Beinahe tun

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Man kann nur tun, was man tun kann. Der Rest passiert einfach. Verfluchte Freiheit. Wenn es nur ginge, einer hielte einen Zeitraum abgeschlossenen Lebens zwischen zwei Buchdeckeln fest, kunstvoll und sinnhaft. Wir könnten es lesen und sagten uns, ja, ich verstehe, es ist gut.

Aber tut ja keiner. Stattdessen läuft’s einfach weiter bis zum natürlichen Ende. Dabei wäre es so schön angenehm, einer würde einem die ganzen Leerstellen nehmen, die Belanglosigkeiten, die Dinge, die irgendwie nichts beitragen zum Bild. Ja, so stelle ich mir das vor. So sehe ich mich.

Dafür ist Literatur gut. Ist nicht meins. Ist aber schön. Oder ist doch auch meins, aber nur eben das Sinnhafte, das Gute, das Wesentliche. Da kann ich mich schon wiederfinden.

Die Freiheit ist grässlich. Sie hätte einen besseren Autor, zumindest aber Lektor gebraucht. Irgendwie ist’s zu viel von allem, ausufernd. Und diese Wiederholungen, diese Zähigkeit in den Handlungen. Wäre viel auf ein gutes Maß zusammen zu streichen gewesen.

In Literatur, wie sie einem vorgesetzt wird, sind Könner am Werk. Die Figuren funktionieren. Ich sitze vor den Büchern, da ich mich gerade langweile, wie vor einem Monitor (ich könnte auch was anderes tun) und fast kommt’s mir so vor, sie handeln durchaus auch nach meinem Willen. Ich, der zweite Autor. Das würde ohne mich nicht gehen. Es ist mein Verdienst auch, ist das Gefühl; ich berausche mich an der Stimmigkeit.

Dann ist’s ausgelesen, der erste Autor ist wohl der echte, es ist ein Bestseller, ich aber schlag mich wieder rum mit Leerstellen und Dingen, die nicht funktionieren: fehlendes Talent, fehlende Zeit, fehlende Anstrengung, kein Wille.

dass die Bilder vor seinen Augen in der Lage wären, die Bilder hinter seinen Augen zu verdrängen

Marotti sitzt vor den Überwachungsmonitoren und beobachtet Lucy, „Kerze“, und Simon, „Marc Anton“ , eine Zufallsbegegnung am Bahnhof, und er denkt, für ihn wird’s wieder gut, wenn er’s für sie richten kann. Tatsächlich verläuft seine Einmischung nicht nach Plan. Oder doch? Es bleibt jedenfalls nicht ohne Ergebnis. Aber dass sich deswegen etwas für Marotti ändert, bleibt unbeantwortet.

Die äußeren Bilder und die Betroffenheit, die sich darin erschöpft. Da ist der Junge, den Simon ertrinken sieht. Ein Flüchtling? Simons Aufgebrachtheit, ihn nicht retten zu können, dagegen seine eigene innere Orientierungslosigkeit, nicht Herr seiner eigenen Handlungen zu sein, irgendwie die Dinge nur „beinahe“ zu tun. Stattdessen ein Bild, das einen bewegt, ohne dass es etwas wesentlich ändern würde.

Das Buch war eine schöne Zufallsbekanntschaft, ein gelungenes Debüt, eine lohnenswerte Begegnung, würde ich gerne sagen. Aber gerade das ist die Frage. Literatur ist nur „Beinahe“-Leben. Wie viel von dem, was Literatur an Lohn für einen bereithält, für’s Leben einen Wert noch hat, entscheidet jeder für sich selbst.

Aber wenigstens das weiß man, dass man sich entscheiden muss. Beim Lesen muss ich das nicht.

 

Marie Malcovati – Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte (Edition Nautilus)

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Zwiebel-Kant

„Denn die Menschen sind wie Fahrradschläuche in einem Zwiebelfeld“. Nachdem ich stunden- und tagelang über diesen Satz nachdachte, kam ich zu dem Ergebnis, ihn für unsinnig zu halten. Also erntete ich die Zwiebeln und bereitete mir eine leckere Zwiebelsuppe zu. Dass der Satz „Denn Menschen sind wie Fahrradschläuche auf einem brach liegenden Feld“ nun wesentlich mehr Sinn machen sollte, war mir für den Moment gleich. Ich war satt, die Zwiebelsuppe sehr schmackhaft. Was für ein Unsinn. Aus geschriebenen Zwiebelfeldern lässt sich keine Suppe kochen. Nein, ich war nicht satt. Das ist gelogen, Entschuldigung.

Nur, das ist meine Methode, ich setze einen Satz, er muss nur so in etwa grammatikalisch stimmen, an den Anfang und schaue, was sich daraus ergibt. Diesen von den Menschen, den wollte ich unbedingt einmal ausprobieren. Und eigentlich wäre es das schon. Aus all dem folgte zunächst nichts weiter. Gut möglich, dass nicht einer bis zu dieser Stelle gekommen ist. Er sagt, „Kapiere kein Wort“, und geht seiner Wege. Wir armen Leser von Sätzen, aus denen nichts folgt.

Wäre da nicht Kant. Der Gedanke kam mir gestern und ich setze ihn hier an, um diesen Beitrag irgendwie abzurunden.

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Diese moralische Wahrheit ist wie hingeschriebene Zwiebelsuppe. Sie wird gelesen, sie wird behauptet, sie stimmt, oh ja, ich glaube, das tut sie. Vieles von dem, was Kant sagt, was einige andere sagen, stimmt.

Doch warum eigentlich glaube ich das? Kant hat diesen Satz hingesetzt, er erschien ihm logisch und vernünftig. Und er ist es wahrscheinlich um ein Vielfaches mehr, als vom Zwiebelfeld-Satz je behauptet werden kann.

Das klingt jetzt vielleicht ein wenig pessimistisch, aber es gibt so bedeutsame Wahrheiten, wie diese von Kant, allein die Wirklichkeit, die schert sich wenig darum.

Aber der Satz mit der Wirklichkeit ist, glücklicherweise, ebenso wahr und unsinnig, wie der von Kant oder meiner vom Zwiebelfeld.

Die Geschichte wird es zeigen. Sie hat noch jeden widerlegt – nur im Beweisen ist sie sauschlecht.

 

Ein möglicher Ort

Das erscheint jetzt nur trübsinnig.

Man sagt, aus dem Gedächtnis, ich zitiere aus dem Gedächtnis. Da fehlt dann vielleicht ein Wort oder wird vertauscht. Vielleicht wurde das alles nicht so gesagt. Vielleicht ist da nur Gedächtnis und es war da nichts.

Aus der Erinnerung Vergangenes hervorholen. Telefonnummern, an die man sich erinnert, sind leicht zu überprüfen und am anderen Ende keine Stille vielleicht. Viel leichter als Geschichten. Stimmen die noch. waren die so? Oder sind es immer nur Geschichten, die nie waren und immer nur sind, jedes Mal.

In Geschichten aus dem Leben verschwinden. Bewahren.

Man steigt nie aus dem Fluss, wie man hineingestiegen ist. Man sieht selbst nie den Fluss. Man spürt die Strömung, fühlt die Nässe, friert. Aber man sieht nie den Fluss, den ganzen Fluss. Doch soll es ihn geben.

Ein kleiner Blick, ein kurzes Stück vom Fluss, Geschichten bannen ihn
– für Momente.
Geschichtenerzähler schöpfen den Fluss mit bloßen Händen
– niemals aus.

Er beruhigt sich in Geschichten. Dann klappe ich das Buch zu, diese Geschichte ist erzählt, er reißt mich fort. Und ich werde vielleicht dieser Geschichte nicht mehr wieder begegnen.

Auch sie wird, wenn, dann eine andere sein, weil ich es sein werde.

Stephan Kaluza hat einmal den Rhein fotografiert, alle paar Meter ein Bild, er hat die Bilder zusammengesetzt. Was in der Zeit nie zu sehen ist und deshalb nicht zu beweisen, in einem Bild. Er existiert als Montage.

Das Leben ist Ein möglicher Ort.

Sie wissen schon, das Leben ist ein Konstrukt, die Literatur ist es auch, nur Narren sprechen von Unterschieden.

Stephan Kaluza hat ein beunruhigendes Buch geschrieben. Ein Bildermensch, der darin nach der Idylle sucht, um -fast- darin umzukommen. Er lernt Julie kennen. Sie beobachtet sehr genau und kann so auch nicht leben.

Das Leben ist nur irgendwo zwischen Auslassung und Hingabe zu leben.

Vielleicht.

EinmöglicherOrt

 

 

 

 

Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv I

Mir war schon klar, irgendwann musste der Tag kommen. Doch sobald schon? So früh bereits alle Ideen weg, die Kreativität erloschen?

Vor zwei Tagen, kurz nach meiner dritten Mahlzeit, abends, gewöhnliches Pasta und ein kleiner Salat, war plötzlich Schicht. Wie die letzten Wochen zuvor saß ich an der Tastatur, aber es wollte nicht kommen, der typische Hund-Flow. Ich quälte mich ab, setzte an und, nein, fing von vorne an, löschte, eine Idee gefiel mir so gut oder so schlecht wie die andere, ich ging zum Regal, nahm verschiedene Bücher in die Hand, „Was mir am meisten fehlt, ist der Beifall.“, und so hätte ich fast Diebstahl begangen; das Zitat, an den Gänsefüsschen zu erkennen, der erste Satz aus einem Buch von F.C. Delius, Die Flatterzunge. Zumindest soweit ist es also noch nicht, ich setze noch Gänsefüsschen. Trotzdem, um mich herum auf dem Tisch weitere Bücher. Ich könnte versucht werden. War ich nur ein Schritt davon entfernt, Gedanken zu fälschen, sie als meine auszugeben? Ich beuge dem vor und rate jedem, der in nächster Zukunft übrig gebliebene Zeit finden sollte, meine Texte zu lesen, diese mit Literatur von Grillparzer oder Justinus Kerner (besonders Kerner, der neben einigem Anderen auch eine Schrift über Wurstvergiftung verfasste, ein Thema geradezu, wie für mich gemacht und folglich für eine unstatthafte Aneignung besonders geeignet) zu vergleichen. Es könnten sich Übereinstimmungen finden lassen, die über bloße Originalität hinausgehen.

Ebenso möglich ist, ich habe das jetzt nur beiläufig erwähnt, um den Eindruck zu vermitteln, ich hätte mich mit diesen Autoren beschäftigt. Vielleicht aber ja doch. Zitieren werden ich im Weiteren keinen von Beiden.

Ein Plagiat jedenfalls -soweit ist der Ehrverlust längst nicht, in die Politik beabsichtige ich nicht zu gehen- wird nach Möglichkeit vermieden.

Nach Sichtung von einigen YouTube-Videos, die hätten helfen können, mein Dilemma zu verschleiern, bis mir Besseres einfiele, hatte ich dann die eigentliche Idee, um diese Ödnis zu überbrücken und meine Leser zu veranlassen, mich nicht zu vergessen, da ich jetzt bereit war, hinabzusteigen, die Türe zu öffnen und denjenigen einzuladen, mit mir den Raum zu betreten, den zu besuchen ich mich lange gescheut habe: mein Archiv (ich möchte es so nennen, da ich eigentlich Rumpelkammer hätte sagen müssen, doch versprochen, nur in diesem Zusammenhang und nur, weil ich einmal euphemistisch sein wollte und sei es auch nur um das Wort „euphemistisch“ in einem meiner Texte unterzubringen). Jetzt sollte es also an die Substanz gehen, an die Erinnerungen an längst Vergangenes. So weit zurück ging es nie. Und das allein, um meinem Leser ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. in meiner Hoffnung er mir ebenso, wie ich ihm. Dazu war ich verzweifelt genug, um dafür bereit zu sein.

Das „Archiv“ war also kein solches und deshalb schon gleich gar nicht als vorbildlich anzusehen. Es war nicht treppab zu finden und nicht auf dem Dachboden, hinter keiner Tür, hinter keiner Luke im Boden, in keinem Geheimfach. Dieses „Archiv“ trug ich bei mir, führte ihm Essen zu, wusch es und rasierte es, kämmte das auf ihm, was darauf zu finden war und zog ihm, wenn es kalt war (bisweilen auch, wenn es höhere Temperaturen hatte) , eine Fellohrmütze auf. Und ich putze ihm ziemlich oft die Nase. Dieses „Archiv“ war das Sicherste der Welt und konnte nicht gestohlen werden, ohne nicht damit auch gleich das „Archivierte“ zu vernichten, dabei jedoch auch das Gefährdetste, wofür ich stellvertretend für alle an- und darauffallenden Gefahren, Ziegelsteine und Bechsteinklaviere anführen möchte. Aber auch ein übergroßer Genuss von gutem Rotwein mag nicht ganz ungeeignet dafür erscheinen. Doch allerdings, die größte Gefahr für dieses mein „Archiv“ kam im Grunde genommen von innen, durch die Unordnung und das Chaos. Was darin hätte sein müssen, war da, doch fand ich es nicht.  Ich bin kein ausgebildeter Archivar, neige grundsätzlich zur Unordnung und das Harmloseste dabei ist noch das Verlegen von Socken. Allerdings Gedanken, Erinnerungen oder Terminabsprachen, tja, es gibt viele Möglichkeiten und ich nutze sie regelmäßig.

Will ich weiterschreiben können und dafür auf mein „Archiv“ zurückgreifen, so bleibt mir nichts anderes übrig: ich muss aufräumen. Und das tue ich. Was ich dabei finde, wenn dem geneigten Leser zumutbar und interessant genug, werde ich vorlegen und es solange tun, bis ich wieder in der Lage bin, Neues zu verfassen.  Der Tag wird bestimmt kommen und bis dahin, das kann ich versichern, wird das ans Licht gebrachte, vom Muff und Schimmel gereinigt, nicht das Schlechteste sein, das ich zu schreiben imstande bin. Ich will es hoffen.

Bis dahin, bitte mir folgen und Vorsicht, nicht den Kopf stoßen, die Decke ist niedrig. Und passen Sie auf wegen der Ratten!

 

 

Das Besondere und das Nebensächliche

Noch genau werde ich mich…..

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…an den Bodenbelag,…

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…an dieses Absperrband,…

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…an dieses Fahrrad,…

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…dieses Graffiti,…

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…an dieses Dixi…, nein, daran nicht, aber…

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…an diese zwei Luftballons sehr gerne und…

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…ebenso an diese Riesenradgondel,…

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…aber auch an diese Trinkbehälter,…

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… an diesen Spatz oder…

DSCI0341

…diese Ampel erinnern…

DSCI0346

…zu diesem besonderen Tag…

 

…Oder auch nicht. Oder?

…Wäre aber schade, wenn nicht.

…Fragen Sie mich besser nächste Woche noch einmal!

 

 

(…Daran muss ich aber niemals erinnert werden: Spatzen mag ich, ganz besonders mag ich die, an jedem Tag.)