns beide zu sehen. Wir bleiben für uns, gerade heute. Zu persönlich. Aber einen Fingerzeig, nun gut, ein wenig, das dann doch, um zu verraten, was vorne zu sehen ist, wenngleich dadurch nicht zu wissen ist, wie gut es sich anfühlt, umhüllt es einen, allein nur mich.

Risse in den Fassaden schöner Kunst – Ralph Dutli „Die Liebenden von Mantua“

Unsere Erinnerung täuscht uns immer wieder, sie liegt ganz nah am Wahn … am Roman.

Und wenn wir zu viel wissen, folgt meist die Ent-Täuschung. Was guten Autoren gelingt, ist, sie verstehen, zu verbergen, was sie bereits wissen. Sie erwecken den Eindruck alles, was in ihren Geschichten geschieht, geschieht ohne ihr Zutun. Wenn Autoren ihr Wissen zeigen, so kann das für die Geschichte schädlich sein. Wir befinden uns dann in einem Vortrag. Professorale Literatur. Literatur von vorne, würde ich sie nennen wollen und einer etwa wie Eco wäre ihr Stammvater.

Das Kapitel etwa mit dem Ohrenschmalz der Wale. Der lagert sich ab, über Jahre. So sollte Erinnerung sein, wie eine Black Box. Das ist alles nett geschrieben, durchaus bedenkenswert, durchaus mit Pointe. Wenn es nur dabei bliebe. Denn es kommen noch ein paar Sätze zum Ohrenschmalz der Wale hinzu. Da muss man stehenbleiben, wo man doch schon weiter wollte in der Geschichte. Wo die Geschichte weiter wollte. Der Autor lässt sie nicht. Er weiß noch zwei, drei Dinge zum Wal zu sagen.

2007 FuErdbeben-Zerrissene-Zeit-Eine-vom-Beben-am-20nd zweier eng umschlungener Skelette bei Valdaro in Italien. 2012 Erdbeben in Norditalien, Tote, Beschädigungen an zahlreichen historischen Gebäude, Risse in den Renaissance-Fassaden. 2015 bringt Ralph Dutil in seinem Roman „Die Liebenden von Mantua“ diese beiden Begebenheiten zusammen.

Ja, es ist ein Riss, ein Riss in allem Schein! – So schwappt das Licht herein.

Oder Dunkelheit und Wahnsinn.

Zuerst aber findet sich die Kunst, die Liebe, das Ewige. Renaissance heißt Überbietung. In der Malerei neue extreme Perspektiven, einer wie Mantegna ein Meister darin. Was geschaffen wurde, der terremoto (ein in seinem Klang viel treffenderes Wort als das deutsche, sanftere ‚Erdbeben‘) nimmt darauf keine Rücksicht.

Es begegnen sich wieder zwei Freunde in Mantua, Raffa und Manu. Raffa sucht nach Spuren des Erdbebens von 2012, Manu die Liebenden. Die sind verschwunden. Bald darauf verschwindet auch Manu; er wird entführt.

Das Buch aber liest sich wie ein Reiseführer. Tatsächlich wird man von Ort zu Ort geführt. Und wie man erst im Reiseführer weiterliest, wenn man angekommen ist bzw., wenn man wissen will, wo man hingehen soll, liest es sich so am besten. So funktioniert es. Die Geschichte ergibt sich nicht, keineswegs wird man von ihr fortgerissen.

Und auch Raffa, nachdem sein Freund verschwunden ist, lässt sich erst einmal Mantua zeigen. Der Blick hinauf, bis der Nacken schmerzt.

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Siehst du, wir halten es nicht mal eine Stunde in der Renaissance aus!, sagt seine fremde Führerin. Wir sind zu unbegabt dafür…

Dennoch wird weiter vorgetragen. Über die Stunde hinaus. Raffa ist keine handelnde Figur, er ist Tourist. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Führerin, Lorena, sie berührt nicht. Obwohl es durchaus Momente hat. Doch sofort folgen weitere Reminiszenzen. Das nächste Kunstobjekt, es wartet.

Raffa beginnt sich nach schlichter grauer Betrübtheit zu sehnen, nach perfekter Melancholie und gottverdammter Traurigkeit meinetwegen, nur nicht mehr das lustpeitschende Bacchanal dieser Fresken…

…etc. Und mir als Leser erging es ebenso. Es ist ein schmaler Band, dieses Buch, allein man geht hindurch wie in einem Museum, langsam und in Etappen, bleibt stehen, betrachtet, während man vielleicht viel lieber das Leben draußen beobachten möchte, jenseits von Holzrahmen und Sockeln.

Man wünscht sich für das Buch selbst ein Erdbeben, dass die Fassaden einstürzen und die Geschichte freigelegt wird. Die ist nämlich im Grunde sehr interessant. Da ist die Entführung, ein halb wahnsinniger Comte will eine neue Religion gründen und der entführte Manu soll dazu eine Charta der Liebe verfassen, die „Liebenden von Mantua“ als ihr stärkstes Symbol. Nur ist die Geschichte ausgestellt wie in einem Glaskasten, so wie die Liebenden selbst. Man ist nicht darin, man steht herum und schaut sich die Exponate an.

Die Dialoge sind mitunter so, als würden sich Audioguides miteinander unterhalten. Was der eine einwirft, wird vom anderen ignoriert; er/sie hält weiter seinen Vortrag. Das ist das Schwächste: die Figuren interagieren nicht. Allein in ein paar Rückblenden, etwa in den kurzen Episoden von Manu und Laure in Paris, bewegt es sich:

Als sie in die Rue Daguerre hinaustraten, schneite es wie an den Polen der Welt, Schnee ist Schnee, aber wenn es in dieser Stadt schneit, glaubt man sich auf einen anderen Stern. Sie gingen zum Friedhof Montparnasse und lasen wieder den Grabspruch des peruanischen Dichters, der im Pariser Schnee umkam: ich habe so viel geschneit, damit Du schlafen kannst.

In Mantua allerdings bleibt alles Museum.

Ich gehe selbst sehr gerne in Museen, dort, wie hier in dem Roman steht scheinbar die Zeit still. Das tut sie nicht wirklich und nicht lange und sie wird einem lang. Dann geht man an die frische Luft. Vieles in dem Buch, das zum Nachdenken anregt.

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Ralph Dutli „Die Liebenden von Mantua“, Wallstein-Verlag

Ein Buch, das mir gefällt, sofern ich mich als Reisender darin bewegen kann, Pausen machen kann. Kluges wird gesagt, die Neugier angeregt. Als Roman oder gar als Liebesgeschichte ist es aber misslungen.

Das weiß ich, da ich in einem einzigen Bild, gefunden zur Zeit der Lektüre auf der Seite einer Bloggerin eine Liebesgeschichte lese, die mir näher geht und mit weniger   Worten auskommt:

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„Love“, copyright by Jaqueline Krone –

 Dennoch, obwohl es eine Arbeit war, hat sie Spass gemacht. Ich weiß gar nicht, wie man darauf kommen kann, es müsste einander ausschließen.

 Zum Blog von Frau Krone: https://bildundschrift.wordpress.com/2015/09/07/love/comment-page-1/#comment-48