Szenen aus Schottland. James Leslie Mitchell. (Guggolz-Verlag)

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Gründlich lesen soll die Maxime sein.

Mir hatte es besonders „Das Land“ angetan und da ich es zum zweiten Male lese, fällt mir auf, wie oberflächlich noch die erste Lektüre gewesen sein muss. Stellen, von denen ich wusste, ich hatte sie gelesen, erschienen mir gänzlich unbekannt.

Wie selbst bei Einsatz von Lesezeichen Vieles mit Abschluss der Seite, des Kapitels verlustig geht. Und welcher Eindruck dadurch entsteht. Und stelle mir die Frage, wie oft ein Buch bei durchschnittlicher Intelligenz zu lesen wäre, bis man an sein Ende kommt? Oder seine Mitte, denn sollte ein Buch gelesen werden, so, um bis zum Kern zu kommen, dessen, was es uns sagen wollte und nicht zwangsläufig -und damit wäre es getan- bis zur letzten Seite.

Ich hatte zunächst den Winter vermisst. In diesem Teil der „Szenen aus Schottland“ beschreibt James Leslie Mitchell seine Heimat, was Das Land ausmacht, die Erde, das Wetter, die Menschen. Er beschreibt die Jahreszeiten, das Landleben, vergleicht Szenen aus der Erinnerung mit gegenwärtigen Eindrücken, lässt auch soziale Missstände seiner Zeit nicht unerwähnt.

Und ich hatte den Winter vermisst.

Es ist dieser Essay kein Reiseführer, obwohl wer als Reisender wirklich erfahren will, die Sensationen nicht achten sollte, das Pittoreske meidet, hinter den Schauwert zu kommen versucht. Was ein Land ist, ist tief in seiner Erde.

Wer nicht fortkommt, dem mag an einer Beschreibung zweierlei wichtig sein: Präzision in der Beobachtung, sowie Empathie für den Gegenstand, wobei Präzision nicht ermüdender Fakten- und Erklärungsüberfluss bedeutet, sondern es ausdrücken zu können, was man weiß; es ist also mehr eine Stilfrage, ein Ton. Und unter Empathie verstehe ich, halte, was du weißt, in deiner Nähe, bleib bei dem, was du kennst und Dir wichtig ist.

Bei einem Autor sind mir nicht wichtig die großen Themen, die Aktualität, die Thesen, sondern der besondere Blick auf die Dinge. Ich las, Lesen biete einem die Möglichkeit, Welten zu entdecken. Tatsächlich ist’s nur die eine. Doch wer gründlich liest, schaut in diese Welt mit anderen Augen und es mag ihm also so erscheinen wie eine andere Welt.

Doch käme es auch darauf an, dass von dieser neuen Perspektive etwas bleibt. Allein es aufzuschlagen, es zu lesen, die Deckel zu schließen und schon beim nächsten zu sein, könnte nicht reichen. Ich hatte den Winter vermisst, doch in Mitchells Beschreibung stand er am Anfang. Ungenau war mein Lesen. Wenn ich die Welt so betrachte, was ist mir da bereits entgangen?

Ich will beim Lesen nicht nur Tourist sein. Ich weiß, ich kann da kein Leben einrichten. Doch warum nicht einmal länger bei einem Text verweilen? Warum diese ständigen Wechsel, von Novität zu Novität, ständig auf’s Neue zu erklimmende belletristische Höhepunkte? Das geht bisweilen so rasant, dass vor lauter Schnappatmung die Worte ausgehen und man sich nur noch stotternd auszudrücken weiß.

Natürlich aber bin ich jetzt beim Nächsten schon.

Mit James Leslie Mitchell in den „Szenen aus Schottland“ darf ich seine Welt, Das Land, erlesen und wie er nah an Lehm, Graupel und den Menschen bleibt, kommt’s auch mir nah, jede Jahreszeit, gerade so, als säße man daneben, da er es aufschreibt, auf einem Stein sitzend, rastend, während des Gangs durch Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Ich hatte meinen Winter bekommen. Ich hatte ein ganzes schottisches Jahr erhalten. Und wäre gerne noch  geblieben.

Wenn ich einmal nach Schottland kommen sollte, werde ich anderes sehen. Aber wenn ich solche Beschreibungen nur oft genug lese, so kann ich hoffen, wenigstens gelernt zu haben, genauer zu sehen.

Sonst käme mir noch mehr Welt abhanden. Und das lohnt dann die Reise nicht.

Wem Beschreibungen wie diese nicht reichen, der solle im gleichen Band auch die Erzählungen lesen. Lohnt. Einmal. Zweimal. Solange es braucht.

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James Leslie Mitchell, Szenen aus Schottland (Guggolz-Verlag)

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Szenen aus Schottland. James Leslie Mitchell. (Guggolz-Verlag)

  1. Schön wie du das schreibst :
    Sonst käme mir noch die Welt abhanden.

    Dieser Satz hat für mich fast alles was mir lesen ausmacht.
    Sehr fein.
    L.

      • Ne ne ne, schick nur jede Einladung, sehr gerne. Nicht, dass ich immer Zeit und Lust habe. Und habe auch nur einen vorzeigbaren Anzug im Schrank. Aber grundsätzlich („Stöckchen-Reflex“) habe ich für Fragen viel übrig, was nicht heißt, dass jedermann für meine Antworten viel übrig hat.

  2. Pingback: Blogbummel Mai 2016 – Teil 2 – buchpost

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