Frans Kellendonk / Buchstabe und Geist / Lilienfeld

 

Zu Beginn zum Ende hin, Meneer Mandaat erzählt seinen Kollegen eine Geschichte von seinem Großvater, wahr oder nicht. Dieser soll, kurz vor dem Krieg, von den Niederlanden zur Arbeit mit dem Motorrad jede Woche nach Deutschland gefahren sein und natürlich wieder zurück, die ganze Strecke, vier Stunden. Bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Wenn er nach Hause kam -und das war jedes Mal spät in der Nacht,- war er steifgefroren.

Bei einer der Heimfahrten im Winter, da war er’s wohl mehr und konnte sich gar nicht mehr rühren, nur noch blinzeln, aber nicht mehr lenken, verpasste sämtliche Ausfahrten und fuhr so in sternenklarer Nacht geradeaus auf unbekannter Strecke seinem Ende entgegen.

Zuvor aber, da kamen ihm beim Anblick der Sterne, während er so durch die Nacht rast, allerlei lebensphilosophische Fragen in den Sinn, wie wundersam es etwa sei, „dass man Sterne strahlen sieht, die schon seit Jahren erloschen sind“ – in der Art.

Mandaat erzählt diese Geschichte, von der man nicht weiß, ob sie wahr ist, wohl eher nicht, und findet kein Ende. Und kein Ende für eine Geschichte finden und es ist keine. Als er eines findet, sind die Kollegen schon fort, die vorher noch gebannt zugehört haben. Und ob nun der Großvater noch immer, bereits erfroren, als Geist die Straßen durchrast oder ein glücklicheres Ende gefunden hat, wird nicht erzählt.

Der erzählte Großvater, die strahlenden Sterne. Sonst nichts. Kein Ende. Alles Erscheinung, wahr oder nicht.

Unser Stern, aus gehöriger Entfernung betrachtet, zwar strahlend, ist vielleicht ebenso schon lange erloschen. Und wie ehemals Lebende ziehen wir nun zwar weiter unsere Bahnen, aber sind längst passé.

Nur Spuk, das wären wir. Und begegnen uns als die Geister, die wir sind, nie ganz wirklich, nie ganz da. Mehr fremd als anderes sind wir uns einander – und uns selbst. Nie ganz greifbar und nie also ohne Misstrauen, nie ganz nah, bis dass einer dem anderen tatsächlich Hölle wird.

Wir, Sterne und dazwischen die Kälte des Raums.

Was ist da der Geist, der sich behauptet in Büchern? Dass man sich daran festkrallen möchte an den zahllosen Seiten. Aber wissen wir deswegen mehr vom Menschen. Das Konkreteste, wie wahr, sind die Begierden und Darmtätigkeiten. Ist Taubenkot. Verorte Geist! Vage.

Meneer Mandat arbeitet in diesem Roman von Frans Kellendonk zur Vertretung in einer Bibliothek. Endlose Regalreihen von Wissen. Doch eine Frage:

Wer oder was garantiert, dass all das, was wir hier sehen, auf diesen zigtausend Metern Regalfläche, nicht komplett unverständlicher Blödsinn ist?

Und:

Was gibt uns diese Gewissheit, dass wir beim Lesen etwas verstehen?

Fragt Mandaat ein Kollege und „Mitglied der Direktion“, ehemals Theologe. Für die Bibliotheksleute sind die Bücher Gegenstände und haben höchstens die Bedeutung, als Fliegenklatsche dienen zu können.

Wer dennoch in Büchern etwas finden will, der sei gewarnt:

Keine größere Einsamkeit gibt es als die der Sprache.

In Büchern mag Wahrheit zu finden sein. Mehr über die Menschen, die uns umgeben, mit denen zu leben ist, verraten ihre Lügen.

Die Wahrheit kann man in jeder Enzyklopädie nachschlagen; in der Lüge entblößt jemand seine ganze Seele.

Dieser Roman von Frans Kellendonk ist in der Tat eine Spukgeschichte, die einen frösteln lässt, obwohl man sie mit Lust liest. Dabei ist sie nicht ohne Humor. Und wenn es nicht unstatthaft wäre, diese Geschichte mit einer beliebigen eines berühmten Pragers zu vergleichen, so würde ich’s tun. Sie dient zu mehr als nur dazu, Fliegen zu erschlagen; sie schlägt gewaltig auf den Kopf.

Danke, tat weh. Tat aber auch gut.

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Frans Kellendonk: Buchstabe und Geist, Eine Spukgeschichte (Lilienfeld)

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Trailer: Lektor II – jetzt wird korrigiert

Nach der überaus erfolglosen Bearbeitung einer halbgarenwahren Geschichte, folgt nun im Januar 2016 die Fortsetzung.

Er ist entkommen.
Er ist zurück.
Und dieses Mal schreibt er um.

Im ersten Teil hinterließ er Leerstellen, Leichenberge von Texten, Unlesbares. Ein ganzes Land verstummte.

Nun aber wird es wirr. Dagegen war Babylon eine Dorfkirmes
Bedienungsanleitungen werden zu Neujahrsansprachen.
Neujahrsansprachen zu Kindermärchen.
Und aus Texten für die Kleinen werden Kriegserklärungen.

Wenn aus der Lust auf Lesen die Lust zu morden wird.

Der Lektor zweiter Teil. Und dieses Mal wird’s eng.

Dieses Jahr könnte es das letzte Weihnachten sein.
Feiert! Seid besinnlich!
2016 ist das Jahr des Lektors.
2016 ist Schluss mit friedlich.

Wenn keiner den anderen versteht.
In keiner Sprache der Welt.

Der Lektor Teil Zwei – Wenn die Welt verstummt
vor lauter Text. Wenn sie ganz andere Worte spricht,
ist es für Schweigen zu spät.

Der Lektor II, zu schrecklich, um nur der Gedanke eines
phantasielosen Bloggers zu sein.

Wer es sich antun will, Januar 2016
auf diesem Blog.

Einmal noch Klartext.
Einmal noch mit eigenen Worten.
Einmal noch verstanden werden.

Bevor er sprechen lässt. Der Lektor.

Und wer es wissen will:
Es wird ein Donnerstag sein.

Der Lektor II – jetzt wird korrigiert. 
(In Polycolor und Formaldehyd. Und Colin Firth ist auch dabei)

Freigegeben ab 0. Danach ist sowieso alles egal.

 

Herr Hund liest die Messe

Er beabsichtigt zu lesen und Lesenden zuzuhören, er nimmt auf, saugt sich durch die Messehallen, knabbert an den Ständen, sofern sich etwas mit Biss finden sollte und bläht in sich hinein, so gut es eben verträglich ist und nicht über die Spannkraft hinausgeht. Wenn dies geschieht und alles an Eindrücken verdaut ist, das eine schneller als das andere, so wird Herr Hund schon die Worte finden, um berichten zu können, hiervon oder von dem, was durch den Besuch angeregt wurde.

Was das wäre, kann noch nicht gesagt werden. Doch da die Behauptung im Raume steht (und ich habe sie da nicht hingestellt), es wäre von gewisser Relevanz, was Herr Hund zu sagen hätte, wird es so nichtssagend nicht sein, was in Anbetracht der Durchlaufszeiten, jetzt aber nicht das Schlimmste wäre. Daher wird sich Mühe gegeben, entweder im Live-Mitschnitt oder als Konserve, es so viel schwerer als möglich zu machen, die abfallenden Beiträge gleich wieder zu vergessen, als es Herrn Hund oft genug selbst gelang, diese bereits, bevor er sie schrieb, zu vergessen, um die verbliebenen Leerstellen mit Wortattrappen zu bevölkern, geradezu lebensecht und mancher Gedanke dahinter tatsächlich zu vermuten.

Nein, ich, denn niemand anderes ist dieser Herr Hund, ein mit dem Ich Identischer, nehme diese Reise ernst und verspreche mir viel davon. Doch zumindest das, so geschickt später Gehörtes und Geschriebenes für Selbst Gedachtes ausgeben zu können, um weiter als relevant gelten zu können. Wozu wären sonst solche Veranstaltungen gut, wenn nicht zur resonanten  Bestätigung von Wichtigkeit?

Und sollte trotzdem die Gefahr bestehen, enttarnt zu werden und die Attrappen gleich mit umgestoßen und es wäre nur noch eine leere Bühne, so müsste ich mir nur meine Fellohrmütze aufziehen, vielleicht sogar eine Sonnenbrille, hilfreiche Requisiten, um völlig inkognito aber breitbeinig das zu präsentieren, was mir letztlich bei allen geklauten (möglicherweise ab und an auch einmal selbst fabrizierten, nichtsdestotrotz mehr verwirrenden als erhellenden, auf jeden Fall aber zu nichts führenden) Gedanken als das eigentlich Interessanteste erscheinen sollte, mich selbst nämlich, meine Originalität, mein Radikalismus, meine Unbestechlichkeit, mein Heroismus, mein komplettes Anders-Sein.

Diese Bewunderung meiner Personalität jedoch war mir schon immer ein wenig unangenehm, weshalb ich immer versucht habe, mich hinter Worten und Gedanken, waren es auch nicht meine oder eben solche, auf deren Inhaltsleere man nicht gleich kam, so gut es geht, zu verbergen. Zu diesem Zwecke, da so langsam, das ist nur der Lauf der Dinge, beides auszugehen droht, ist diese Reise gedacht, mir von Gescheiteren zu holen, was an Geist und Intellekt ich selbst entbehre, um mich damit neu einzukleiden in Flicken, jedem, der mir begegnet in Zukunft auch weiterhin ein Unbekannter, ein Pseudonym.

So eine Messe, gelesen, mit Ernst und Nachhaltigkeit, versorgt mich wieder für mindestens ein weiteres Jahr – mit Verbergung.

Eine kurze Kindergeschichte: Krümelhundmonster gegen Superkeks

Krümelmonsterhund

Aus seiner Höhle kam er über die Welt und er hatte großen Hunger. Wer wird ihn diesmal aufhalten können. Schon zahlreiche Keksfabriken, aber auch Brücken, Bäume und Parkbänke fielen seinem großen Appetit zum Opfer. Gestern die erste Stadt: Lüdenscheid. Nichts schien vor ihm sicher. Die Sicherheitskräfte, Polizei und Militär, sowie verschiedene Schützenvereine, waren machtlos. Und jetzt war Krümelhundmonster kurz vor Berlin. Die Bevölkerung floh und brachte ihre Keksdosen in Sicherheit. Sollte jetzt die Hauptstadt dem Gefräßigen als nächstes zum Opfer fallen?
Nein, denn in letzter Minute erschien Superkeks. Er stellte sich Krümelhundmonster entgegen. Es entbrannte ein Kampf, der heftiger war als seinerzeit die Kämpfe zwischen KingKong und der weißen Frau, Boris Becker und Andre Agassi oder mir und der deutschen Sprache.
Am Ende aber gewann diesen Kampf Superkeks, denn jedem verschlingenden heißhungrigen Monsterbiss von Krümelhundmonster setzte er mächtigste Schokostücke und süßesten Teig entgegen. Und irgendwann war Krümelhundmonster dann geschlagen und satt. Er legte sich auf den Rücken und ließ sich sogar von einer vorbeikommenden Kindergartenhorde den Bauch kraulen. Vorerst war also die Gefahr gebannt. Vorerst.

Ab morgen stille Nacht, ewige Nacht?

Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, sollen sämtliche Buchstaben aus allen Sprachen der Welt für morgen, sollte nicht bis heute Abend der Mißbrauch der Sprachen zu Lügen und Unwahrheit, zu Manipulation und Propaganda, zu Schönrednerei und Verunglimpfung, zu verbaler Fäkalisierung und Kraftausdrücken, zu jeder Form von bewusster Verdrehung, solange sie keinem höheren poetischen oder philosphischen Ziele diene, beendet werden, mit einem unbefristeten Streik gedroht haben.

Das heißt im Klartext: ab morgen könnte über uns die große Sprachlosigkeit kommen, wo bislang Wortgeklüngel und Sprachgewirr herrschte. Wir können nur hoffen, dass es nicht soweit kommt. Die Zeit wird allerdings knapp.

Mein Testament habe ich deshalb schon heute verfasst. Was ab morgen ist, weiß kein Mensch. Die Wahrheit kennt keiner.