Olaf Trunschke / Die Kinetik der Lügen / homunculusverlag

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Dann wag‘ ich mich also ebenfalls, dieses Buch zu besprechen, mag es an die Beiträge von aus.gelesen und zeilensprünge nicht heranreichen. Alle, die nun nicht abspringen, mögen mir folgen und weiterlesen; ich wünsche sehr, mir lässt die Phantasie noch genügend Spielraum. Ohnehin hat der die Wahrheit, der die Deutungshoheit besitzt. Da ist so viel zu deuten in Trunschkes Roman mit dem Titel, als wäre es ein Buch aus der Suhrkamp-Wissenschaftsreihe. Dabei ist er -wieder einmal gelungen, der dritte in Folge- aus dem homunculus Verlag, wo Bücher solcher Art wahrscheinlich am besten aufgehoben sind, dieses nun aber im Besonderen

Für meine Lesart findet sich der Schlüssel zum Ganzen gleich zu Beginn, ein schönes Zitat, eines von vielen, die ich mir notiert habe:

Sonne, Mond und Sterne – alles, was wir am Himmel sehen, hatte ich gelesen, sind nur vier Prozent des Kosmos. Der Rest? Eine dunkle Angelegenheit: Dunkle Materie. Dunkle Energie. Namen für unsere Ratlosigkeit. – Gäbe es da nicht etwas, was die Welt zusammenhält, flöge die Galaxie auseinander.

„Hatte ich gelesen“. Ich musste immer wieder googlen, es ist viel Wissenschaft in diesem Roman. Wikipedia bietet Hilfe. Und von Eintrag zu Eintrag musste ich selber klarkommen. CERN, ATLAS, G.O.L.E.M., Tim Berners-Lee, der ganz nebenbei das World Wide Web (kannte ich bereits, ganz ohne Wikipedia) erfand; viel Grundlagenforschung, Teilchen und Teilchen von Teilchen und die Theorie von alledem. Was zu beweisen war ist was zu beherrschen sein soll. Im Hinterkopf (meinem) das Shakespeare-Zitat, There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy. (kannte ich, den genauen Wortlaut aber ergoogelt.)

Die dunkle Materie mein Nichtwissen. Dass es ein Irrweg sein könnte, merkt man ja erst, wenn es hell genug ist. Es ist viel Kunst dabei. Und Wahrheit ist mehr eine Stilfrage. Es gibt das schöne Zitat vom Puzzleteil, auch gleich zu Beginn:

Einige Teile, die gut passen würden, gibt es bislang nur in unserer Fantasie. Andere bunte Puzzle-Teile fügen sich einfach nicht ein.

Es ist ebenso ein historisches Puzzle: 1816, im Jahr ohne Sommer, entstand, soll entstanden sein, der Mythos von Frankenstein, es gibt da Theorien; eine Gruppe um Lord Byron sitzt bei Kaminfeuer und erzählt sich Schauergeschichten, Mary und Percy Shelley sind dabei, Mary, da noch Percys Geliebte, kommt auf die Erzählung von der künstlichen Kreatur. Oder kommt nicht darauf, sondern kupfert ab, eigentlich eine Geschichte der Gebrüder Grimm, zu sehr gothic novel, zu sehr Schund und alles andere als ein Hausmärchen.

Und eine Gruppe von Intellektuellen heute überlegt, wie es zum Frankenstein-Mythos damals in Genf gekommen ist. Und sie erzählen sich ihre Varianten und Versionen. Da sind ein paar Tatsachen und viel Erzählung.

Wie wird man nur habhaft der Wahrheit? Wie bewältigt man den Stoff? Wie kann man da noch glauben, es bannen und beherrschen zu können? Wo ist da der Sinn?

Die Schauergeschichte, das sind wir, hier wundervoll erzählt von Olaf Trunschke; so sehr bekommt man das gar nicht mit. Es ist wie mit Nietzsches‘ Abgrund, Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein, wozu sich auch eine schöne Entsprechung im Roman findet:

Es war wie bei Frankenstein: Die arglose Kreatur blickt in den Weiher und sieht ein Monster im Wasserspiegel.

Monströs arglos geradezu. Die menschlichen Errungenschaften haben fast immer ihre Pervertierung im Gepäck, die Einsicht hinkt den Erkenntnissen hinterher.

Ich habe im Moment für mich nur ein paar Stelen setzen können, die in diese Richtung deuten könnten. Es ist auch ein Roman über Hermeneutik. Die Stelen könnten anders gesetzt sein, wozu andere Zitate zu finden gewesen wären und folglich eine weitere Interpretation zuließen, vielleicht auch eine richtige darunter. Weitere Lektüren sind erwünscht.

Es fällt mir sowieso auf -und ich spiele das Spiel mit-, dass höchst selten ein Buch eine Person dazu jemals drängte, sich ein weiteres Mal dazu zu äußern. Ist ein Buch zu arm dazu, sein Leser klüger und bereits völlig im Bilde? Langweilt es schon? Eine Rückkehr ausgeschlossen? Bücher sind begehbare Landschaften, ausgedehnt und von verschiedensten Seiten zu betreten, mit immer jeweils anderen Perspektiven.

Das war ein Einschub, der unplatziert wirkt. Ich muss mich um keine Regeln kümmern, höchstens um Anerkennung bangen. Ich kann lediglich sagen, der Roman von Olaf Trunschke hat mich in viele Richtungen zu denken angeregt. Ich möchte es ungern, da es nur noch ein paar Seiten sind, ablegen, als wäre nichts geschehen und die postulierten Fragen, von denen oft gesprochen wird, dass ein guter Roman sie stellt, verstauben einfach.

Nippes & Nepp gediehen prächtig am Fuße des Berges: Kitsch aus Kristall, Bilder & Bildchen. Mont Blanc, der Riese, zum Zwerg geschrumpft für die Vitrine.

Eine unbedingt zu empfehlende Lektüre, jedem die seine. Und ja nicht abschrecken lassen vom Titel. In diesem Buch wird fulminant erzählt, manches Wahre sogar.

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Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen, homunculus Verlag

(zu Gast bei Fräulein Schneefeld & Herr Hund am 31.10.2016, 20 Uhr

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Olaf Trunschke / Die Kinetik der Lügen / homunculusverlag

  1. Dann wünsche ich volles Haus verbunden mit einem Riesenschwund des Stapels auf dem Büchertisch.
    Mir war Titel und Autor bisher nicht bekannt, klingt interessant.
    Lieber Gruss in die Hauptstadt.

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