Zwei kleine Schwesterlein

Verführung, Verdrängung und Trotz.

Das gute Wetter, die heißen Tage, die, die vor einem liegen, die hinter einem; Erholung ist erlaubt und notwendig. Fahren wir also hinaus zum Wannsee. Kladow. Eigentlich ein Wasserschutzgebiet. Gebadet wird hier trotzdem. Die paar Menschen stören fast nicht die Idylle und gewünschte Ruhe. Nicht einmal ihre Nacktheit. Gut, sie könnte schöner sein.

Mich treibt es nicht ins Wasser. Hörst Du, MICH treibt es nicht ins Wasser. Ich sitze hier gut in meinem giftgrünen Notstuhl und will nur lesen. Thomas Mann und ich sind uns beste Gesellschaft. Geh also Du allein!

Die Sonne brennt heiß. Wärmegewitter sind für den Abend angekündigt. Bis dahin wird es gut bleiben. Wenn ich aufblicke, sehe ich hinter den Nackten im Panorama kleine Boote von links nach rechts sich schieben. Die Pappeln rauschen. Kindergeschrei, das ist es nicht, was mich ablenkt von der Lektüre.

Es geht um Thomas‘ Ur-Kram, Verführung, Verdrängung. „Geh doch auch mal ins Wasser, es wird Dir gut tun.“ Lange bleibe ich trotzig. Dennoch habe ich eine Badehose an. Ich komme mit der Mann-Lektüre nicht so recht vorwärts. Es mag an den Nackten liegen, an der Sonne, an den Booten im Hintergrund.

„Es wird Dir gut tun….“. Jetzt geht Lesen gar nicht mehr. Zäh hielt ich über Stunden aus. Die meisten Leute sind fort. Mein Trotz, er stürzt in sich zusammen. Ich lege Mann weg. Mein Gang ins Wasser.

Da stehe ich bis zum Hosensaum im Nass und weiß nicht, was jetzt zu tun ist. Das Wasser ist kalt. Ich stehe und warte auf den Bus. Nun ziehen die Boote von rechts nach links, heimwärts. Kleine Fische um die Beine. Nasser werde ich heute nicht mehr. Ich trotte hinaus. Mann allerdings wird heute nicht mehr aufgeschlagen.

Nur über der Hose blieb alles trocken. Eine vollständige Wasserverdrängung also mißglückte.

Aus mir wird wahrscheinlich kein großer Mann wie Mann. Er verdrängte vollständig seine Verführung und machte daraus Literatur.

Mit leichtem Sonnenbrand geh ich nach Hause. Und kein Blick zurück zum Wasser. Die letzte Nackte kann mich auch nicht mehr irritieren. Ich bin eh viel zu vornehm. Und hatte für heute genug Verführung.

Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 7: die erste Große Pause nach den Sommerferien

Fassen Sie mal hierhin, an mein Herz! Das muss die Rührung sein. Wie stark es schlägt.

Sie kommen also noch? Da warte ich bereits. Seit Wochen. Und langsam ging so der Sommer in den Herbst über. Ohne mich zogen dieses Jahr die Vögel in den Süden. Hatten Sie angenommen, es wären Malerarbeiten in Gange? Stand irgendwo, nicht berühren, nicht eintreten? Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt? Man hat ganz was Feines vorbereitet, in meinem Sinne Erhebendes, Brillantes und Niemand kommt. Keiner, der einem an den Lippen hängt? Einer, mit Undankbarkeit und Verrat weniger vertraut als ich, wäre daran verzweifelt. Natürlich. In diesem Zimmer ganz alleine und nach der x-ten Wiederholung der einstudierten Rede und nirgendwo eine Playstation ging ich dazu über, an der Tafel mit der Kreide Tic-Tac-Toe und Schiffeversenken gegen mich selbst zu spielen. Ich stellte wiederum fest, auch darin unschlagbar zu sein.

Dann fiel mir erst letzten Freitag auf, dass mich wohl die gelegentlichen Teilnehmer anderer Kurse in diesem Raum nicht zu bemerken schienen. So vertieft waren sie in ihre Bastelarbeiten, in ihr Aquarellmalen und Saxophonblasen, dass für einen verlassenen Kursleiter keine Aufmerksamkeit übrigbleiben konnte. Nicht ihr Kurs, nicht ihr Lehrer, ein unwesentlicher Einrichtungsgegenstand. Sie fühlten sich nicht einmal gestört. Da wusste ich, mir fehlt etwas.

Ich bin ohne Sie nicht vorhanden. Sie sind der Kurs. Einer ist es nicht. Durch Sie entsteht erst die Poesie. In Ihrem Vernehmen und Aufnehmen. Allein ich und sie bleibt stumm. Und mein Bedürfnis nach Macht? An den Saxophonbläsern konnte ich sie nicht ausleben. Sie waren zu laut für meine Worte. Ein unpoetisches Instrument ist so ein Saxophon. Wie die gesamten 80er-Jahre unpoetisch gewesen sind.

Das Schlimmste war allerdings gewesen, ich hatte nichts zu lesen mitgenommen, nur einen IKEA-Katalog für eine Lektion, deren Inhalt mir mittlerweile entfallen ist. Nun, ja, natürlich, ich hätte mir selbst einen grandiosen Roman schreiben können. Die Zeit war da, die Gedanken und Einfälle sowieso. Nur ging die Kreide für die Tafelspiele drauf.

Nun sind Sie da, Ausgelernte, eine irrige Meinung, ich bemerke es, und schauen mich an, als hätten Sie mich hier nicht mehr erwartet. Aber ich bin es, noch immer.  Blieb da. Warum? Wegen der Liebe zur Lehre, zu Ihnen, meinen lieben Schülern. Es ist nicht das Geschickteste, das zu sagen, aber in einigen sah ich durchaus Potential. Jetzt, so viel Zeit ist vergangen, erinnere ich mich kaum noch an Ihre Gesichter.

Einmal hatte ich einen Sittich, Männlein oder Weiblein und wie alt, das weiß ich nicht mehr. In Erinnerung blieb mir nur, ich ließ in verdursten, ließ ihn zurück in dem Internat, auf das ich ging, und fuhr in die großen Ferien. Es ist ein ähnliches Gefühl für mich heute, so wie es der kleine Piepmatz damals gehabt haben musste: ich wäre verdurstet, hätte ich noch länger warten und darben müssen. Ist ein Kursleiter nicht so viel wert wie die Vögel in den Käfigen? Jetzt ist mir fast, ich bin gänzlich ausgetrocknet und ich kann nur krächzen, wo ich mit kraftvoller Stimme belehren möchte. Tun Sie das mir bitte nicht noch einmal an.

Hier an dieser Wand, sehen Sie, da hängen noch die von Ihnen geschriebenen Texte. Es finden sich durchaus Spuren von großem Talent darin. Und ich gab die Hoffnung auf, sie würden irgendwo hinführen. Jetzt könnten wir die Spur wieder aufnehmen, fortfahren mit dem, was so vielversprechend begann.

Wollen Sie fortfahren? Ja? Im Grunde ist da ja kein Fortfahren mehr. Kann sein, es wäre von vorne zu beginnen, Ihr poetisches Feuer neu zu entfachen. Es muss mittlerweile nur noch ein banges Glimmen sein. Warum nur sind Sie nicht gekommen? Was war all die Zeit, die Wochen, die ins Land zogen, so sehr viel wichtiger, als das, was Sie hier hätten lernen können? Wie? Das Leben? Gehen Sie mir weg mit Leben. Wollten Sie Schreiben lernen oder das Leben?

Sie fragen nach meinem Leben? Ich bin Kursleiter, schlecht bezahlter, ich habe keins. Ich habe Ideen, großartige, ich habe kein Leben. Vielleicht habe ich Ideen, weil ich keins habe. Würde ich sonst mir für jede Woche Neues ausdenken zur Gestaltung einer schönen Stunde für meine Schüler, Schülerinnen, alte Geschichten von verstorbenen Singvögeln erzählen, wenn ich heute ein Leben hätte. Ein Lehrer hat kein Leben, er hat seine Schüler. Die sollen es einmal besser haben.

Meinen Genius, ramponiert von den Strapazen der letzten Wochen, ich nehme Sie da durchaus in die Verantwortung, den opfere ich bereitwillig den Zukünftigen, Ihnen. Wollen wir zusammen versuchen den Weg weiterzugehen, um das Leben herum, große Ferien, große Pausen ignorierend, mitten hinein in die Poesie?

Nur geben Sie mir bitte erst ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee. Mich dürstet. Und vielleicht lassen Sie mich eine Nacht nur schlafen und dann, gleich morgen oder nächste Woche, dann wollen wir den Weg wieder aufnehmen. Schauen wir, ob uns das möglich ist.

Jetzt will ich aber erst trinken, erst schlafen. Und, es sei mir gegönnt, von Candy Dulfer träumen.

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