Jiri Mahen / Der Mond / übersetzt von Eduard Schreiber / Guggolz Verlag

Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in ein Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.

Das größte Problem eines Buches ist, dass es geschrieben werden muss. Wie viel geht dabei verloren. Und erst beim Lesen. Dieses Buch, lies es abends, halb schon im Schlaf oder morgens, da du dir die Augen reibst, halb schlafend noch. Vielleicht kommst du nur schleppend dann voran, verstehst aber mehr. Nur musst Du, was Du verstanden hast, wahrscheinlich für Dich behalten. Versuche erst gar nicht, es Jemandem zu erzählen, auf keinen Fall aber einem Wachen; der runzelt nur die Stirn und drückt die Brille gerade.

Das nächst größere Problem eines Buches ist, es kann nur mit offenen Augen gelesen werden. Vielleicht, dass Du es memorierst, dies Buch, und dich dann in den Schlaf hineinmurmelst. Vielleicht, aber nur vielleicht, verstehst du es dann. Selbst aber bis in den Traum hinein schlägt sich der Tag Bahn. Nacht, Poesie und Traum gehören eben nicht sich allein und Dir.Sind nie ungestört. Und immer gefährdet.

Mehr an falscher Stelle hier als das Ich ist vielleicht das Du. Bei Rat und eindringlicher Warnung geht’s wohl ohne nicht, soll es nicht nur so dahin gesagt sein. Also: lies‘ dieses Buch vom Mond. lass Dir von ihm die Welt erklären, verstehe davon, was du kannst, nur nicht mit offenen Augen, das ja nicht. Träume es, durchschlafe es, lass die Zügel schleifen. Am besten, lies es vom Weltall aus, losgelöst von allem, was Dich hier hält.

Phantasie kümmert sich nicht um jene Regeln. Sei einmal romantisch. Und verlier‘ kein weiteres Wort. Lies! Schlaf! Träum! Tag kommt früh genug wieder zurück.

Folge gelegentlich einer anderen Logik und nicht etwa Gattungsbegriffen und Plots, geboren am, gestorben dann. Gilt Phantasie alles nichts.

ICH kann’s nicht anders sagen. IHR könnt’s sicher besser. Ich bin noch ganz konfus und träum deshalb weiter, gefährlich in den Tag hinein.

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Jiri Mahen – Der Mond, Guggolz Verlag, 2016

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Buchpreisalptraum

Sternzeit 2143,4, persönlicher Eintrag: die diesjährige Buchblogmesse in Neu-Frankfurt auf Alpha-Centauri sollte am Ende nicht stattfinden. Ebensowenig würde der Buchblogpreis für dieses Jahr verliehen werden können. Wie jedes Jahr hatten einige Buchblogger (alle) ihre Beiträge (sämtliche) der Jury zur Wertung vorgelegt. Diese bestand wie die letzten Jahre zuvor aus Schriftstellerrestbeständen. Dem Sieger würde exklusiv ein Roman zur Besprechung vorgelegt werden.

Begleitet worden wäre die Arbeit der Jury von ausgewählten Buchblogpreisbloggern, die sich im Vorfeld durch die Buchblogs auf der longlonglist, longlist und shortlist durchgearbeitet hätte, um sie wiederum auf ihren Buchblogblogs zu besprechen, seit dem Ende der Feuilletonseiten in den Zeitungen das wichtigste Forum kultureller Belange.

Der Betreiber des Buchblogblogs Meta-Sounds&Books&Holoprograms dazu: „Eine Ehre. Ich bin mir bewusst, was von mir abhängt. Die Sternenflotte wird sich auf mich verlassen können.“ Tatsächlich kommt in dieser Aussage schon das Problem des Buchblogpreises der letzten 10 Dekaden zum Ausdruck. Denn es kann kein Zufall sein, dass in dieser Zeit ausnahmslos Buchblogger der Sternenflotte den Buchblogpreis erhielten. Die Macht der Buchblogblogger ist vielleicht zu groß geworden. Dass sich letzten Endes sogar die Jury des Buchblogpreises, immerhin bestehend aus Autoren von der Sterneflotte fernstehenden Planeten wie etwa Gul Maced von Cardassia, ausnahmslos für Buchblogs der Sternenflotte entscheiden würde, ist da kein Wunder.

Der Einfluss der Buchblogger ist immens. Mancher wünscht sich da ein unabhängiges Feuilleton zurück, das nicht unter der Fuchtel der Sternenflotte steht.

Doch nun ist das Schnee von gestern. Denn es besteht der Verdacht, dass sämtliche Buchblogbeiträge von einem einzigen Buchblogger verfasst worden sind, einem Formwandler. Alle Buchblogger könnten im Laufe der Zeit durch das Dominion ausgetauscht worden sein und alle eingereichten Beiträge hätten lediglich einen Verfasser, der in seiner ursprünglichen Form nur eine schleimige Soße ist. So waren auch die Beiträge. Keinem ist es aufgefallen, der Jury nicht, den Buchblogbloggern der Sternenflotte nicht. Auch dem normalen Leser von Buchblogs ist nichts aufgefallen, was zum Teil auf die bekannte nachlässige Lektüre von Buchblogs zurückzuführen ist. Denn der Leser von heute verbringt seine Zeit lieber auf einem der Holodecks oder auf Raisa. Die Buchblogs sind für Buchblogblogger, die für diese Arbeit von der Sternenflotte und vom Leben freigestellt werden, geschrieben. Wenn also selbst diesen nichts auffiel, wem dann?

Wie es nun doch herauskam, ist schnell erzählt: ein Routinescan. Der Geheimdienst der Sternenflotte, Spezialabteilung Buchblogs, nahm sich der Sache an und alle Buchblogs unter die Lupe. Die Messe wird, bis die Gefahr eliminiert ist, nicht stattfinden. Alle Buchblogger  (mutmaßliche) werden gebeten, das Gebiet um Neu-Frankfurt zu verlassen, nachdem ihre biometrischen Daten erfasst sind. Die Enterprise wird so lange um das Messegelände kreisen, da eine Eskalation der Situation nicht ausgeschlossen werden kann.

Der Sternenflottenbuchblogblogger von Meta-Sounds&Books&Holoprograms bekommt einen Vermerk in seiner Akte: er war unachtsam, im schlimmsten Falle aber wurde er selbst ausgetauscht; eine Blutanalyse steht noch aus.

Eine persönliche Anmerkung an dieser Stelle: fast wäre man geneigt, sich in Anbetracht dieser Situation eine Herrschaft der Borg zu wünschen. Da weiß man wenigstens von Anfang an, dass alles für alle gleich ist, bzw. würde man sich die Frage nach Unterschieden gar nicht mehr stellen.

(Ein schweißtreibender Traum, nach x Folgen Star Trek und 0 Lektüre auch nur eines Titels von der longlist, obwohl in Reichweite.)

 

 

Bildbesprechung

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Das Wesentliche passt unter einen Schirm. Sie, er, ein Buch, ein paar gute Pralinen. Nicht der Schutz gegen den großen Sturm, gegen ein paar Tropfen sehr wohl, das Prasseln angenehm, beide stehen da, lauschen, sie ist bei ihm eingehakt, er hat eine Hand in der Seitentasche seines Jacketts, ein wenig hält er sich am Buch, das darin steckt, fest. Wenn das Leben ihm zu nahe tritt, tut er das. Und wann tut das Leben das mehr, als wenn es mit der Liebe kommt.

Unter einem Schirm hat auch die Liebe Platz.

Das könnte ein möglicher Beginn der Geschichte sein. Ich weiß nicht mehr, ob es geregnet hat, Und ein Jackett hatte ich nie. Lieber sind mir eh Strickjacken. Aber irgendwo wird sie sich eingehakt haben, das ist belegt. Wahrscheinlich sind selbst die Pralinen nur Dichtung. Der Anfang, im Rückblick, ist das ja meist, Dichtung.

Aber eines stimmt, Wesentliches hat unter einem Schirm Platz.

Das Bild soll nichts anderes sagen. Höchstens noch, dass sie und er Schirme lieben. Jedenfalls nicht, dass es irgendwo reinregnet. Versprochen.

 

Über Wände

Mein Gott, ich liebe schiefe Bilder. Aber seien wir ehrlich, im Grunde ist alles Vernünftige bereits gedacht – leider das Meiste nicht von mir.

Wenn man im Denken, in der Phantasie oder ganz real einen Raum betritt, so wird der leer sein oder nicht. Aber wie auch immer, man wird beginnen, ihn sich einzurichten. Das Wichtigste dabei zunächst wird aber sein, sich zu vergewissern, welche Wände tragen, welche nicht. Denn wenn man es nicht tut und einreißt, was besser stehengeblieben wäre, dann braucht man sich auch keine weiteren Gedanken über die Farbe der Tapete machen, ob Parkett oder Teppich oder wo Möbel sich am besten machen. Dann ist es mit einem heimischen Gefühl und einer Gemütlichkeit nicht weit bestellt. Unter Schutt ist nicht gut Gäste zu empfangen.

Ich stelle mir diesen realen Raum vor und überlege, was geht. In diesem konkreten Fall muss ich es, zum Glück, nicht alleine tun. Ich liebe schiefe Bilder, aber auch für die braucht es tragende Wände.

 

Fort Franzen

Nach einem Film, spät ist es, schlafe ich über den Korrekturen ein.

Zuerst begegne ich ihm beim Minigolf in meinem eigenen Minigolfclub. Ein kleines Spiel, er & ich. Ich schummle ein wenig. Mein Gott, es ist nur Minigolf und Bahn 13 mit dem Looping hat mir schon immer Probleme bereitet. Heute fliege ich allerdings auf.

Kein weiteres Mal würde ich mich von ihm übertölpeln lassen.

Also schnalle ich ihn später auf einen Tisch und demonstriere.

„Schon mein ganzes Leben habe ich gedruckte Buchstaben geliebt, ihre Farbe, ihren Glanz, ihre gedsnkliche Schwere. Und mir war jede Unternehmung recht, meine Sammlung zu vergrößern. Die im Übrigen schon recht beträchtlich ist.“

„Ich bin beeindruckt, Textfinger.“

„Überlegen Sie sich Ihre nächste geistreiche Bemerkung genau, Mister Scheck. Es wird vielleicht ihre letzte sein.“

„Erwarten Sie von mir, dass ich sie lobend erwähne.“

„Nein, Mister Scheck, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben. Es gibt nichts, was Sie in Ihrer Sendung kurz vor Mitternacht sagen könnten, das ich nicht schon wüsste.“

Irgendwie aber lasse ich mich von Denis Scheck bequatschen. Anstatt ihm von meinem vollautomatischen Leser die Hose bis zum Kragen aufschneiden zu lassen, lade ich ihn auf meine Bloghütte ein, biete ihm sogar noch ein Glas Birnensaft an und plaudere aus:

„In allem hat die Menscheit Großes geleistet. Sie hat Atome gespalten, ist auf den Mond geflogen, hat das Tetra-Pack erfunden. Überalll hat sie geniales geschaffen, nur nicht in der Kriminalität. Mein Plan: ich schneide Franzens Kopf auf und raube ihm alle seine Ideen. Wenn es zu viele sind, um sie alle abzutransportieren ich habe keinen Führerschein und muss deshalb mit dem Fahrrad kommen, bringe ich in seinem Kopf eine Stinkbombe zur Detonation. Dann stinken alle seine zukünftigen Bücher nach faulen Eiern. Und der Wert meiner Texte steigt.“

„Ich muss zugeben, der Plan ist perfekt.“

„Ja ja, er ist nicht schlecht.“

Die Stinkbombe habe ich über die Grenze schmuggeln lassen. Ich pumpe noch einmal die Reifen meines Fahrrads auf und los geht’s! Scheck ist hinten auf dem Gepäckträger festgekettet. Er ist ziemlich schwer.

Wir kommen an und warten vor der Buchhandlung. Franzen kommt heraus, sein Kopf ist unbewacht. Damit hatte ich gerechnet. Ich will mich auf ihn stürzen und ihm die Schädeldecke aufschneiden. Er will das aber nicht. Scheck auch nicht. Irgendwie hat er sich von den Ketten gelöst und greift mich an. Gegen einen Autor und einen Kritiker komme ich nicht an.

Wusste ich. Genau für solche Fälle habe ich meinen Handlanger. Ich hole ihn aus meiner Manteltasche. Er wirft seinen Hut. Der prallt bloß an Schecks Bauch ab, ohne Wirkung. In dem Gerangel kann Franzen mit seinem Kopf fliehen. Er hat die Brille noch auf. Ich falle hin, meine Knie ganz blutig. Scheck gewinnt. Auch gegen meinen Handlanger, Tischer.

Gegen Tischer?

Da wache ich auf, es ist nur ein Traum. Manche Dinge sind einfach zu unrealistisch.