Die Freuden des einfachen Lebens

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Bildquelle: moglio.tumblr.com

Ich wische die Krümel vom Holztisch in die hohle Hand. Die Rechte schiebt sie zusammen, die Linke wartet an der Kante. Forme sie zum Nest, öffne das Fenster und werfe die Krümel den Spatzen im Garten vor. Diese Bewegung, diese Szene ist bis ins Detail hinein eine vierzig Jahre alte Erinnerung. Weder der Ort ist gleich geblieben noch sind es die Spatzen und noch nicht einmal die Hand, welche die Krümel wirft. Gleich ist nur die Bewegung, und alles hat sich in ihr mitgeteilt. (Gospodinov in NZZ, Die Freuden des einfachen Lebens)

Und auch wir sitzen samstags in schöner Regelmäßigkeit vor dem Laden, nehmen unser Frühstück ein, Croissants und Schokoladenaufstrich, Milchkaffee ich, Cappuccino sie, und die letzten Krümel auf den kleinen Tellern, ausgestreut neben dem Parkscheinautomaten, gehören den Spatzen. Es genügt ihnen scheinbar. Alle sind sie dick und rund.

XI. Die Erotik des Udo B.

In den Schwarzwald. In die Achtziger. Wir hatten keinen ernstzunehmenden Grund dafür. Doch sind wir dort gelandet. Für einige Minuten. Jeden Tag. Ein Ergebnis davon: das Nilpferd schwärmt für Udo B.. Seit dem Moment, als es seinen nackten Oberkörper gesehen hat. Und es verzeiht ihm damit alles. Die Seitensprünge, die Intrigen und zuletzt Verlobung und Hochzeit. Selbst den weißen Golf und das schlechte Schauspiel. Das Nilpferd holt nur seine Jungmädchenschwärmerei nach. Und Marcel, verbunden in Liebe sitzt nur daneben und erträgt es. Bis es ihm zu viel wird, „Jetzt seicht es!“ und sich zu Tolstoi flüchtet. Viermal Krieg und Frieden an einem Tag. Was Marcel nicht an Oberkörper hat, Oberstübchen, Herz und Seele machen das mehr als wett. Das Nilpferd weiß das. Irgendwann sind die Minuten mit Udo dann auch vorbei, alles nichts Ernstes, doch durchaus angeregt, wirft sie sich Marcel sehr viel hingebungsvoller an den Hals. Und gut, dass ihr nicht beim Sturm auf Marcel, der Name eines Udo, Sascha oder Sonstwie, ihrem Mund entspringt. Sie meint immer Marcel, wenn sie seufzt, schmachtet und ihn küsst. Zu Udo in den Schwarzwald, ihn heimlich beobachtend beim Wasserski oder Fussballspiel im Garten, ist es nur ein kleiner unschuldiger Besuch ihrer Nilpferdphantasie.

Was gelegentlicher Begleiter in der Zeit macht? Er hat seine Ruhe. Nilpferd schmachtet, Marcel sinniert und ich wundere mich, warum ich mir das antue, da ich selbst von Udos Erotik nicht angesprochen werde, verdaue dabei aber mein Abendessen. Gelegentlicher Begleiter grummelt entspannt unter seiner karierten Decke und genießt den vielen Platz in seiner Höhle. Wenn er nicht, was in letzter Zeit häufiger vorkommt, auf dem Balkon auf seiner Bank sitzt und Spatzen beobachtet. Denn davon gibt es mittlerweile einige: wir haben Knödel aufgehängt. Für die Spatzen. Doch wahrscheinlich auch für unseren Wilden. So gesehen haben Spatzen und der Oberkörper von Udo etwas gemeinsam. Das Schwärmen und das danach Greifen in Gedanken, und es doch nicht tun. Wie auch. Nilpferd geht es so und bleibt am Ende bei Marcel. Gelegentlicher Begleiter redet zwar immer von ihnen, knurrt und ist auf dem Sprung. Doch er hat sie nie ernsthaft angesprungen, die Spatzen. Sie immer fliegen lassen. Noch.

Vielleicht wartet er nur auf eine bessere Gelegenheit, wer weiß.

Nilpferd tut das nicht. Sie hat Marcel. Und bei ihm jede Menge Gelegenheiten. Die sie alle nutzt. Schade Udo, für Dich. Dir entgeht was.

X. Uns blieb von Brasilien das Sambafeeling und mir vom Samba fast eine Überlastung der Bauchmuskulatur

Ungeachtet der sommerlichen Hitze hat Marcel seine Jacke wieder angezogen. Deswegen ist das Tollen aber nicht vorbei. Im Gegenteil, es wurde um das Tanzen erweitert. Alle, wie sie sind, tanzen mir brasilianisch auf dem Bauch herum. Eine für das Tanzen günstige, sehr elastische Oberfläche, will mir scheinen. Ich versuche mich ruhig zu verhalten, damit keiner etwa runterfällt. Selbst der gelegentliche Begleiter hat an den Wochenenden Lust dazu. Nicht am Runterfallen natürlich, aber am Sehrhochspringen. Für ihn ist das auch Training, sagt er. Üben, üben, üben und die Spatzen müssten dann schon sehr hoch fliegen, um nicht erwischt zu werden.
Begleiters Traurigkeit wegen Kroatien ist jedenfalls passé. Jetzt ist er wieder unser Wilder. Was ihm vielleicht an Grazie beim Tanzen fehlt, gleicht er durch sehr hohe, sehr spektakuläre Sprünge aus. Dann kommt aber auch schnell das Pusten und Nicht-Mehr-Können und gelegentlicher Begleiter setzt sich nahe an meinen Nabel und frönt seiner anderen Leidenschaft, Fussel fischen und sammeln. In meinem Nabel hat er schon manches Schmuckstück finden können, an Wochenenden wohlgemerkt. Werktags tue ich das für ihn. Dann trage ich auch Federn und Fussel von außerhalb zusammen, um sie ihm zur Begutachtung vorzulegen. Die meisten werden tatsächlich angenommen und in der Bonbon-Dose verstaut. Bald braucht er dafür eine größere. Seine Sammlung ist mittlerweile sehr beachtlich. Aber wahrscheinlich nicht sehr wertvoll. Wir werden das einmal von einem Experten schätzen lassen.
Im Moment befindet sich die Tanzgruppe aber noch auf meinem Bauch. Gelegentlicher Begleiter ruht aus am Nabel von dem, der zu seiner Welt gehört, Marcel und sein Nilpferd aber, jetzt mit der gesamten Fläche für sich allein, tanzen, nur mit Augen für den Anderen, sehr verliebt und sehr selig, Tango oder sowas. Ich verhalte mich weiterhin ruhig und gebe pfeifend die musikalische Begleitung, auch wenn ich keine Tangomelodien kenne. Es scheint allen zu gefallen.
Auch mir, der ich aber froh bin, dass gelegentlicher Begleiter eine Pause macht vom Springen und Weiterspringen und meine Bauchmuskeln schont. Zwei Verliebte kann mein Bauch aber noch ohne Probleme tragen.

Wenn es sein muß bis zum nächsten Morgen. Wie es wohl üblich ist bei einem Tango von Verliebten.

III. Keine Spatzen in Südamerika – 3.Einleitung

Marcel ist nicht schnell und kann nicht weit laufen. Dafür ist er klüger. Es sind bislang nur kurze Ausflüge. Nichts Episches. Noch wagen wir uns nicht in zu tiefe Wälder. Kleine Baumgruppen im Stadtpark oder Büsche bergen vielleicht das, was wir uns versprechen. Ein Fachbuch der Trüffel-Kunde besitzen wir nicht. Sonst würden wir es besser wissen. Mag sein. Unserem gelegentlichen Begleiter, der sich aus Trüffeln nichts macht, reichen diese Erkundungen. Er schaut sich nach anderen schmackhaften Dingen um. Irgendwann geht’s nach Südamerika. Auch wenn das Netz von Wanderwegen dort nicht sehr gut ausgebaut sein soll, irgendwann setzen wir über. Unserem gelegentlichen Begleiter fällt dazu eine Planierraupe ein. Bäume, Regenwald fort, Wanderweg da. Das ist nicht in unserem Sinn. Er grummelt. Er würde so gerne Planierraupe fahren. Aber er will sowieso nicht mit. An einem Wochenende schafft man Südamerika nicht. Unser gelegentlicher Begleiter schläft im Grunde fünf Tage die Woche. Nur am Wochenende und an Feiertagen ist er ein wenig wach. Und überhaupt, es soll keine Spatzen in Südamerika geben. Die mag er. Auf die würde er nicht verzichten wollen. Wir werden ohne ihn auskommen müssen in Südamerika. Doch vielleicht ändert er einmal seine Meinung. Wir würden uns freuen. Dass es in Südamerika ebenfalls keine Bamberger Hörnchen gibt, verschweigen wir aber lieber. Das würde ihm den Rest geben. Unser gelegentlicher Begleiter ist bei der Trüffel-Suche keine große Hilfe. Aber er ist guter Kamerad. Mit seltsamen Ansichten.