XXIX. Tischer, Jäger und Sammler

Jeder braucht ein Hobby. Das Dasein kann so breit, so lang und weilig auch werden, wenn es nicht ausgefüllt werden kann. Nur schlafen und träumen, das wäre schön, geht aber nicht immer. Man könnte natürlich ständig die Steuer erklären und käme an kein Ende. Ist eine Überlegung wert. Beschäftigt wäre man.

Was aber, wenn man ein Tischer ist und mit Steuern nichts am Hut hat?

Am Anfang wollte Tischer Treppenstufen sammeln. Das konnten wir ihm ausreden. Die Forderungen der Krankenkassen erschienen uns zu hoch. Wir sind keine Milliardäre, keine Baulöwen, dass wir Treppenstufen bzw. das Fehlen derselben mal soeben aus der Portokasse bezahlen könnten.

Zwischenzeitlich verlegte sich Tischer darauf, Kirchenfenster einzuschmeißen, aber nur die bunten und da gezielt die Farbe Rot. Aber Kirchen werden immer weltlicher und farbloser und Verkehrsampeln sind nur der halbe Spass. Er ließ es bleiben.

Ich schlug ihm -thörichterweise- Briefmarkensammeln vor. Ich vergaß, auf so einer Briefmarke steht oben unter dem Gezackten oder unten über dem Gezackten oder auch mal irgendwo dazwischen, ganz klein, aber man kanns lesen „Deutsche Post“ oder „Dänische Post“ oder „Post von Vatikan“ oder „Post von sonstwoanders“. Und man kann’s nur lesen, weil’s ein Text ist. Klein oder groß, Tischer mag Texte nicht. Und von allen Briefmarken das runterschneiden – ist doof.

Tischer meinte mal, ihm gefielen Ming-Vasen. Wir schwiegen lange, Münder und Augen weit offen. Dazu fiel uns nichts ein. Und glücklicherweise sprach Tischer auch nie wieder darüber.

Nachdem also Tischer die Reihe durchhatte mit kreativen Einfällen und zuletzt Poesiealbum (Vorschlag Marcel) auch nicht wirklich eine gute Idee war, fanden wir doch eins. Also Tischer gab dem Hobby seine Weihe, Madame ihm eine Dose: ab da sammelte Tischer Fussel und Fusselähnliches.

Nun würde mancher sagen, aber Tischer macht doch Aventiure. Ist das denn kein Hobby? Nein, denn Aventiure ist mehr als das. Ist Tischer wesentlich. Ist seine Essenz. Nimm diese weg, was hast du da: ein Ding mit Streifen. Nein, die Aventiuren gehören zu Tischer wie Luft zu Liebe. Ohne Aventiure wäre für Tischer wie Ersticken. Und tatsächlich röchelt er immer ein wenig, wenn’s mal wieder zu lange dauert. Denn die Aventiuren sehen es ein wenig anders als Tischer. Sie meinen, sie kämen ganz gut ohne Tischer aus, zumindest aber so lange, bis sie sich wieder erholt haben vom Gestreiften. Und dann machen sie Siesta, weit weg in einem Land, das nicht an Tischer ausliefert.

Nein, ein Hobby, das ist für Tischer ein Ausgleich, eine Überbrückung. Für das allerdings Tischer eine Leidenschaft entwickelt hat. Wenn was machen, tun oder haben, dann alles.

Er hat also Fussel für sich entdeckt. Zuerst die aus meinem Nabel, dann die unterm Bett undsofort. Und nur die schönsten Fussel sind ihm gerade recht, wobei uns die ästhetischen Kriterien von Tischer nicht ganz klar sind. Auch sind es nur im allerweitesten Sinn „Fussel“. Da ist schonmal eine Feder oder ein alter Keks dabei. Doch er ist glücklich dabei. Also, was soll’s?

Und seine Sammlung, ich kann’s nicht anders sagen, ist schon recht beachtlich.

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Da sind Stücke dabei. Unbezahlbare, kostbare Stücke, will ich meinen. Tischer hat die jetzt nicht von einem Fusselsachverständigen mit Diplom schätzen lassen, das nicht, aber darauf geschlossen, wie Tischer seine Dose bewacht, so muss es mindestens den Wert einer gesunkenen Galeone haben, einer spanischen echten, keiner nachgemachten aus Lego. Es war deshalb nicht ganz ohne Gefahr, mal kurz sich die Dose für ein Beweisbild zu borgen. Aber wir kennen alle Tischers Tiefschlafphasen, er brabbelt dann bzw. es ist ein Werktag. Mit ein wenig Geschick, so gelingt’s an solchen Tagen.

Gut, gut, Fussel also. Nur, da es Tischer ist, so muss ja folgerichtig irgendwann eine Übertreibung kommen. Es wäre ausgesprochen irritierend, würde unser Gestreifter nun für immer einfach dasitzen mit einer Pinzette und einer Lupe und einfach die gesammelten Fussel von rechts nach links sortieren oder sie reinigen, putzen und abstauben. Dann könnte er ja gleich alt werden.

Nein, nein, da fehlte noch der Tischersche Twist, das Obligatorische. Das kam letzte Woche und dauert an. Tischer wollte seiner Sammlung einen besonderen Fussel einverleiben. Da es sich außerdem nach einer exquisiten Aventiure anfühlte, war bei Tischer sowohl die Sammelleidenschaft, als auch der Jagdinstinkt entfeuert: der unter Kennern bekannte Riesenfussel, die Krönung jeder Sammlung, entdeckt und in greifbarer Nähe in Tisches Einflussbereichs. (Anmerkung: ehrlicherweise muss man sagen, dass dem, was ein Experte für Fussel genannt werden kann, am nächsten kommt, nur allein Tischer selbst sein kann, es die Einschätzung als Krönung einer Sammlung also ein wenig einschränkt. Mir nicht bekannt, dass es für Fussel einen Lehrstuhl oder eine Fernsehsendung gibt.)

Mir ist nicht klar, welche Konsequenzen, es haben wird, aber einfach wird es nicht. Tischer will, also ist Tischer nicht aufzuhalten. Und schon gar nicht von Argumenten. Wenn ich ihm sage, der Besitzer von Riesenfussel hat Delegiertenstimmen und möglicherweise bald auch Panzer, dann ist’s nur Öl ins Feuer. Arme Panzer, ich liebe Panzer. Delegierte sind mir nicht so wichtig. Aber so Panzer haben nicht die Ausrüstung für so einen Tischer. Wenn man sie alle zusammenschweißen würde, helfen würde es nicht gegen Tischer.

Tischer ist also los, ließ sich nicht aufhalten, hat sich meinen Handrasierer geliehen und ist auf dem Weg. Und es dauert solange, wie es dauert. Ich weiß jetzt nicht, ob ich die Panzer warnen soll. Dass sie sich auf Bäume retten, einbuddeln oder als Kinderwagen tarnen können. Raten würde ich den Panzern auf jeden Fall, Abstand zu halten vom Besitzer von Riesenfussel. das könnte schon reichen.

Um den Besitzer von Riesenfussel ist’s mir wurscht. Um seine Delegiertenstimmen ebenso.

Aber gut, um des lieben Friedens willen, falls jemand ihn wirklich warnen möchte -als würde das was helfen-, hier ein Bild des Objekts von Tischers Begierde:

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Vielleicht dass man dem Besitzer ein Nachricht zukommen lässt, besser den Fussel rauszurücken. es gibt sicherlich in seiner Nachbarschaft einen qualifizierten Friseur, der das Schlimmste abzuwenden helfen könnte. Und wenn er es nur wegen der lieben Panzer würde machen wollen.

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XXVII. Das wahrscheinlich größte Abenteuer diese Woche – wenn sie keiner warnt

Mein Gott, die vielen Streifen machen dich auch nicht klüger, hm?

Also das ist jetzt nicht dein Beitrag, Clemens. Halt Dich da raus! Abgesehen davon, Du hast keine Ahnung von Katzen und von solchen mit Streifen schon gleich gar nicht. Ich halte dich für ziemlich intelligent, aber da liegst du ganz daneben. Streifen stehen für mehr als Intelligenz. Streifen machen Intelligenz überflüssig. Wer Streifen hat, muss nicht Geschichten sich ausdenken, er macht sie. Und wenn ich seh, Du erzählst auf tausendund Seiten eine Geschichte, ist zu vermuten, nirgendwo an deinem Körper auch nur der Hauch von einem Streifen, nichts davon eigenes Abenteuer. Nur Denken, nur Intelligenz und Genialität.

Ganz anders einer, dessen Streifen man schon von weitem sieht, wenig von dem, was dir wichtig ist, doch randvoller Aventiure und bereits so viele von denen gemeistert, manche durch bloßes grimmig Draufschauen, dass anzubauen wäre für die vielen Streifen. Denn er wächst nicht mehr an Körperfläche und nicht mehr optisch unterzubringen ist sein ganzer Mut.

Und all diese verdienten Streifen ohne sich viel dabei denken zu müssen. Für das Wenige, das bedacht werden musste bislang, standen wir In der Pflicht. Er aber, einfach hin, rein in das Abenteuer, das gerade wollte oder musste, weil er schneller war, und bestanden. Selten, ganz selten, Worte gemacht. Sondern sich den Streifen abgeholt, zurück unter die Decke, mehr nicht.

Sei’s drum. Das war zu klären. Ist geklärt. Stör nicht weiter mit unsinnigen Zitaten und lerne lieber von einem, der ein Träger von Streifen ist. Deine Zeit für einen eigenen Beitrag wird schon bald wieder kommen. Jetzt aber zum vorläufig größten Abenteuer in dieser Woche: wir, die wahrscheinlich unglaubwürdigste Reisegruppe, die sich denken lässt sind auf halber Strecke. Und sie, die am Ende der zweiten Hälfte sind, sollten langsam mit dem Zittern beginnen, denn Tischer ist dabei. Und er hat diesmal einen großen Filzstift dabei, in schwarz.

Für diese Aventiure, ausnahmsweise, hat Tischer sich vorbereitet. Er will einfach in den drei Tagen fertigwerden. Drei Tage, das hätte vor ihm keiner geschafft. Drei Tage, in denen Tischer den ganzen Texten den Garaus machen will. Streifen gegen Text. Dicke schwarze Streifen. Er hat geübt. Wir überließen ihm, was wir entbehren bzw. nicht schnell genug verstecken konnten. Es tat uns, Marcel und mir, trotzdem weh, das alles mit anschauen zu müssen.

Wir versuchen alles, um es einzudämmen, um Tischers Rabaukentum und Wildheit im einigermaßen Zivilen zu halten. Nur befürchten wir einen Rausch, wenn er erstmal die Hallen voller Texte sieht. Aber es ist nur ein Filzstift. Was ist damit schon auszurichten? Dem Aufsichtspersonal können wir nur die Empfehlung aussprechen, am Eingang die Texte vom Vorjahr auszulegen. Das würde ihn aufhalten, bis der Stift leer ist.

Und wir warnen die, die solche Texte verfassen, Abstand zu halten. Er erkennt sie und er bekritzelt sie. Da hättet ihr dann eure Streifen, nicht abwaschbar. Es ist für manchen ja vielleicht sogar eine Ehre, von Tischer Streifen verliehen zu bekommen. Der kann die Warnung ja ignorieren. Wir haben jedenfalls hiermit unsere Pflicht getan. Jeder weiß Bescheid.

Dann wäre da noch die Sache mit den Kassetten von lauter Musik, My Way von Frank Sinatra, Tischer Lieblingslied. Denn, Tischers Plan, was Text ist, wird gelegentlich auch vorgetragen und so will er mit Frank Sinatra in voller Lautstärke und in Endlosschleife diese Lesungen sabotieren.

Fragt also nicht, wenn laute Musik erklingt, kein Wort mehr zu verstehen ist, weil infernalisch Frankie durch die Hallen tönt, ist das das Ende und Wie komm ich jetzt schnell nach Hause unter mein Bett, sondern das bedeutet nur, Stift ist alle, Tischer macht akustisch weiter und ja, vielleicht, ist das das Ende und schön ist es zuhause unter dem Bett. Doch es gibt Schlimmeres. Tischer könnte zum Beispiel Helene Fischer abspielen. Man kann nicht sagen, Tischer wäre nicht human.

Das zu Tischers kleinem Feldzug gegen jede Menge Text. Wir stehen kurz vor den Toren der Stadt. Und wenn die Stadtoberen jetzt nicht alles verschließen mit Vorräten bis zum Winter und die Mauern hochziehen bis kurz unter die Decke, dann wird’s sicher lustig. Es ist ja nur einer, der ein wenig Anderes im Sinn hat als seine Mitreisegenossen.

In bester Lage

Sie suchen einen schönen Ort zum Leben Lesen?

Hier entsteht auf einer Fläche von 17500 Quadratmetern in bester Gemütslage ein moderner Textkomplex mit zahlreichen luxuriösen Zeilen für drei bis vier Gedanken. Außerdem soll es im unteren Bereich Wortpassagen geben, in denen Weisheiten für den täglichen Bedarf zu finden sind: Einkaufslong- & Shortlisten, Rezepte, Bedienungsanleitungen. Und für Familien ist sogar die Einrichtung von Abzählreimen und Comic-Cartoons geplant, wo sie die Kleinen abgeben können. Und natürlich sind auch Flächen , um Ihre Kommentare (alle überdacht) parken zu können, vorgesehen. Exposé und Grundriss können Sie anfordern bei:

hundsimmobilien@untereinemdach.com

Uns ist gelungen, bis es soweit ist, an dieser Stelle als Platzhalter und quasi zur Bewachung der Textbaustelle Schillers Fragment „Die Polizisten“ auszugraben:

Polizei : Bleiben Sie stehen, Sie Lümmel!

Lümmel: Oh Schicksal, sie haben mich.

Polizei: Ja, das haben wir.

Lümmel: Na denn.

Polizei: Ja

(Polizei und Lümmel gehen nach rechts ab)

Bis zum voraussichtlichen Bauende im Frühjahr 2017 gilt auf jeden Fall: Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr und nur mir Helm.

Traurige Torte fliegt

Findet kein Gesicht. Einmal landet alles oder fällt herab zu Boden. Blätter, Pfeile, Segelflieger. Nur Torte nicht. Sie wird von anderem angezogen, nicht von Schwerkraft. Nur ein Ziel, ein neues, entzieht sich ihr, versteckt sich. Da ist Bewegung und ein Wollen. Geworfen, fliegt sie jetzt, bis sie treffen kann.

Der sie warf, ein Witzbold, nehme ich an, ist längst verzogen, in eine andere Stadt – bessere Verdienstmöglichkeiten.  Ich kann nichtmal mehr sagen, worauf, wer da damals stand, vis-a-vis. Sie wurde geworfen, am Ziel vorbei, das reicht. Und kommt nirgendwo an. Fliegt über Häuser, kein Gesicht, über Straßen, Plätze, kein Gesicht, seit fast schon Ewigkeiten überall, kein Gesicht. Sind alle abgewendet oder schauen auf den Boden.

Das ist doch keine vernünftige Bestimmung so. Das kann doch nicht sein. Von wem auch immer, das ist sehr schlecht eingerichtet. Das ist Torte, Mensch. Mit süßer Sahne. Bunt. Zum Nur-Essen wahrscheinlich mit zu viel Kalorien. Will denn keiner? Woher diese trübsinnige Scheu? Ihr ein Plätzchen bieten, zwische Kinn, Nase und Stirn. Sie landet in ihrer Bestimmung ganz, wie es soll. Tut nicht weh und schmeckt. Die Haare verkleben nicht, fast.

Keiner aber da. Der da unten, die Augen in einem Buch, ernsthaft. Dabei ist der noch jung. Torte kleckst ein wenig. Er merkt es nicht, ist ganz versunken. Das Paar dort, ein Klecksen. Sie denkt, ein Vogel. Er nimmt sein Taschentuch. Sie sind verliebt. Am Haus der Mann. Klecks. Er schaut nur auf die Uhr und bemerkt nichts, der schöne Anzug, und eilt hinein.

Torte fliegt und fliegt, die Traurigkeit versalzt sie langsam. Noch aber ist genug für das eine Gesicht. Das müsste sich nur entgegenrecken, frontal schauen, überrascht tun und besser dann doch die Brille abnehmen vorher. Wenn sie vorbeifliegt. Am besten auf einen Stuhl steigen, dass Torte auf jeden Fall sehen kann, wohin.

Allein, die Bestimmung von Torte ist das Gesicht, nur gibt es keine Gesichter mehr, die in Torte ihre Bestimmung hätten. Torte und Gesicht, wie auf verschiedenen Planeten. Die ganze Woche, nicht einmal wenn Feierabend ist, Wochenende, Ferien am Meer. An den Gesichtern fliegt Torte vorbei, den allzu ernsten Gesichtern.

Das stimmt ja alles gar nicht. Ich weiß sehr wohl, wem die Torte damals galt. Mir. Ich bin schuld. Ich habe mich damals weggeduckt. Ein Reflex, Sekundenangst, ich könnte zu viel Torte in die Augen kriegen. Ich bin Torte damals zwar gleich nachgerannt, um vor sie zu kommen. Es war jedoch zu spät, sie ziemlich schnell, sie flog davon.

Jetzt warte ich so lange schon, dass sich unsere Wege kreuzen. Ihretwegen, wegen der Bestimmung von Torte. Meinetwegen, weil mir ein wenig Albernheit und Slapstick gerade ganz gut passen würde, da alles um mich herum und in mir selbst so ernst ist. Groß ist die Welt, ich bin klein, Torte hat Wurftortengröße. Wie groß ist da die Wahrscheinlichkeit, dass das noch klappt?

XIX. Meute und Märchen, Variation Tischer – Teil 1

Sie bestand aus unzähligen Anoraks, Mützen, Schals und kleinen Rucksäcken, darin Vesperdose und Trinkflasche, dazwischen rote Backen, Kulleraugen und Zahnlücken: die Meute. Tischer und ich. zwei, ein Wilder, sein Träger, standen ihr entgegen, also vielmehr saßen wir. Und eigentlich nur so vor uns hin.

Eine dieser Zufallsbegegnungen. Wir hatten gewartet, ich auf die Dame, Tischer auf seine Gelegenheit. Er hatte mal wieder Lust. Die Meute kam durch die Türen aus dem Saal herausgeströmt, die Vormittagsvorführung, kurz vor Weihnachten, ein Märchenstück, war zu Ende. Nur einen kurzen Moment, dann war das Gefühl einer Angst gewesen. Bei mir natürlich, ich Lusche. Tischer, das sprichwörtliche Gegenteil, flatterte und vibrierte bei dem Anblick. Vorfreude. Sie hätten Spatzen sein können, kaum größer, die da jetzt die Vorhalle füllten: Menschen, kleine Form.

Dann erkannte Tischer trotz ihres Geflatters, keine Spatzen, weil sie ja gar nicht wegflogen, wie sonst. Er vibrierte aber weiter. Ich fragte mich, warum, schaute Tischer an, dann die Meute, mir erschienen sie wie niedliche, doch nicht ungefährliche Brülläffchen, und ja, verstand. Auf der einen solch eine prächtige Meute, auf der anderen der passende Tischer dazu, man könnte glauben, es wäre der Dschungel. Es war die Wildheit bei beiden, die verband. Da das Potential, hier beim Gestreiften ausgewachsen und vollendet. Nicht ganz seinesgleichen, aber doch ziemlich. Und auch die Meute erkannte Tischer als seinesgleichen und stürmte auf ihn los, in der Absicht, ihn wild zu drücken. Da ist zwar das Gemeinsame, aber so kompakt als Meute, ist so ein kleiner Mensch in seiner ungestümen Kraft mehrhändiger als ein einzelner Tischer. Und so kann ein Drücken und Herzen schnell zu einer Vielteilung führen.

Wie fing ich es also an, da ich es voraussah, die Bedrohung abzuwenden. Tischer hätte als Letztes geschützt werden wollen. Mehr Lusche ginge ja wohl nicht. Doch musste es sein. Ich hob ihn, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, in die Luft. So etwa zwei Meter über dem Boden mit gehörigem Abstand zur Meute, konnte Tischer vielleicht der bleiben, der er ist, ein Wilder und ganz. Die Meute brandete, ich blieb standhafter hoher Fels mit Miezekatze obenauf.

So beruhigte sich denn auch recht schnell wieder die See und brav, der eine mehr als der andere, alle aber hungrig, denn es war bereits Mittag, setzten sich die kleinen Menschen auf Stühle an die Tische und öffneten ihre Vesperdosen. Tischer, noch immer ganz weit oben, grummelte. In seinen Augen hatte ich ihm die Aventiure versaut. Langsam, immer ein wachsames Auge auf die, die jetzt, scheinbar sehr konzentriert, krümelten, kauten, schlürften und schmatzten, senkte ich den Arm, bis Tischer und die Meute wieder auf Augenhöhe waren. Bei mir blieb ein Rest von Anspannung und Vorsicht.

Nasen und Münder in den Dosen oder knapp darüber ging vorerst keine Gefahr mehr von der Meute aus. Die Gefahr vonseiten Tischers, abwarten. Wegfliegen konnten die, die dann doch keine Spatzen waren, nicht. So blieb der status quo vorerst ein schwebender. Der dann allerdings in einen leicht trägen überging. Das Vesper. Es war wohl ganz passabel, was da in den Dosen zu finden war. Das Träge machte, dass sie genügsam und friedlich wurden.

Und Tischer? Der war nicht so sprunghaft wie gewohnt, ließ sich Zeit, was daran liegen konnte, dass er nicht wusste, so zahlreich waren sie, welchem aus der Meute er sich zuerst zuwenden sollte. Sie waren jetzt zwar keine Spatzen, aber ähnlich reichte ihm.

Nur wenn er die Wahl hat und so viel davon, ist es eine Beute, die es ihm nicht leicht macht, so zahlreich, wie sie daherkommt.

Er überlegte eine passende Strategie. Ich konnte ihm da nicht helfen, Marcel war nicht mitgekommen, so dauerte es eben ein paar zusätzliche Momente. Dieses ganz alleine Denken jedoch und an kein Ende damit kommen, besonders, wenn man ja darin ein Ungeübter, machte nun ihn gleichfalls träge und folglich -Ohgottohgottohgott- friedlich (Nun, da es ausgesprochen, ist es in der Welt, die ich nur bitten kann, es nicht weiter herum zu erzählen, dass es nicht an Tischers Ohren kommt, wegen der möglichen Folgen für seinen Träger, also mich, Plappermaul und Petze).

Alle sind sie gleich, in der Meute oder einzeln gestreift. Geb ihnen eine Vesperdose oder was zum Nachdenken, schon wird der Kopf schwer, das darunter aber auch. Am liebsten möchte da geschlafen werden. Eine Couch, ja bitte! Die Lieblingsdecke, darunter sich wickeln. Nun, Tischer wollte ja mit. Es war ein Montag und damit erschwerend nicht seine Zeit. Und weit weg sein Plätzchen für so einen Tag. Hier konnte er jetzt nicht einfach eindösen. Da war ja die Meute in seinem Revier. Anmerkung: Im Grunde ist ja überall Tischers Revier. Um Tischers Nähe herum müsste immer ein Schild sein: „Betreten auf eigene Gefahr“. Nur, da diese Meute anders war, Warnschilder, die vielleicht besser da gewesen wären, aber nicht waren, wahrscheinlich eh doof gefunden hätte, musste Tischer wachbleiben. Auf mich verlässt er sich da nicht. Ich bin lediglich sein Reittier, mit fast keinem Streifen. Gefahren macht der Chef persönlich. Besser so. Hier zählt Erfahrung.

Er blieb also wach. Man stelle sich nur dabei die Anspannung vor, die Lider weit hoch gerissen, dass keine noch so kleine Bewegung der Meute dem Vollwilden entgehe. Alle Muskeln und Sehnen zum Sprunge bereit, wenn es einer darauf anlege oder Tischer seine Überlegung doch noch beende und es Schluss wäre mit Friedlichkeit und Status quo.

Da aber eine, mit besonders großer Lücke, doch noch größeren Kulleraugen, war wohl weniger träge als die anderen und scheinbar mutig genug, es darauf anzulegen. Sie hob den Kopf, wendete sich uns zu und schaute, ohne jede Furcht dem Gestreiften in den wachen Blick. Vorsicht, mein Kind, dachte ich. Und dachte, Tischer, beherrsche Dich. Ich sah bereits den Tumult, das Durcheinander. Ein weiteres Mal hätte mich Tischer ihn nicht von Aventiure abhalten lassen. Das war so eine Kuba-Situation, auf Messers Schneide. Mir wurde schwer mulmig.

Und es sprach ihn an, nicht mich.

„Onkel, erzähl mir eine Geschichte!“

Tischer bekam eine Falte auf der Stirn. Groß und tief. So eine hatte ich noch nie bei ihm gesehen.

„Erzähl mir eine Geschichte, Onkel! Ein Märchen.“

Eine zweite Falte, die sich zeigte.

„Meinst Du mich?“

„Ja.“

„Bin nicht dieses Onkel. Was immer das sein soll.“

Ich kenne die Familienverhältnisse von Tischer nicht umfassend, bin mir jedoch ziemlich sicher, wenn Tischer auch nicht weiß, was so ein Onkel ist, die Kleine hatte zwar viel Wildes an sich, nicht aber so in einer Linie, verwandt und vollständig Tischer. (Sagte ja bereits Brülläffchen, Spätzchen eher weniger, noch zu klein, um mit Sicherheit und langweilig nur Mensch zu sein.)

„Phh, für mich schon.“ Es blieb dabei. „Mach Quatsch oder erzähl ein Märchen!“

Was den Quatsch betrifft, ja, Tischer wäre so ein Onkel. Aber Märchen, das passt nicht. Das ist ja Text. Ist bekannterweise nicht in Tischers Art vorgesehen.Trotzdem. „Lass ihn nicht Quatsch machen“, ich ahnte sehr genau, worauf das hinauslaufen würde. Großer Onkel, Super-Onkel, Onkel mit vielen Streifen, Meister-Quatsch-Onkel. Und wir Hausverbot allesamt bis jenseits von allem.

So plädierte ich für das Märchen. Bettelte. Flehte. Dieses eine Mal Text. Nur einen kurzen. Ich versprach Tischer sogar dafür ein Hörnchen, das falschechte mit der Nussfüllung. Das tat ich wohl recht eindringlich, denn, ich flunkere nicht, seine Augen bekamen diesen speziellen Glanz. Weich geradezu.

„Zwei!“

„Wie?“

„Zwei falschechte.“

„Ja ja, zwei“, und dachte bei mir, zweihundert hätte ich ihm gegeben. Nur Tischer kann eine so große Zahl nicht zählen, manchmal ganz nützlich, ich gebe es zu.

„Und nur ein kurzes.“

„Es wird schon reichen“

„Mach endlich, Onkel!“, das kleine Wesen langsam ungeduldig, „Quatsch oder Märchen.“

„Märchen“, grummelt Tischer, „auch wenn mir Quatsch lieber wäre.“

„Tischerrrrr!!!“

„Ist ja gut. Märchen also.“

„Fang an!“

„Aber nur ein kurzes.“

„Mal sehen.“ Und wenn kleine Wesen „Mal sehen“ sagen, ist es noch nicht ausgestanden. Längst nicht.

Tischer überlegte. Warum war auch Marcel nicht da. Der hätte gar kein Problem mit so einem Märchen gehabt. Betstimmt nicht. Doch Tischer hat Phantasie, große sogar. Er mag halt nur keine Texte. Dafür allerdings, weil er ja die zwei falschechten auch unbedingt haben wollte, fiel ihm ziemlich rasch so eine Art von Märchen ein. Erstaunlich das…….

„Es war einmal, weiß nicht mehr wann, so ein Mädchen, das hatte eine böse Stiefmutter aber noch keine Streifen und alle nannten es das Luschenputtel……..(Fortsetzung folgt)“

(Anmerkung von mir: mich überkommen bisweilen Zweifel, ob Quatsch nicht vielleicht doch die bessere Option gewesen wäre. Aber so war die Geschichte und kann nicht mehr geändert werden.)