XXXIX. Was bleibt. Nebst Ewigkeit.

Es hatte schon einen Moment gebraucht. Soll ich’s überhaupt mitteilen? Ist die Zeit reif? Täusche ich mich vielleicht und es ist gar nicht das, für das ich es halte? Ist’s Kunst? Meine Qualität als Kunstkenner ist die, dass ich einmal in Paris in Rodins Garten ein Wurstbrot gegessen habe. Ich bin wohl eher Wurstkenner. Aber das ist dann auch nicht weit weg. Trotzdem möchte ich es Anderen überlassen. Ich habe lediglich eine Ahnung, es könnte was werden, dem Ganzen eine neue Richtung geben. Neue Impulse setzen. Aber was rede ich? Ich kenne mich in der Kunstszene nicht aus. Ich weiß nicht mal ein Proseccoglas richtig zu halten. Hat sich also mit Impulsen. Wohin? Woher? Beurteilt selbst!

Der Künstler ist Autodidakt, kommt von der Literatur, hatte mit Plastiken bislang wenig am Hut. Er liest. Und wenn er nicht liest, liest er von vorne. Er ist noch nicht in Erscheinung getreten. Wenn wir abends schlafen, das ist sein Talent, liest er in stockdunkler Nacht. Er muss gute Augen haben. Er hat zudem ein großes Herz. Für bildende Kunst keine Talente. Man muss bescheiden sein. Man kann nicht alles haben, nicht alles können. Kunst, sagt man, kommt von Können. Und manchmal, wenn’s ernst wird, es drängt, ist’s zunächst ein Müssen und dann -hoffentlich- ein Können. Und dann kann Kunst daraus werden. Einfach so. Aus einer kleinen Not heraus. Ein existentieller Druck, mehr nicht. Das macht den Künstler. Plus ein wenig göttlicher Funke. Plus eine ungefähre Idee und Aussage. Dann ab in die Galerie.

Die Galerie ist noch zu finden. Das Werk allerdings ist schon vollbracht. Wir waren bei der Entstehung nicht dabei. Normalerweise ist man neugierig, will den Meister bei der Arbeit sehen, wie er das macht. Hier? Lieber nicht. Wir haben Theorien. Eine. Sensible Backen. Modellierende Backen. Feingefühl, wo man sonst höchstens Hämorrhoiden vermutet. Er muss beim Lesen die Zeit vergessen haben. Es hatte sich einiges angesammelt. Wenn man konzentriert ist, kann sowas schon passieren. Die Konzentration fand einen Ausgang. Das Ergebnis schön anzusehen. Dem Künstler -zufälligerweise- war’s nur kurz peinlich. Tatsächlich fand er schnell Gefallen daran, übte sich, perfektionierte seine Technik. Muss wohl so sein, wie waren nie dabei. Nur die Geräusche bisweilen, wie wenn einer versucht, Nüsse zu knacken mit bloßen Händen. Ein Schnaufen. Ein gepresstes Fluchen vielleicht. Kunst ist nie leicht.

A4571B9B-8A5A-4660-ABD2-6D8FE22F9C8F

Und nun stehen so einige Exponate bei uns in Regalen, auf Tischen, unter dem Bett. Der Fußboden ist voll davon. Was ein Reichtum, wenn das mal einer kauft. Und wir wieder atmen können. Die expressive Phase des Künstlers -Marcel- ist längst nicht vorbei. Er denkt schon weiter. Will Großes -wortwörtlich- schaffen. Doch wo soll’s herkommen aus so einem kleinen Lamm? Für solch monumentale Kunst hat er nicht den Darm dazu. Was er da verdauen müsste. Große Kunst verdaut eine Menge.

So oder so, eine Vernissage ist in Planung. Es wird sicherlich Schnittchen geben, allerdings keinen Prosecco. Es wird ein Streichquartett spielen, irgendwas von Brahms, vermute ich. Es wird Marcel die Werke erläutern. Presse wird anwesend sein. Tischer wird sich benehmen und nicht mit Exponaten schmeißen. Am Ende ist vorgesehen, dass der taxierte Preis angenommen wird. Aber jeder immer nur eins. Eine Bitte: den Exponaten nicht zu nahe oder gar drauf zu treten. Sie sind nicht direkt zerbrechlich, aber könnten aus der Form gebracht werden

Und eine Empfehlung für Zuhause dann: die Exponate wirken am besten bei geöffnetem Fenster.

Irgendwie-Einstiegsbericht

„Geh ins Grüne. Das ist das unter dem Blauen. Das ist das hinter dem Grauen.“

Doch ich schreib Bericht. Gewissenhaft. Anlässlich meiner Erstbesteigung des Zauberbergs vor 25 Jahren wurde gestern jubiliert. Nenne das Welt-Wälzer-Tag. Das erste Mal, Organisation ist zu verbessern.

Auch damals, 1991, war ich schlecht ausgerüstet. Meine jugendliche Begeisterungsfähigkeit für diesen Tausendseiter brachte mich zum Gipfel. Seitdem, alt wird man und erfahrener, bereite ich mich besser vor. Training der Ausdauer an Vier- bis Fünfhundertseitern, Mittelgebirge, Spaziergänge im Sonnenuntergang und Bündeln der Gedanken beim Hinausstarren aus dem Fenster.

Und mit den Jahren und wechselnden Brotberufen gelang ich zu allerlei Equipment, das mir den Aufstieg angenehmer machen sollte:

Als Glücksbringer die Lieblingsstrickjacke mit Knopf, für individuelle Gedanken die Fellohrmütze, für besseren Halt und warme Füße die Socken, für das richtige Tempo den Hausanzug und für’s Nichtalleinesein Marcel.

Bevorzugt steige ich im Liegen und mit großem Kissen. Mittlerweile auch nicht mehr allein. Es war, zugegeben, sehr schön damals allein auf dem Gipfel des Zauberbergs, aber ist es in vielerlei Hinsicht eine einsame Angelegenheit. Ist man eine Zweierseilschaft, die fast eine Einheit ist, so kann sich ausgetauscht werden beim Ersteigen bzw. kann der eine, während der andere noch hängt, in der Zwischenzeit eine Pizza oder den Arzt holen.

Niederlagen sind zudem viel besser wegzustecken. Es war viel weniger traurig und traumatisch, als wir aufgrund der Wetterlage und wegen des fehlenden ästhetischen Sinns vor ein paar Jahren den Aufstieg ins Pynchon-Massiv abbrechen mussten. Die Vernunft siegte, die Kräfte waren noch nicht vorhanden. Dabei waren wir beide zu dem Zeitpunkt schon erfahrene Kletterer. Jeder Berg hat seine Zeit, das ist die einfache Wahrheit.

Nun also, gestern, wagten wir unter Beobachtung der Öffentlichkeit den Einstieg in einen weiteren Tausendseiter.

IMG_0263

Fremdes Gebiet, wir wollten nichts riskieren und begannen mit Seite eins. Natürlich würden wir die letzte Seite nicht im Sturm binnen eines Tages erreichen. Es muss einem, der sich auf einen Tausendseiter wie diesen, dem Fahlmann, einlässt, klar sein, dass für die Zeit des Ein- und Aufstiegs, es Geduld braucht, sowie die Fähigkeit, alles andere auszublenden – für eine längere Zeit.

Diesen Tausendseiter hier, den Fahlmann,

Ecker__Christoph_4ed642f71b0b5

hatte ich schon länger im Auge, gestern war er reif. Die ersten Eindrücke täuschten nicht: die Handgriffe müssen sitzen, Unkonzentriertheiten und Ablenkungen (z.B. „Espresso mit Vanilleeis“) könnten zu einem Absturz führen, wenigstens aber zu Verzögerungen bis zum Winter; das wäre fatal, denn für diese Jahreszeit wäre ich nicht warm genug angezogen. Dieser hier hat so einige gefährliche Kanten, die scheinbare ungefährlichere Stellen durchschneiden. Man denkt, man kommt voran, lässt nach, wird nachlässig, schon ist es passiert.

Wir haben gestern Abend bei Seite 104

Mein Problem hieß Spitzbergen. Schon als ich die Weltkarte an die Wand geheftet hatte, war mir Spitzbergen zu groß erschienen.

ein erstes Basislager eingerichtet. Marcel machte uns eine warme vegetarische Mahlzeit. Guter Dinge, ein beeindruckender erster Ausblick über die Tiefebene, wir werden weiter steigen. Und wenn wir in diesem Tempo weiterkommen, denken wir, noch vor August diesen Jahres Seite 1026 zu erreichen, um dort unser Lesefähnchen in den Wind zu stellen.

Aber selbst wenn wir durch sind und obenauf, ist es noch möglich, dass wir erkennen müssen, es war doch nur ein Hügel, der die Strapazen nicht lohnte. Beim Klettern wirkt dieser nicht so – bislang.

Dabei ist alles doch nur Vorspiel und kommt es nicht dazu, „verlorene Zeit“, wenn nicht einmal, bevor für’s Klettern zu alt, das Proust-Gebirge (im Original) durchwandert und -stiegen werden konnte.

Ach, manchmal, bei diesen Zielen, wäre ich lieber „Außenminister des Universums“.

„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel.“

Noch war sie ja da. Und es war ein Hinkommen. Später das Wiedergehenmüssen ist schwerer gewesen.

2015 hatte zu viel festen Boden unter den Füßen. Es brauchte eine Insel. Und alles Weitere blieb zurück. Doch so ganz ohne alle Bücher ging es nicht, geht es nie

„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel“, das Meiste davon Wind. Und dabei, die Gleichung geht nicht ganz auf, das Meer hat seinen Anteil.

ununterbrochen wurde das Sehen vom Hören überschwemmt, geschliffen, umgeformt. Eingeschlossen ins Geräusch, passte sich das Denken der Brandung an, dem Gang der Gezeiten.

Der Titel, das Motto, dem Kruso entnommen, eines der Bücher. Und ich bin mir trotz seiner Qualitäten nicht sicher, ob es hätte mitgenommen werden sollen, um es dort zu lesen. Einige Stellen taugen als Zitat, nehmen ein für die Insel. Allein unter allzu vielen lyrischen Bildern verschwindet die Geschichte in dichtem Nebel. Ich würde mich tastend darin durchbewegen müssen hier und da. Trotzdem, ja doch, erkenne ich wieder, bin doch aber bis zuletzt nicht beim Klausner gewesen.

Die Figuren nahmen mich für sie ein; die Geschichte lohnt, erzählt zu werden. Unsere Wirtin, sie meinte, sie wurde bereits erzählt, von Delius. Welche Geschichte denn nicht? Die Schwäche des Buchs, die Insel ist zu klein für all die Bilder. Die Geschichte braucht sie längst nicht alle.

Aber Viola hätte ich nicht missen wollen. Der Deutschlandfunk, ich habe all die Tage es nicht fertiggebracht, einen anderen Sender herein zu bekommen. Beim Kochen, beim Essen, beim Spülen und beim Spielen mit allen Erweiterungen Hörspiele und Weltmusik, Literatur und Kultur, Sinfonien in der Nacht. Und stets mit Rauschen und leichtem Knacken.

Alles rauscht.

Und langsam weggespült weggerauscht am Ende irgendwann auch diese Insel. Am Ende nur noch Himmel, nur noch Meer. Man tut alles, es hinauszuzögern.

Am Tage. In der Nacht. Behelfsmäßig. Vorläufig. Selbst während die Menschen beim Krippenspiel sind, wird getan. Sie hat damit ein paar Jahre mehr.

Am Strand, ein wenig weiter nun, die Spuren des emsigen Bemühens.

Hiddensee_Spuren1

Ich kann nicht verleugnen, bei dem Anblick eine gewisse jungenhafte Sehnsucht verspürt zu haben – nach Baggerfahrten. Aber ich bin, was ich bin, eine Lusche, frage nicht oder tue es einfach. Ich sehe die Spuren, träume ein wenig, ansonsten lese ich viel.

Einer der keine Lusche ist, der einfach nimmt, weil er denkt, sowieso schon zu besitzen und da ja jede Insel ihren König braucht, ist er dabei, Tischer und als er wach war, hatte er -mal wieder- einen Plan. Er sah den, der da herumstand und nahm, in bestimmter Absicht, nämlich mit starkem Licht H0-Zugvögel (sind Spatzen, die ziehen zu Büschen in wärmeren Gegenden der Insel) anzulocken, um sie ungerupft und ohne weihnachtliche Beilagen, Klöse und Kraut, jedenfalls habe ich nicht nachgezählt, ob es am Ende weniger waren, denn ich war im Urlaub und Zählen gehört nicht dazu.

Tischer und sein Besitz

Doch glaube ich fast, es blieb beim Inbesitznehmen. Zu kalt und zu windig für Tuch und Streifen für Winteraventiuren, viel zu wohlig warm und luschelig-kuschelig die Decke, werktags und den Rest der Woche. Auch war ja Urlaub, selbst ein Tischer lässt da mal Fünfe undsoweiter……

Nein, der braucht Bücher nicht. Ich schon. Auf jeder Insel brauche ich die. Bei einem, ich hatte diese Vorfreude länger schon, da vergaß ich bisweilen, dass längst schon Meer und alle Wetter um mich waren, da las ich und war weg von der Insel, war Über BordWar auf den Bänken, fing Fisch, wurde ein tüchtiger Matrose. Eine einfache Geschichte, wieder einmal, ich habe wohl eine Schwäche dafür. Es wird darin nicht sehr reflektiert, es wird Hand angelegt, Knoten geknüpft, der Fisch ausgenommen.

Ob es nicht gefährlich ist, solche Geschichten zu lesen. Wenn man alles um sich herum vergisst, dass man erfrieren könnte, mit der letzten Seite, wenn man Glück hat. Die Nase friert nicht allzu sehr, wenn sie sich windgeschützt und tief vergräbt zwischen Seiten.

Das ist ein Buch. Eine Entdeckung. Inseln sind gut geeignet für Entdeckungen. Rudyard Kipling. Wird weiter entdeckt.

Kurz dachte ich noch, hier hätte ich Hedin Bru entdecken sollen. Seltsam, dass es damals windstill gewesen ist. Der kommt mir mit, wenn ich das nächste Mal….wann wird das sein?

Doch trotz allem musste ein wenig Hausaufgabe sein. In der Begegnung mit Lieferanten von Schokolade hatte ich nicht meine überzeugendsten Auftritte. Mir ist die Schwäche, in mich hineinzustopfen, wo ich es schmelzen lassen müsste, schwer wegzuerziehen. Tut sie nicht. Ich hab das selbst verstanden. Hierfür sind viele Bilder wieder gut und wenn nach langen Spaziergängen im winterlichen Wind es gut war, sich aufzuwärmen, die zwei Teller Bohneneintopf taten ihres, die warme Decke ein Weiteres, dann blätterte ich, ganz konzentriert, in einem schmalen Band, um die Geheimnisse von Schokolade kennenzulernen. Es war nicht immer lustig oder spannend, ich kenne da anderes, aber doch so unterhaltsam und vor allem lehrreich, dass ich glauben darf, die Lektüre wird mir geholfen haben und wenn ich das Buch später griffbereit unter der Ladentheke haben sollte, so kann es weiterhelfen.

Die Geheimnisse von Schokolade

Allen Milka- und Ritter-Sport-Liebhabern, allen, die Mampfer sind, wie ich, sei das Buch empfohlen, bevor oder nachdem sie uns besuchen sollten.

Nicht zu viel Arbeit, nicht zu viel Pflicht, wenn sie auch recht kurzweilig ausfiel. Lieber bald, wieder aufgewärmt, hinaus. Endlos scheinende Tage dauern leider nicht ewig.

Ich gehe gerne herum. Ich weiß nicht, ob ich so sonderlich aufmerksam bin für meine Umgebung, viel sehe. Aber ich laufe gerne herum, und gelegentlich mit offenen Augen. Wenn also nicht lesen, dann laufen. Nicht Fahrrad fahren, nicht einmal dort, wo es ungefährlich ist, nein, laufen. Schwimmen auch nicht, laufen. Das Baggerfahren fiel ja aus, also lief ich. Besser: ging. Die, die LAUFEN, sind schneller unterwegs, wenn ich etwa morgens zum Bäcker ging und sie an mir vorbeihuschten. Wenn ich Laufen sage, meine ich Gehen (Trödeln, Schlendern etc.). Und so kucke ich dann, so sind die Bilder, irgendwie Achja und Wassolls.

So vergingen die Tage. Mit Laufen und Lesen.

Und noch so ganz mit ein wenig Kulturtourismus: Gerhard Hauptmann, ein sehr bekannter Golfer und er hat Bücher geschrieben. Den Nobelpreis hat er ebenfalls bekommen, wenn auch wahrscheinlich nicht für’s Golfen. Und er war auf dieser Insel so quasi der König. Thomas Mann war auch mal da, konnte ihn aber nicht vom Thron stürzen. Und Tischer, den gab es noch nicht. Ich habe jedenfalls kurz bei ihm zuhause vorbeigeschaut. Marcel war dabei, natürlich. Doch, was soll ich sagen, Hauptmann ist mir zu schwer, ist mir viel zu schwer für diese Insel, wenngleich es sehr schöne Gedicht zu der Insel von Hauptmann gibt, sagt man.

Nein, mir wäre eine Hafenspelunke namens „Muschelkalk“ lieber, die es nicht gibt auf dieser Insel, in der ich aber mich sicherlich hätte überwinden können, einmal so richtig über den Durst zu trinken, in memoria Ringelnatz. Marcel wäre selbst nicht abgeneigt gewesen.

ZumNüsseöffnen

Von Hauptmann bleibt eine Büste, an der man nur noch Nüsse aufklopfen kann, wenn man welche dabei hat.

Dann war es rum. Der feste Boden, er ließ nicht länger auf sich warten. Tatsächlich ging es doch, das Übersetzen und Fortgehen. Fähre Bus Bus Bus Zuhause, Ankunft 03.01. 21 Uhr.

Die Aufgaben, sie warten. Die Insel, sie bleibt. Ich seufze ein wenig. Verzeihung.

XXI. Lamm-Chi

Die Welt ist schön.
Die Welt ist kompliziert. Und schmerzt.

Der eine poetische Seele hat, weiß das. Wenigstens eine poetische Seele kennt, der einen Marcel hat. Wesentlich ist Marcel ein Poet, ganz klar. Da sind wir, die wir ihn kennen, uns einig. Selbst unser Gestreifter hat da eine Ahnung, dass es so sein könnte. Marcel würde schreiben (und wie), die Welt ist schön, obwohl sie so kompliziert ist. Darüber, daß das nicht immer gewußt wird mit der Schönheit, dass gerade darin Komplikation und Schmerz liegen.

Sagt man eigentlich „hat eine poetische Seele“? Oder ist Marcel nicht vielmehr gänzlich eine poetische Seele, mit einem flauschigen, meist weißem Fell drumherum? So oder so, Schreiben kann Marcel nicht. Technisch gesehen ist er also kein Poet. Es ist wegen der Arme, wegen der Hände. Eine Kleinigkeit, ein nicht weiter erwähnenswertes Detail.Es macht keinen Unterschied.

Nun ist unser Marcel seit ein paar Tagen krank. Es war zu erwarten. Schafe mit so einer Disposition bekommen das manchmal. Es ist ein wenig wie Migräne, wie florentinischer Schüttelfrost. So, als wäre sein empfindsames Herz nach außen gekrempelt. Und auch nicht mehr hinter einem Brustkorb geschützt. Unmittelbare Empfindung. Allergrößte Sensibilität. Die ganze Welt auf einmal. Er, das kleine Schaf, wehrlos.

Das Herz eines Poeten kennt die Antworten und Wahrheiten. Der Kopf verwaltet sie bloß, der alte Hausmeister Rechen- und Wortschieber. Wenn man jetzt aber diese Krankheit hat, das Lamm-Chi, ist alles offen, eine Wunde, die sich nicht schließen will. Die ganze verwirrende Welt unvermittelt unbegreiflich, ohne in Gedanken und Worte zusammenregistriert zu sein, drängt auf ihn ein.

Tischer natürlich wollte sich vor Marcel stellen und die Welt davon abhalten, seinen Bruder zu überfluten. Lieb. Welt ist nur überall. So gut es geht, aber von allen Seiten, Tischers Mut reicht da nicht aus.

Doch geht es vorbei, eine Weile noch. Und wirklich hat Marcel heute nach ein wenig Tolstoi verlangt. Er lächelt auch schon wieder. Wir verspüren Erleichterung. Wir wollen aber nichts riskieren und haben deshalb, bis Marcels Herz sich wieder eingekrempelt hat, ihn so gut es geht, in die Fellohrmütze gewickelt.

DSCF5774

Die isoliert ganz gut. Zusammen mit der Strickjacke stürmt nicht mehr allzu viel auf unser Lämmchen ein. Das Wenige, das doch, Tischer zeigt ihm seine Streifen.

Und Marcels Muse und große Liebe? Sie hält, obwohl es ihr nicht leicht fällt, Abstand. Er darf, solange das Lamm-Chi anhält, nicht in zu große Erregung verfallen. Gerade die Liebe hat so einiges davon. Ein einfaches Händchenhalten und Marcels Herz könnte …………………………..

Bald aber kann Hand und Herz wieder freigegeben werden. Für seine Liebe. Für Madeleine.

Für die Welt, die so schön und kompliziert ist.