Schneemann, Kleiner

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Sie sind in der Angelegenheit unschuldig. Schnee fiel reichlich. Es war ihnen einfach Freude, behandschuht ihn direkt auf dem Weg in die Welt zu setzen. Dann zogen sie mit ihrem Schlitten weiter. Und er stand da, es wurde dunkel, Nacht. Wir konnten nicht Wache halten. Mussten heim. Er blieb auf sich allein gestellt. Wenn er hochhaushoch aufgekugelt worden wäre, so groß sind keine Stiefel, ihn niederzutreten. Aber so klein er war, hatte er sicherlich nicht unbegründet Angst in der Nacht, ein böser Bube (meist sind’s immer Buben) würde nebenbei treten und aus wär’s gewesen. Oder frühmorgens die orangene Putzliesel, die keine Unterschiede macht, hätte ihn auf- und weggewischt. Fort.

Aber es ging dann doch den natürlichen Gang und Milde nahm ihm das Leben, vielleicht ein wenig schnell, mag sein.

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Und dann war allerdings mit dem Schneemann -Kleiner-, auch seine Angst verschwunden. Denn man hat Angst nur, wenn man ist.

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Liebe geht durch den Magen – ein dummes Märchen

Es war einmal ein armes Würstchen, das hatte nicht einmal einen Feigensenf
Das verliebte sich in ein Gedicht. Das auch nichts Besonderes gewesen ist, sondern nur so ein ganz dünnes, ein schmales, ein kurzes, ja nichtmal ein Haiku, so kurz, aber laut Verslehre eben doch eines.
Und es gefiel dem Würstchen, dass es sich darin verliebte. Und was aus Worten ist, gefällt, dass einem ganz romantisch dabei wird, das ist ein Gedicht. PUNKT.
Nur, das Gedicht, das liebte nicht zurück (Anmerkung: mich lieben Gedichte auch sehr sehr selten; ich schau sie an -eher glotzen- wie ein Bauarbeiter, wenn, Sie wissen schon, aber es, es entzieht sich mir).
Dieses dünne, kurze Gedicht hatte gar keinen Sinn für Romantik, es hatte Bärenhunger und so musste kommen, was kommen musste, denn so wurde es uns beigebracht im Biologieunterricht, es aß das Würstchen auf, als es ihm zu nahe kam. Und verzichtete ganz dabei auf Feigensenf, den es sowieso nicht hatte und nicht das Geld, es im Biosupermarkt zu kaufen, der übrigens erst in zwei Stunden aufgemacht hätte, worauf das hungrige Gedicht nicht warten konnte/wollte.
Also: Schmatz!!! Würstchen Ade!!!
Da war es satt das Gedicht, gestärkt vom armen Würstchen, wurde kräftiger und kräftiger, schöner und schöner und erschien bald darauf allen, die es sahen als ein Sonett von Shakespeare…ach, wie wundervoll, wie geistreich, wie formvollendet.

An das Würstchen, das einmal liebte, erinnerte nichts. Aber das Sonett, das hatte hohe Auflagen und lebt heute mit einem Filmstar an der Riviera.

So, liebe Kinder, jetzt wischt euch noch schnell den Feigensenf aus dem Gesicht und geschlafen wird!

17:40

Als Herr H. eines Morgens aufwachte, fand er sich in ein recht langes Lied verwandelt. Es hätte ihn schlimmer treffen können, fand er sogleich. Es hätte viel kürzer sein können, das Lied. Oder schlimmer noch, er hätte lediglich als Klingelton oder klassisch als Insekt, daran wollte er nicht denken. Es war gut so, wie es kam.

Am Abend zuvor, da saß er noch bei sich zuhause, aß sein Büchsenfleisch, es war auch gut, aber keine Geschichte. Er schlief ein, sehr bald, wie stets. Und irgendwann zwischen halb Drei und Vier, da musste, niemand Anderes war dabei, Keiner konnte später erzählen, wie, da wurden aus Herr H. Töne. Einfach so. Die setzten sich zusammen, es brauchte dafür ein Weilchen, aber die Nacht hat ja die Zeit, für solche Begebenheiten, am Ende kam heraus, ganz harmonisch, Herr H. war es aber nicht mehr, dieses lange Stück Musik, wo vorher ein Mensch gewesen ist.

Und wenn man es logisch nimmt, war da auch für Herr H. am darauf folgenden Morgen kein Bedauern oder Besser- und Schlechterfinden, dass er jetzt eben nicht mehr und das Frühstück und der Tag -danach- ohne Herrn H. würde auskommen müssen, denn ein Lied, kurz oder lang, das findet nichts, bedauert noch viel weniger, sondern klingt einfach.

Allein, es wäre für Herrn H., der in dieser Nacht zum Lied geworden war, zu wünschen, wenigstens einer ist da, um ihn zu hören, dass er nicht einfach in die Stille sich vergibt. Das würde dann doch aus dem Ganzen eine gänzlich sinnlose Angelegenheit machen.

Die ich bei diesem Ausgang so nicht würde akzeptieren können.

XIX. Meute und Märchen, Variation Tischer – Teil 1

Sie bestand aus unzähligen Anoraks, Mützen, Schals und kleinen Rucksäcken, darin Vesperdose und Trinkflasche, dazwischen rote Backen, Kulleraugen und Zahnlücken: die Meute. Tischer und ich. zwei, ein Wilder, sein Träger, standen ihr entgegen, also vielmehr saßen wir. Und eigentlich nur so vor uns hin.

Eine dieser Zufallsbegegnungen. Wir hatten gewartet, ich auf die Dame, Tischer auf seine Gelegenheit. Er hatte mal wieder Lust. Die Meute kam durch die Türen aus dem Saal herausgeströmt, die Vormittagsvorführung, kurz vor Weihnachten, ein Märchenstück, war zu Ende. Nur einen kurzen Moment, dann war das Gefühl einer Angst gewesen. Bei mir natürlich, ich Lusche. Tischer, das sprichwörtliche Gegenteil, flatterte und vibrierte bei dem Anblick. Vorfreude. Sie hätten Spatzen sein können, kaum größer, die da jetzt die Vorhalle füllten: Menschen, kleine Form.

Dann erkannte Tischer trotz ihres Geflatters, keine Spatzen, weil sie ja gar nicht wegflogen, wie sonst. Er vibrierte aber weiter. Ich fragte mich, warum, schaute Tischer an, dann die Meute, mir erschienen sie wie niedliche, doch nicht ungefährliche Brülläffchen, und ja, verstand. Auf der einen solch eine prächtige Meute, auf der anderen der passende Tischer dazu, man könnte glauben, es wäre der Dschungel. Es war die Wildheit bei beiden, die verband. Da das Potential, hier beim Gestreiften ausgewachsen und vollendet. Nicht ganz seinesgleichen, aber doch ziemlich. Und auch die Meute erkannte Tischer als seinesgleichen und stürmte auf ihn los, in der Absicht, ihn wild zu drücken. Da ist zwar das Gemeinsame, aber so kompakt als Meute, ist so ein kleiner Mensch in seiner ungestümen Kraft mehrhändiger als ein einzelner Tischer. Und so kann ein Drücken und Herzen schnell zu einer Vielteilung führen.

Wie fing ich es also an, da ich es voraussah, die Bedrohung abzuwenden. Tischer hätte als Letztes geschützt werden wollen. Mehr Lusche ginge ja wohl nicht. Doch musste es sein. Ich hob ihn, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, in die Luft. So etwa zwei Meter über dem Boden mit gehörigem Abstand zur Meute, konnte Tischer vielleicht der bleiben, der er ist, ein Wilder und ganz. Die Meute brandete, ich blieb standhafter hoher Fels mit Miezekatze obenauf.

So beruhigte sich denn auch recht schnell wieder die See und brav, der eine mehr als der andere, alle aber hungrig, denn es war bereits Mittag, setzten sich die kleinen Menschen auf Stühle an die Tische und öffneten ihre Vesperdosen. Tischer, noch immer ganz weit oben, grummelte. In seinen Augen hatte ich ihm die Aventiure versaut. Langsam, immer ein wachsames Auge auf die, die jetzt, scheinbar sehr konzentriert, krümelten, kauten, schlürften und schmatzten, senkte ich den Arm, bis Tischer und die Meute wieder auf Augenhöhe waren. Bei mir blieb ein Rest von Anspannung und Vorsicht.

Nasen und Münder in den Dosen oder knapp darüber ging vorerst keine Gefahr mehr von der Meute aus. Die Gefahr vonseiten Tischers, abwarten. Wegfliegen konnten die, die dann doch keine Spatzen waren, nicht. So blieb der status quo vorerst ein schwebender. Der dann allerdings in einen leicht trägen überging. Das Vesper. Es war wohl ganz passabel, was da in den Dosen zu finden war. Das Träge machte, dass sie genügsam und friedlich wurden.

Und Tischer? Der war nicht so sprunghaft wie gewohnt, ließ sich Zeit, was daran liegen konnte, dass er nicht wusste, so zahlreich waren sie, welchem aus der Meute er sich zuerst zuwenden sollte. Sie waren jetzt zwar keine Spatzen, aber ähnlich reichte ihm.

Nur wenn er die Wahl hat und so viel davon, ist es eine Beute, die es ihm nicht leicht macht, so zahlreich, wie sie daherkommt.

Er überlegte eine passende Strategie. Ich konnte ihm da nicht helfen, Marcel war nicht mitgekommen, so dauerte es eben ein paar zusätzliche Momente. Dieses ganz alleine Denken jedoch und an kein Ende damit kommen, besonders, wenn man ja darin ein Ungeübter, machte nun ihn gleichfalls träge und folglich -Ohgottohgottohgott- friedlich (Nun, da es ausgesprochen, ist es in der Welt, die ich nur bitten kann, es nicht weiter herum zu erzählen, dass es nicht an Tischers Ohren kommt, wegen der möglichen Folgen für seinen Träger, also mich, Plappermaul und Petze).

Alle sind sie gleich, in der Meute oder einzeln gestreift. Geb ihnen eine Vesperdose oder was zum Nachdenken, schon wird der Kopf schwer, das darunter aber auch. Am liebsten möchte da geschlafen werden. Eine Couch, ja bitte! Die Lieblingsdecke, darunter sich wickeln. Nun, Tischer wollte ja mit. Es war ein Montag und damit erschwerend nicht seine Zeit. Und weit weg sein Plätzchen für so einen Tag. Hier konnte er jetzt nicht einfach eindösen. Da war ja die Meute in seinem Revier. Anmerkung: Im Grunde ist ja überall Tischers Revier. Um Tischers Nähe herum müsste immer ein Schild sein: „Betreten auf eigene Gefahr“. Nur, da diese Meute anders war, Warnschilder, die vielleicht besser da gewesen wären, aber nicht waren, wahrscheinlich eh doof gefunden hätte, musste Tischer wachbleiben. Auf mich verlässt er sich da nicht. Ich bin lediglich sein Reittier, mit fast keinem Streifen. Gefahren macht der Chef persönlich. Besser so. Hier zählt Erfahrung.

Er blieb also wach. Man stelle sich nur dabei die Anspannung vor, die Lider weit hoch gerissen, dass keine noch so kleine Bewegung der Meute dem Vollwilden entgehe. Alle Muskeln und Sehnen zum Sprunge bereit, wenn es einer darauf anlege oder Tischer seine Überlegung doch noch beende und es Schluss wäre mit Friedlichkeit und Status quo.

Da aber eine, mit besonders großer Lücke, doch noch größeren Kulleraugen, war wohl weniger träge als die anderen und scheinbar mutig genug, es darauf anzulegen. Sie hob den Kopf, wendete sich uns zu und schaute, ohne jede Furcht dem Gestreiften in den wachen Blick. Vorsicht, mein Kind, dachte ich. Und dachte, Tischer, beherrsche Dich. Ich sah bereits den Tumult, das Durcheinander. Ein weiteres Mal hätte mich Tischer ihn nicht von Aventiure abhalten lassen. Das war so eine Kuba-Situation, auf Messers Schneide. Mir wurde schwer mulmig.

Und es sprach ihn an, nicht mich.

„Onkel, erzähl mir eine Geschichte!“

Tischer bekam eine Falte auf der Stirn. Groß und tief. So eine hatte ich noch nie bei ihm gesehen.

„Erzähl mir eine Geschichte, Onkel! Ein Märchen.“

Eine zweite Falte, die sich zeigte.

„Meinst Du mich?“

„Ja.“

„Bin nicht dieses Onkel. Was immer das sein soll.“

Ich kenne die Familienverhältnisse von Tischer nicht umfassend, bin mir jedoch ziemlich sicher, wenn Tischer auch nicht weiß, was so ein Onkel ist, die Kleine hatte zwar viel Wildes an sich, nicht aber so in einer Linie, verwandt und vollständig Tischer. (Sagte ja bereits Brülläffchen, Spätzchen eher weniger, noch zu klein, um mit Sicherheit und langweilig nur Mensch zu sein.)

„Phh, für mich schon.“ Es blieb dabei. „Mach Quatsch oder erzähl ein Märchen!“

Was den Quatsch betrifft, ja, Tischer wäre so ein Onkel. Aber Märchen, das passt nicht. Das ist ja Text. Ist bekannterweise nicht in Tischers Art vorgesehen.Trotzdem. „Lass ihn nicht Quatsch machen“, ich ahnte sehr genau, worauf das hinauslaufen würde. Großer Onkel, Super-Onkel, Onkel mit vielen Streifen, Meister-Quatsch-Onkel. Und wir Hausverbot allesamt bis jenseits von allem.

So plädierte ich für das Märchen. Bettelte. Flehte. Dieses eine Mal Text. Nur einen kurzen. Ich versprach Tischer sogar dafür ein Hörnchen, das falschechte mit der Nussfüllung. Das tat ich wohl recht eindringlich, denn, ich flunkere nicht, seine Augen bekamen diesen speziellen Glanz. Weich geradezu.

„Zwei!“

„Wie?“

„Zwei falschechte.“

„Ja ja, zwei“, und dachte bei mir, zweihundert hätte ich ihm gegeben. Nur Tischer kann eine so große Zahl nicht zählen, manchmal ganz nützlich, ich gebe es zu.

„Und nur ein kurzes.“

„Es wird schon reichen“

„Mach endlich, Onkel!“, das kleine Wesen langsam ungeduldig, „Quatsch oder Märchen.“

„Märchen“, grummelt Tischer, „auch wenn mir Quatsch lieber wäre.“

„Tischerrrrr!!!“

„Ist ja gut. Märchen also.“

„Fang an!“

„Aber nur ein kurzes.“

„Mal sehen.“ Und wenn kleine Wesen „Mal sehen“ sagen, ist es noch nicht ausgestanden. Längst nicht.

Tischer überlegte. Warum war auch Marcel nicht da. Der hätte gar kein Problem mit so einem Märchen gehabt. Betstimmt nicht. Doch Tischer hat Phantasie, große sogar. Er mag halt nur keine Texte. Dafür allerdings, weil er ja die zwei falschechten auch unbedingt haben wollte, fiel ihm ziemlich rasch so eine Art von Märchen ein. Erstaunlich das…….

„Es war einmal, weiß nicht mehr wann, so ein Mädchen, das hatte eine böse Stiefmutter aber noch keine Streifen und alle nannten es das Luschenputtel……..(Fortsetzung folgt)“

(Anmerkung von mir: mich überkommen bisweilen Zweifel, ob Quatsch nicht vielleicht doch die bessere Option gewesen wäre. Aber so war die Geschichte und kann nicht mehr geändert werden.)

Das Verschwinden einer Geschichte

Das letzte Mal den Rübezahl vor einer Horde Knirpse gegeben. Legt die Verkleidung ab und geht nicht etwa nach Hause, sondern verschwindet einfach, ist weg, Christoph, der keine näheren Bekanntschaften hatte, was online passierte, soll hier nicht zählen. Im Kinderhort „Tannenwald“ die Märchenstücke geben war bis dahin eine Regelmäßigkeit in Christophs Leben. Und den Kleinwüchsigen schien es immer gefallen zu haben. Kinder, Johannisbeersaft aus schnabelnasigen Bechern schlürfend, lassen sich leicht zufriedenstellen. Einfache Geschichten, die anschließenden Warum-Fragen nicht ernst gemeint. Es wird dazu in Zukunft nicht mehr kommen. Man wird sich anderes einfallen lassen müssen.

Mit dem Kostüm hat Christoph gänzlich alles abgelegt. Er hat den Bergriesen zu lange gespielt. Und sein Leben? Ein Irrlicht, ohne Geschichte, ohne bestimmte Richtung, worauf das hinauslaufen sollte. Dann auch keinen Namen mehr, die Identität wird zurückgelassen. Es ist zwar kalt, kein Schnee, aber Dezember, kurz vor Weihnachten, doch für ihn für Weihnachtswunder längst zu spät. Da kommt nichts mehr.

Das Stück, erfolglos, ist für ihn abgespielt, das Varieté beendet. Ohne Spuren endet jede Geschichte, wenn es denn eine gegeben hat, mit dem Verschwinden. Wirkliches Verschwinden, nicht nur sich in eine Ecke legen, einschlafen, zu Beginn noch schnarchend, dann endend irgendwann in der Nacht der eine und geht in den ewigen Schlaf einfach über. So ist es nicht. Den Namen loswerden irgendwie, sich als Person, was immer das sein soll.

Die Identität, manchmal im Rausch, im Eierlikördusel für Momente, jetzt völlig loswerden und sein, irgendwas, nur nicht das Eigene und keine, ja was, Geschichte mehr haben, wie ein Stein, ein Baum, unerkennbar werden für die Menschen um einen.

Möglicherweise wird er umkehren, weil ihn friert. Oder eben nicht und er verschwindet, bevor die Geschichte weitererzählt werden kann, die alles war, nur kein Märchen und er ein Rübezahl darin.