Das elfte Wort

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“

„Wegen des Diebstahls von Worten?“

„Genau. Wollen Sie etwas dazu sagen?“

„Es war nur ein Reflex. Sie lagen da so rum. Normalerweise tue ich sowas ja nicht, das können Sie mir glauben. Ich hab gar nichts übrig für Worte. Mein Ding sind Sportwagen, Ferrari, Porsche, Fiat. Mit Worten, nein, nich meine Welt. Ich weiß also nicht. „

„Erzählen Sie doch einfach mal.“

„Wie ich schon sagte, ich interessiere mich mehr für schnelle Wagen, für Autorennsport. Kam also gerade von einem Kumpel. War schon recht spät. Eddie und ich hatten zusammen den Großen Preis von Indien im Fernsehen angeschaut, danach noch so ein bisschen rumgehangen. Normalerweise schaue ich immer zuhause. War aber gerade dicke Luft dort. Meine Freundin hat ziemlich Stress wegen dem Buch gemacht. Sollte mal wieder was lesen. Bin ich erstmal abgehauen zu Eddie. Bis meine Freundin zur Arbeit muss.“

„Stress, aha. Weiter.“

„Im Gegensatz zu mir hat sie sehr viel für dieses Zeug, Literatur und so, übrig. Und hat mir mal wieder was zu lesen gegeben: Shades of grey heißt das, glaub ich. Konnt‘ ich nicht lesen. Ist mir zu schwer.“

„Na, also Shakespeare ist das aber nicht gerade.“

„Wer?“

„Shakespeare. Kennen Sie nicht? Hamlet, Romeo & Julia, Sommernachtstraum?“

„Nee, sagt mir nichts, tut mir leid.“

„Aber erzählen Sie mal weiter.“

„Jedenfalls habe ich mich richtig geplagt mit dem Buch. Obwohl ja viel da so rumgefummelt wird. Brauch ich aber kein Buch für. Wer sich mit Autos gut auskennt, versteht sich auch auf Frauen. Und meine Freundin ist ein echt heißes Teil. Wenn se da mal eine rauchen wollen, einfach nur die Kippe an die Alte halten. Brauchen se keine Streichhölzer für.Von dem ganzen Literaturscheiß mal abgesehen, echter Jackpot. Geiler Arsch. Riesenbrüste.“

Brüstung?“

„Nein, Brüste. Haben Sie Tomaten auf den Ohren?“

„Passen Sie auf, was Sie sagen. Sie stehen hier vor Gericht.“

„Entschuldigen Sie, Richter.“

„Schon gut. Fahren Sie fort.“

„Sie hat also diese Riesenbrüste.“

„Das wissen wir jetzt. Sagen Sie uns lieber, wie es zu der Tat, wegen der Sie hier vor Gericht stehen, gekommen ist.“

„Klar, also das Buch konnte ich nicht lesen. Ging einfach nicht. Bin immer schlecht drauf gewesen wegen dem Buch. Wenn wenigstens Bilder dabei gewesen wären. Als Film kucke ich mir ja sowas an. Obwohl ja mehr so Actionfilme mein Ding sind, Expandables, Machete, so ein Zeug. Aber so ein schöner Porno zwischendurch ist auch nicht schlecht. Der Eddie, bei dem ich das Rennen gekuckt hab, hat da ne ziemlich geile Sammlung.“

„Hat das mit der Geschichte zu tun?“

„Komm ja jetzt drauf, Moment.“

„Sehr nett, Danke“

„Als Film hätte ich es mir also vielleicht, obwohl, wird mir zu viel gequatscht. Beim Porno kommen die ja gleich zur Sache. Ist wahrscheinlich nicht das, womit Sie sich so abgeben, ist nicht so erhaben und edel, weiß ich selbst. Können ja nicht alle so sein. Steh dazu und meine Freundin, also ab und zu, ist ihr das nicht so unrecht. Aber das Buch, beim besten Willen nicht. Hab’s nicht fertig gelesen und völlig entnervt vom Balkon über die Brüstung geschmissen.“

„Brüste?“

„Ne, Brüstung. Hören se dochmal zu. Schlimm genug, dass ich so viel hier reden muss. Und auch noch alles wiederholen. Das Buch war also weg, unten auf der Straße. Musste mich erstmal beruhigen und hab mir ein Bier aus dem Kühlschrank genehmigt. Das kann ich sagen, mit Alkohol hab ich’s nicht so. Ab und zu mit Eddie, aber nicht oft. Kanns nicht leiden, morgens so verkatert zur Arbeit zu müssen. Also wenn, dann meistens am Wochenende. Kann man seinen Rausch ausschlafen. Sonst eher nicht. Das war jetzt die Ausnahme. War total frustriert von dem Buch. Und so hab ich vielleicht ein paar Bier zuviel getrunken.“

„Und konnten sich nicht mehr erinnern, was dann geschah? Wollen Sie das sagen?“

„Ne, so dicht war ich nicht. Aber auch nicht ganz auf der Höhe. Lag da also auf der Couch, noch total frustriert. Wusste aber, wenn meine Freundin kommt von der Arbeit, ist Nachtschwester, dann wird sie wissen wollen, wie das Buch gewesen ist und wird keine Ruhe geben. Und wenn se merkt, ich hab nur die ersten zwanzig Seiten gelesen und das Buch entsorgt, ist erstmal wieder Schluss mit Liebe. Dann darf ich wieder bei Eddie Pornos schaun. Raff mich also auf und will das Buch von der Straße holen. Müssen wissen, ich brauch meine Ration Liebe jede Woche. Sonst lauf ich nicht richtig rund. Ich also Schuhe an und raus. War schon kurz nach Mitternacht oder so. Keine Seele auf der Straße. Bis auf die verrückte Alte, die mit ihrem halbblinden Köter wohl noch Gassi war. Die sollten Sie mal sehen. Immer, wirklich immer so ’n Batik-Hemd, Latzhose und ’ne Indianerfeder im Haar, typische vorsintflutliche Ökotussi. Und den Hund, Ibiza-Promenadenmischung immer im Schlepptau. Sonst war da keiner. Aber das Buch hab ich auch nicht gefunden. Auf der Straße nicht. Sonst auch nirgends. Bin sogar halb unter die Büsche vorm Haus gekrochen. Fehlanzeige. Das war echt Scheiße, saudämlich. Wird ziemlichen Ärger geben. Nicht nur nicht gelesen, sondern auch das Buch verschlampt.“

„Und Sie sind wieder in die Wohnung?“

„Ne, zur Tanke, ganz in der Nähe. Die hat rund um die Uhr auf. Wusste, die haben da auch so Bücher, Krimis, aber eben auch sowas für Frauen, mit Gefühl, Leidenschaft, Intrige und so. Alles, was Frauen halt so mögen in solchen Büchern. Vielleicht, dacht ich, hätte ich ja Glück und das Buch hätten die auch gehabt.“

„Und? Hatten Sie?“

„Ne, leider nicht. Die hatten komischerweise überhaupt keine Bücher mehr. Dabei noch vor Kurzem, ich hol da manchmal Bier und was zum rauchen, hatten die welche. waren aber keine mehr. Stattdessen hatten die so ein Regal, wo vorher das Regal mit den Büchern und Zeitschriften war, Westendstorie, war wohl der Name von der Firma, stand auf dem Regal drauf, da lagen so Pakete, Geschichten zum Selbermachen. Fand ich eigenartig. Und weil ich sowieso nicht ganz beisammen war, habe ich eine von den Packungen aufgemacht. Der hinter der Theke, ein Studi wahrscheinlich, hat nichts mitbekommen. Was soll ich sagen, in dem Paket waren nur so Worte drin, so Steine wie bei diesem Spiel, wo man aus Buchstaben Worte bilden muss. Meine Alten wollten das immer mit mir spielen, konnt mich aber immer drum drücken.“

„Scrabble?“

„Ja, genau, Scrabble. Hab’s gehasst. Und die Steine sahen eben genauso aus, waren aber ganze Worte, nicht nur Buchstaben. Waren elf Stück. Dachte noch, für 24,95 Euro ganz schön stolzer Preis für so Worte. Und warum eigentlich elf? Was sollte das alles? Was kann man mit elf Worten schon anfangen? Wer kauft das? Und langsam wurde ich richtig sauer. Reicht es nicht, solche Bücher lesen zu müssen. Jetzt sollte man auch noch sich selber welche basteln müssen. Das gab mir den Rest. Hab ich halt aus jeder von den Packungen vorsichtig ein Wort rausgenommen und jede Verpackung wieder zugemacht. Sollten die mal sehen, wie sie mit nur zehn Worten sich Geschichten zusammenkleistern. Wenn die auch so blöd sind, dafür Geld auszugeben, haben se das nicht anders verdient.“

„Und was haben Sie mit diesen Worten gemacht?“

„Diesen Text zusammengekleistert. Haben Sie keine Augen im Kopf?“

„Werden Sie nicht frech!“

„Ich sag jetzt nichts mehr. Worte sind eh alle.“

„Dann bleibt mir nur noch zu sagen, Schuldig des Diebstahls und der Unterschlagung von Worten und des Verfassens eines wirklich ziemlich miesen Textes. Ich verurteile Sie zu 25 Jahren Blogabstinenz und der Lektüre von Shades of grey, und zwar alle Bände.“

„Das ist fair. Danke.“

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35 Gedanken zu “Das elfte Wort

  1. Ich hab gelacht! Das hat richtig Spaß gemacht. Könnte ein Kumpel von dem Jammerlappen-Entdecker sein. 🙂
    Auch, wie rasant Du „edel, weiß“ eingebaut hast und die Wiederholung der Brüstung, äh Brüste.
    Sehr gut! 🙂

  2. Autobiographisch? – Hoffentlich nicht. Der nächste Herr Hund erst in 25 Jahren? – Geht gar nicht.
    Also, da nicht autobiographisch … Mensch, herr Hund, Sie kennen aber Typen, also ehrlich …
    P.S.: Shades of Grey lese ich auch nicht. Wirklich zu kompliziert. Warte einfach auf den Film. Is ja in Arbeit.

      • Vom Schlechten das Gute, vielleicht so in der Art?!
        Mein lieber Herr Hund, wenn Sie meinen Gesichtsausdruck hätten sehen können beim ersten Lesen dieses Textes, Sie hätte Ihr Vergnügen gehabt. Bei „edel,weiß“ hing mir die Kinnlade wohl auf halb achte und die Grünaugen drohten herauszukullern. Ziemlich dämlich werde ich da ausgesehen haben, von dem her, gut, daß es keine Zeugen gab. Jetzt habe ich mich wieder unter Kontrolle und schreibe mit ruhigem Atem: Herr Hund, da ist Ihnen ein bonfortionöser Text gelungen! Bravo!

  3. Wenns schon Tannenbaumzeit wäre, ich läge drunter, am Lachen erstickt. Stelle mir gerade vor Ihre Geschichten wären Marzipankugeln, ich hängte sie mir genüsslich in den Mund, wie der feiste Bacchus die Trauben. Aus 10 mach kleine Wunder.

    • Lieber Herr Spengler, da ich immer noch um Wohlworte ringe, darf ich mich einfach ihren anschließen? Aus zehn mach kleine Wunder. Besser geht’s nicht auszudrücken. Egal, was mir jetzt noch an Lopreisungssilberperlenkettenschnürenblumengirlanden einfallen würde, um Herrn Hund damit zu belorbeerkränzen. Rückense bitte ein Stück, ich lachbreche erneut zusammen… Danke, Ihre Frau Knobloch.

      • Seit an Seit mit Ihnen, Verehrteste, was kann es Schöneres geben? Als Ersatz für das gemeinsame Schnabulieren der Trauben, wie soll ich es Ihnen schmackhaft machen, könnten wir uns durch gegenseitiges Vorlesen von, sagen wir 10 Kapiteln aus „Shades of grey“, einer gewissen intimen Nähe versichern, auch wenn das dem Tenor von Herrn Hund’s formidabler Geschichte zuwiderlaufen würde. Mich schuldig machen im Aufsuchen Ihrer Nähe, davon kann mich kein höchstes Gericht auch nur ein Jota abhalten.

        Gern geschehen ………

      • Gern suche ich Ihre Nähe, Verehrtester. Jedoch betrefflich dem Grauschund muß ich Ihnen eine klare Absage erteilen. Bei der drölfigsten gleich langweiligen Beschreibung eines gezielt gesetzten Peitschenhiebes, gähn, oh, Pardöngsche, schaffte ich den Konsum dieses Überschätzwerkes noch nicht mal zehnkapitellig. Geschweige denn eine gewissen Murmeligkringeligkeit mir zu erlesen. Wie wären ein paar Tiefrotdunkelblaudurchzogennorfolkgeschichten, mit Rauchstimme vorgetragen… oh, da! Ein Hach!

  4. Verehrter Herr Hund, morgen ist Dienstag und damit Ihr Seminar für mich und alle die neben Ihrer Genialität nur durch Ihre Schulung überhaupt noch das Recht zum weiterschreiben erwerben können.

  5. Mir fehlen echt die Worte. Was ist das bitte für eine superklassetraumhaftperfektemichsprachlosauschauendlassende Geschichte.
    Was ist es mir eine Ehre sie zu lesen. Eine Hundekuchentorte gefällig? Für Sie würd ich sie backen und rund um die Welt verschicken…. !

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