Als ich zu lesen begann…

Am Anfang der Farbfernseher Grundig. Da waren Spencers Piloten, da war Captain Future, da war Mit Schirm, Charme & Melone, da war Luzie, der Schrecken der Strasse & da war PanTau. Da war Columbo.

Da war die Hörzu als Lektüre, jeder Wochentag mit eigener Farbe; Samstag war blau, glaub ich, Freitag orange. Was nach 22 Uhr kam, konnte ich nur so erfahren.

Mal war der Fernseher kaputt, ich stand ohne Erziehungsberechtigten da. Mir war langweilig. Für Rubbelbilder hatte ich kein Geld mehr. Klauen tat ich nicht.

Sonst tat er aber immer, verlässlicher Grundig.

Schön waren die großen Ferien, schön das Ferienprogramm, alte Zorro-Filme, Sandokan. Ich blieb blass.

Bis zu dem Tag, als Schlumpflieschen in meinem Zimmer auftauchte: „Les, sonst reiß ich dir die Eier ab.“ Ja, das klingt ein wenig psychologisch unglaubwürdig, märchenhaft. Ich schwör’s aber, so ist’s gewesen.

Da habe ich nur noch heimlich gefernseht, ansonsten gelesen. Am Anfang ??? und Birne auf Reisen. Pure Angst trieb mich an. Der Büchereibus kam donnerstags (in der Hörzu violett), der Bus selbst war gelb.

Dann kam die Verführung Kabelfernsehen. Aber ich war durch’s Lesen verroht. Und die Pubertät war da. Ich wusste also, was es bedeuten kann, hat man keine Eier. Las ich also zumeist, Name der Rose & Herr der Ringe.

Dann waren da die Computerspiele, Atari, Commodore 64 bis 128. Ablenkung, es zog mir was an den Hoden, letzte Warnung. Ich ließ es bleiben. Wirklich nur noch gelegentlich, es blieb alles heil, ich wurde zum Mann. Und las weiter.

Platon, Kant, Schopenhauer dann auch, um zu verstehen, warum ich lese (lebe, wo ist der Unterschied?). Vielleicht wegen des Nicht Verrecken Wollens. Kann sein wartet am Ende Sheherazade. Und dann wäre gut, ich hätte noch alles beisammen.

Warten wir des Märchens Ende einfach ab, denn dass es ein Märchen ist, beweist wohl sein Anfang. Schlumpflieschen hat sich seit Ewigkeiten nicht mehr blicken lassen. Was das Fernsehprogramm angeht, bin ich nicht mehr auf dem Laufenden, außer Arte natürlich. Das krieg ich bei Twitter etwa mitgeteilt. Und schau ich da, bei Arte oder so, bleibt’s auch angenehm in der Lendengegend. Darf also, denk ich.

Das ist der Stand: ich lese allein, weil ich sonst ausblute. Das Blut versickert im Boden, ich sterbe. Hab das mal gesehen in einem Arte-Film. War nach 22 Uhr. Tat weh, das zu sehen.

Übrigens: Schreiben ist wohl auch erlaubt. Fühle zumindest nichts dabei. Scheint nicht gefährlich zu sein.

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2 Gedanken zu “Als ich zu lesen begann…

  1. PanTau! (Gabs zur fernsehunterstützenden Lektüre als Buch – ein riesiges Trumm! (Für einen nicht sprechenden Protagonisten.) Seitdem häng ich an großen schweren dicken Büchern.)
    ((Schreiben ist glaub ich gut für Blut_druck.))

  2. Pingback: Warum ich lese – novelero

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