Hedin Brú – Vater und Sohn unterwegs

Eine einfache Geschichte, wie wohltuend. Man sollte nicht den Fehler machen, sich zu viel dabei zu denken, sich klug zu benehmen, als käme man aus Kopenhagen und verstünde sich darauf, sich fein und gewählt auszudrücken. Es gibt da diese Szene in dem Buch von Hedin Brú, Lias Berints Beerdigung, da geraten der Lehrer und Jensen, der in seiner Jugend „ein ganzes Jahr in Dänemark verbracht hat“, „der einzige Mann im Ort, der bei seinem Nachnamen gerufen wurde“, aneinander (S.155). Von Jensens Kultiviertheit und Ehrbarkeit ist nicht viel zu halten. Dennoch hat man ihm einige Posten und Ehrenämter angetragen und Töchter zur Heirat. Wem also Posten und Töchter wichtig sind, bitte.

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Ich kam von weiter weg, kurz zuvor herüber aus Amerika, dem Mittleren Westen, wo ich die Lamberts aus Franzens „Korrekturen“ besucht hatte, etwas ganz Anderes, Durchreflektiertes vom amerikanischen Musil, das mich durchaus begeistert hat und lande auf dem Rückweg auf diesem Eiland, den Faröer Inseln, inmitten von Wasser und Wind. Ein Gefälle, nicht unbedingt qualitativer Art, davon ist nicht die Rede, sondern eben, weil die Geschichte einfach ist und die Figuren darin ebenso, dabei so viel fremder.

Und mit dem, was ich weiß, zu wissen glaube, lese ich diese Geschichte von Ketil, seinen Söhnen und dem Grindwal und stelle fest am Ende, da ich schreiben möchte, um was es geht, dass ich mich wie eben ein solcher „Kopenhagener“ zu benehmen anschicke, um schlauer zu sein als die Geschichte und von dieser Schlauheit zu erzählen, der Tiefe meiner Gedanken. Und es erschien mir unpassend. Und gefiel mir auch zunehmend weniger und meine Gedanken dazu öder und langweiliger.

Einfache Geschichten können so viel schwerer zu verstehen sein. So schwer zudem, sie einfach zu vernehmen. Immer wieder erwartet man eine Bedeutung, einen intellektuellen Mehrgewinn, wird man am Ende auch selbst dafür sorgen.

Geschichten sollten wie Begegnungen mit Menschen sein, mit Offenheit wird Sympathie oder nicht vorzufinden sein. Eine zusätzliche Wichtigkeit haben diese Begegnungen zu Beginn nicht.

Ketil, der alte Mann, der sich einmal übernimmt, als er zu viel vom Grindwalspeck erwirbt und in der Folge alles versucht, um letztlich doch die Schulden begleichen zu können, war mir gleich sympathisch. Sein Sohn Kálvur hat es da schwieriger. Mit ihm werde ich die ganze Geschichte hindurch nicht warm werden. Überhaupt die Söhne von Ketil. Die nächste Generation, die alles anders sieht, nicht schlechter, nicht besser. Wenn die Zeiten andere werden und sind, so ändern sich auch die Ansichten. Die Geschichte spielt in den Dreißigern, die Söhne gehen jetzt mit Motoren zum Fischen, wohnen mit den Schwiegertöchtern in richtigen Häusern, leben von Krediten. Das ist alles in seiner Ordnung. Ketil kennt eine andere.

Gezeitenwechsel. Ebbe und Flut. Auf der Linie, die beide trennt entstehen die Geschichten, wie Schaum. Oder wie unter dem Wasser der Fels, die Schäre und im Branden des Wassers eine Spur entsteht, die Schärenspur. Es ist, wie es ist. Und vergeht.

Was darüber hinaus diese Geschichte für eine Bedeutung hat, ist hier nicht mein Thema. Ich habe Ketil besucht, die Faröern, war gebannt vom Grindwalfang und verfolgte gespannt Ketils Versuche, seine Schuld wettzumachen. Ich habe eine Geschichte gelesen, ganz einfach. Dabei eine Welt kennengelernt, die mir bislang fremd gewesen ist. Auch dafür sind Geschichten.

Und bin dankbar gegenüber einem Verlag, der solchen Schärenspuren folgt, an deren Ende sich dem Leser eine Fremde auftut, die einem ohne dieses Bemühen wohl sonst verloren ginge.

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Genaueres unbedingt zu lesen hier.

Verständigeres bei lustauflesen.

Nachtrag und maßgeblicher Zusatz bei Herrn Schiffer. Ich vergaß und hätte mich vorher bei ihm umschauen sollen.

Weiterer Zusatz, er tut der Vollständigkeit gut, wie er Gutes zu sagen weiß, von Klappentexterin

(Abschließend ein netter Gedanke, der vielleicht zur Ausführung gebracht wird: von jedem Land, wenn schon real kein Hinkommen ist, eine Geschichte finden und lesen – und in dürftigen Worten davon berichten….mach ich vielleicht.)

Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv IV: vom Spülen im Ententeich

Ja, früher waren mehr Prilblumen. Und wie herrlich damals, die Finger in Zitrusfrische zu versenken. Sage es frei heraus: ich spülte gern, erwähne aber nicht, wann das war. Teile nur mit, es ist heute nicht mehr ganz so, obwohl ich es mir eingerichtet habe zu einer halbwegs angenehmen Tätigkeit. Es blieb übrig unter Anderem die übermütige Verwendung von Spülmittel, mutmaßlich kompensierend die seltenen Badetage der Kindheit im Schaum. Zu viel davon, sagt man mir, ist nicht gut. Mir gleich. Ich brauche das. Ein Zweites, das hinzukommt heute, ist die richtige Musik in der richtigen Lautstärke. (Zum Zeitpunkt der Bildaufnahme war es Daisies of the galaxy von den Eels.) Das Spülen dauert ca. 25 Minuten, im Durchschnitt eine halbe Albumlänge. Es kann auch länger brauchen. Bisweilen blieb mancher Kochtopf oder Suppenteller zu lange unbeachtet und die Kruste ist hartnäckig. Doch in der Regel geht es schnell.

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Während ich mich nun zunächst mit Tellern, Gläsern und Tassen abmühe, komme ich dazu, über dies und das nachzudenken, vielleicht bereits in Gedanken einen neuen Beitrag vorzubereiten, diese unterbrochen oder begleitet von einzelnen, fragmentarisch memorierten Textzeilen aus dem Lied, das gerade läuft und die ich in falscher Tonlage und genuscheltem Englisch von mir gebe. Mein Gedächtnis ist so schlecht wie mein Talent für Fremdsprachen. das war schon einmal anders. Jetzt spielen beide Schwächen allerdings keine Rolle. Hier stehe ich allein am Spülbecken und es ist keiner da, den das irritieren könnte. Mich tut es das nicht beim Nachdenken, ist eher hilfreich und so komme ich etwa auf die Idee, über Archiviertes nachzudenken und weiter, was es damit überhaupt auf sich hat und wem damit gedient sein soll? Doch sage ich gleich: die Hauptsache ist hier das Spülen. Das Geschirr will sauber werden. Was nun dabei nuschelnd gesungen und halb bis dreiviertel gedacht wird, ist nur eine Nebenher-Angelegenheit.

Und so wagte ich und brachte gedanklich zusammen: mag sein, ein wenig ähnlich wären die schönen Erinnerungen dem Spülmittel, das sich Erinnern das Spülen selbst und was sich angesammelt hätte an Verkrustungen und Schmiere (nicht zu lange damit warten) würde sich lösen darin. Nur dem Haben von schönen Erinnerungen würde nie der Vorwurf gemacht werden können, zu viel Spülmittel. Das kann wohl nicht gesagt werden. Vielmehr zweierlei vielleicht, dass am Ende von zu langem dauerhaftem Versenken in Erinnerung sich nichts mehr löst und übrig bleibt allein eine Brühe.

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Spätestens dann ist mit dem Sich Erinnern, wie zitrusfrisch die Erinnerungen auch sind, aufzuhören.

Ich zumindest beende bei brauner Brühe das Spülen. Meine Finger sind auch bereits ganz verschrumpelt. Alle Geschirranteile sind mehr oder weniger sauber und tropfen sich ab. Mit dem Abtrocknen, ich gestehe es, habe ich es nämlich im Gegensatz zum Spülen nie so gehabt. Zum Abtrocknen fiele mir jetzt philosophisch betrachtet auch nicht so sehr viel ein. Dazu ist, Glück oder nicht, kein längerer Text zu erwarten.

Denn letztlich ist die entscheidende Philosophie doch eine ganz andere: Erinnerungen, Brühe oder Schaumbad, werden erst dann zu Quelle und Jungbrunnen, wenn man eine Ente hat, die man hineinsetzen kann. Ich habe 328 zuhause. 

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Jetzt mag sich jeder selbst überlegen, was so eine Ente bedeutet. Wichtig, das verrate ich noch, ist aber, dass man sie ausreichend füttert und ihnen den nötigen „Auslauf“ gibt. Ich beschäftige mich weiter mit Erinnerungen, will mich aber auch wieder mehr und intensiver um meine Enten kümmern………..

…..und das Spülen (und alle Philosophie) endet mit einem letzten Lied (und ebenso, traurige Randnotiz von so ziemlich allem, im Ausguss)….wie passend:

Und singe noch ein wenig weiter ein wenig falsch und tanze jetzt dazu, wozu ich auch kein Talent habe………sieht ja keiner.

(Nachtrag 05.09. 14:28 Uhr: unbedingt empfehlen kann ich in dem Zusammenhang das Buch von Mark Oliver E(els)verett, Glückstage in der Hölle – org.: Things the grandchildren should know.)