Phantasie und Mähdrescher

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Morgens beim Gehen zumeist, Dämmerung, wenig Menschen, ich nehme sie zumindest kaum wahr, erste Vögel, die aber doch, hüpft meine Phantasie wie durch Gefilde, übermütig und tänzelnd, hier hin, da hin, große und kleine Sprünge.

Ich habe kein Diktiergerät dabei, keinen spitzen Bleistift. Auf Instragram oder als Selfie wird es nicht festgehalten. Es passiert dennoch. Dann bin ich in diesem Momenten Montaigne, Proust und Ringelnatz, je nach Fall. Oder bin der Autor vom Vorabend, idealisiert und quergedacht. Oder es ist nur ein Bild, eine Sentenz, ein Wort, das ausbricht. Vieles kann dienen.

Und sie springt, leichtfüßig, gazellenhaft. Glaubt’s. Oder glaubt’s nicht.

Denn später, da bleibt so wenig davon. Was, das erscheint einbeinig, prothesenhaft, zum Sprunge kaum fähig. Was, am Tage besehen, nimmt einem den Sprung? Das hier ist nur Abglanz. Es hält den Lauf vom Morgen nicht fest Oder hat er gar nicht stattgefunden? Ist das bloße Meinung? Ich beginne da, selbst zu zweifeln.

Das Wild, das springt im Morgengrauen am weitesten, am höchsten.  Und später ist es Braten. Zerlegte Filetstückchen vielleicht noch höchstens, serviert, dargereicht, verschlungen, ein kleines Rülpschen, dann Mittagsschlaf.

Ich möchte so gerne den Urzustand der Phantasie erhalten. Träum weiter, spricht der Mähdrescher, und lässt nur Glieder davon zurück.

 

 

Jiri Mahen / Der Mond / übersetzt von Eduard Schreiber / Guggolz Verlag

Meine silberne Welt hat ihre Gesetze, aber soll ich sie dem Menschen verständlich machen, muss ich ein wenig gesprächig werden, gerate dann in ein Knäuel meiner Phantasie, das schwer zu entwirren ist.

Das größte Problem eines Buches ist, dass es geschrieben werden muss. Wie viel geht dabei verloren. Und erst beim Lesen. Dieses Buch, lies es abends, halb schon im Schlaf oder morgens, da du dir die Augen reibst, halb schlafend noch. Vielleicht kommst du nur schleppend dann voran, verstehst aber mehr. Nur musst Du, was Du verstanden hast, wahrscheinlich für Dich behalten. Versuche erst gar nicht, es Jemandem zu erzählen, auf keinen Fall aber einem Wachen; der runzelt nur die Stirn und drückt die Brille gerade.

Das nächst größere Problem eines Buches ist, es kann nur mit offenen Augen gelesen werden. Vielleicht, dass Du es memorierst, dies Buch, und dich dann in den Schlaf hineinmurmelst. Vielleicht, aber nur vielleicht, verstehst du es dann. Selbst aber bis in den Traum hinein schlägt sich der Tag Bahn. Nacht, Poesie und Traum gehören eben nicht sich allein und Dir.Sind nie ungestört. Und immer gefährdet.

Mehr an falscher Stelle hier als das Ich ist vielleicht das Du. Bei Rat und eindringlicher Warnung geht’s wohl ohne nicht, soll es nicht nur so dahin gesagt sein. Also: lies‘ dieses Buch vom Mond. lass Dir von ihm die Welt erklären, verstehe davon, was du kannst, nur nicht mit offenen Augen, das ja nicht. Träume es, durchschlafe es, lass die Zügel schleifen. Am besten, lies es vom Weltall aus, losgelöst von allem, was Dich hier hält.

Phantasie kümmert sich nicht um jene Regeln. Sei einmal romantisch. Und verlier‘ kein weiteres Wort. Lies! Schlaf! Träum! Tag kommt früh genug wieder zurück.

Folge gelegentlich einer anderen Logik und nicht etwa Gattungsbegriffen und Plots, geboren am, gestorben dann. Gilt Phantasie alles nichts.

ICH kann’s nicht anders sagen. IHR könnt’s sicher besser. Ich bin noch ganz konfus und träum deshalb weiter, gefährlich in den Tag hinein.

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Jiri Mahen – Der Mond, Guggolz Verlag, 2016

Über Wände

Mein Gott, ich liebe schiefe Bilder. Aber seien wir ehrlich, im Grunde ist alles Vernünftige bereits gedacht – leider das Meiste nicht von mir.

Wenn man im Denken, in der Phantasie oder ganz real einen Raum betritt, so wird der leer sein oder nicht. Aber wie auch immer, man wird beginnen, ihn sich einzurichten. Das Wichtigste dabei zunächst wird aber sein, sich zu vergewissern, welche Wände tragen, welche nicht. Denn wenn man es nicht tut und einreißt, was besser stehengeblieben wäre, dann braucht man sich auch keine weiteren Gedanken über die Farbe der Tapete machen, ob Parkett oder Teppich oder wo Möbel sich am besten machen. Dann ist es mit einem heimischen Gefühl und einer Gemütlichkeit nicht weit bestellt. Unter Schutt ist nicht gut Gäste zu empfangen.

Ich stelle mir diesen realen Raum vor und überlege, was geht. In diesem konkreten Fall muss ich es, zum Glück, nicht alleine tun. Ich liebe schiefe Bilder, aber auch für die braucht es tragende Wände.

 

Nicht Kansas (*)

Irgendwo darin zu finden. Zwischen Eingeweiden in Seelennähe und anderen lebenswichtigen Organen. Wundertüte. Ich bleibe dabei, ein Wagnis. Nicht allein dass es möglich ist, daneben zu greifen, zu hastig, und sich selbst zu verletzen. Wer weiß schon, was er hervorholt, bzw. ob das, was dort seinen angestammten Platz hat, in dem, was Welt ist, nicht zugrunde gehen würde. Nicht das Vorhandensein bestreite ich, noch die Notwendigkeit dieser Wunder. Sondern, ob die Welt eine wunderfreundliche Umgebung ist. Wunder sind Ausnahmen, die Welt die Regel.

Das Wunder ist die Phantasie und ist meine Vorstellung. Nicht alles aber ist „esse est percipi“, jedoch ist es ein nicht ganz unwesentlicher Teil von mir. Und der „Phantast“ steht da, an einer Kreuzung, im Supermarkt, in einer Ecke auf einem Stuhl sitzend auf einer Party, von der er nicht mehr weiß, wieso er hingegangen ist. Dass man ihn eingeladen hat, will ihm nicht verständlich werden. „Der Phantast“, das ist nicht abwertend gemeint; es spricht lediglich eine Gefährdung aus;

„Und wenn die Welt sich weigerte, mit seiner Version der Realität konform zu gehen, dann war sie notwendig eine gleichgültige Welt, eine bittere und abscheuliche Welt, eine Strafkolonie, in der er dazu verurteilt war, barbarisch einsam zu sein.“ (Jonathan Franzen, Korrekturen S.379)

Es ist nicht gegen die Welt geredet. Sie ist nur immer anders. Die Welt ist immer Kansas. Und Regenbögen halten nicht, was sie versprechen.

Das Ungesündeste könnte sein, stur an solchen Wundern festzuhalten, obwohl die Verführung groß ist. Sich stets das auszumalen, was nicht ist, um hinter den Regenbogenfarben zu verschwinden. Gänzlich.

Oder an einem Ende des Bogens den Goldtopf zu finden. An jenem Ende ist wieder nur Welt. Was auch sonst?

Es gibt kein Dahinter, kein Darüber und kein Weg von allem. Es gibt aber mich. Das hat die Welt kein weiteres Mal. Und wenn an einem Ende die Welt ist, so finde ich an seinem anderen mich selbst.

Ich bin mein Goldtopf. Und er nicht zu finden außerhalb von mir selbst. Wie denn auch. Wir suchen bei Regenbögen nach Goldtöpfen und neigen dazu, immer, wirklich immer, am falschen Ende zu suchen. Der Weg ist viel kürzer.

Nur, und das ist einfach das Wesen jedes Regenbogens: er scheint eine optische Täuschung zu sein, er verschwindet langsam, wird undeutlicher, verliert an Farbe. Zurück bleibt mein Ich und die Welt. Und es könnte sein, dass es sich dann anfühlt, als wären diese beiden Enden zwei Unverbundene.

So drehe ich es um. Dass es nämlich mit dem Goldtopf beginnt, nicht mit dem Regenbogen. Und der Regenbogen nur ein Weg ist, an dessen anderem Ende die Welt zu finden ist. Wie sie sein könnte. Jenseits von Kansas.

Manchmal ist man Dorothy, manchmal Al (siehe Zitat). Manchmal wird aus Schwarz/Weiß ein Regenbogen, manchmal bleibt es „grauste Wirklichkeit“.

Die Welt bleibt immer Kansas. Es gibt eine zweite. Und darin eine Topf voller Gold, der eigentlich ein Topf voller Farbe ist. Meine überschwappende Phantasie.

Das eigentliche Wunder am richtigen Ende des Regenbogens. Es wäre nur noch zu wagen. Zu bauen.

Und bevor ich mich völlig verrenne, schnell abschließend ein Lied (*)….und weg…..irgendwo müssen doch meine Zöpfe sein:

Dark side of the moon – Die Verführbarkeit des Herrn Hund in Gedanken

Im Meisten stark und fest, nur nicht in Gedanken. Ja, Flaneur! Gerne! Und dann eine Idee da, ein kurioser Einfall, ein Wortbild dort und ab vom Weg und aus dem Tritt.
Nicht richtig, aber ganz sicher zu schnell so oft im Denken. Oder Phantasieren, mir ist der Unterschied nicht klar.

Belysnaechte, du Hund. (Ich bleibe hier beim Du. Es passt so viel besser für einen Vorwurf) Du mit deinen Entwürfen, die alles zulassen, selbst Unmögliches. Sie springen mich an, ich springe zurück. Hinein in den poetischen Wust. Ein Wort allein reicht mir allzu oft. Ein ganzer Satz, ich bin gefährdet. Aus für Zeiten, in denen ich hätte Sinnvolles tun können, lese ich nur ein Gedicht im Ganzen.

Dichter können Vieles, aber sich schämen für die angerichtete Verwirrung? Nicht, solange sie Dichter sind.

Die vielen Keywords. Und ich bin angeregt. Es lässt mich nicht mehr los. Du bist ja schon weiter, doch ich folge Dir nicht für den Moment. Eine Idee gewann in mir Raum, hielt mich fest: Gibt es Vanille auf dem Mond?

Ab dem Moment springen bereits viele ab. Warum kann ich das nicht? Immer das Beweisen wollen. Das Überprüfen. Verdammte Neugier auch.

Genug Blech schnell sich ausgedacht. Schrauben und Schläuche waren einfach. Das mit dem Treibstoff und der Bordelektronik, das war heikel, gelang dann aber. Eine funktionierende Mannschaft bestand bereits. Abflug, leichter Nebel in Bodennähe, letzte Nacht. Zwei von Vieren verspürten ein Drücken in der Magengegend bei der Beschleunigung. Es legte sich. Überraschung. zum Mond ist es nicht so weit. Es war mir wohl eine sehr leistungsstarke Rakete gelungen. An Bordtoiletten dachte ich nicht.

Ankunft, die Menschheit ist bereits da gewesen. Wir hatten Termine und konnten erst jetzt. Die Schwerelosigkeit hatten wir unterschätzt, den Spass dabei auch. Sonst wären wir eher. Aber unser Grund für diese Fahrt ein ernster. Proben wurden genommen, an Ort und Stelle untersucht. Jeder von uns hatte einen eigenen Löffel dabei. Übereinstimmende Meinung: keine Vanille.

Dafür also der Aufwand. Für die mitgebrachte Sahne, für die Waffeln keine Verwendung. Das mit der Vanille wohl eine optische Täuschung.

Wäre da nicht die Rückseite gewesen. Jede Phantasie hat so eine. Der Mond auch. Da wir schonmal da waren. Das Marschgepäck war zu tragen. Ein Vorteil, wenn man auf dem Mond ist. Ein Vorteil, wenn man Phantasie hat: die Wege sind kürzer. Ein Augenzwinkern und wir waren da.

Sehr dunkel da. Wir hatten keine Kerzen, keine Streichhölzer, nichts. Doch wir hatten Nasen. Und wir rochen es. Nein, nicht Vanille. Pistazie, ohne Zusatzstoffe. Wenn es nicht so dunkel wäre, die Rückseite wäre grün. Das beste Pistazieneis der Welt, mitten im November. Wir alle lieben Pistazieneis. Viel besser als Vanille.

Wir bekamen Bauchweh. Zu viel davon. Wir rissen uns los, ein Augenzwinkern, wir waren wieder in unserer Rakete, ein zweites, wieder zuhause, beim dritten Mal war die Phantasie vorbei.

Und das Gedicht von Belysnaechte endlich überwunden. Nur jetzt habe ich großen Appetit auf Pistazieneis. Mitten im November.

Poesie und die Sehnsüchte, die sie bedient. Was ein Kreuz!